Its-Never-Over-Jeff-Buckley

Filmstart

It’s Never Over, Jeff Buckley

| Andreas Ungerböck |
Dokumentarische Liebeserklärung an einen früh Verstorbenen

Tim Buckley war ein begnadeter Singer-Songwriter der 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Er starb im Juni 1975 mit 28 Jahren, an einer Überdosis Heroin. Sein Sohn Jeff war ein begnadeter Singer-Songwriter der 1990er-Jahre. Er starb im Mai 1997 mit 30 Jahren, bei einem Badeunfall in Memphis, Tennessee. Was für eine Familiengeschichte, was für eine Tragödie, was für ein Stoff für ein Musiker-Biopic! Doch dies ist dankenswerterweise kein Musiker-Biopic, sondern ein Dokumentarfilm von Amy Berg, die 2006 für Deliver Us from Evil ihre Doku über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, für einen Oscar nominiert wurde. Eine Familiengeschichte hätte auch keinen Sinn ergeben, denn Tim Buckley verließ seine schwangere Freundin noch vor Jeffs Geburt. Gesehen haben sich die beiden nur einmal, als der achtjährige Jeff, der ursprünglich unter dem Namen seines Stiefvaters aufwuchs, eine Woche beim Vater verbrachte. Nach Jahren als Session-Musiker und vereinzelten Gigs in Cafés und Pubs in Manhattan trat Jeff 1991 bei einem Tribute-Konzert für seinen Vater auf. Er sang vier von dessen Songs, um ihm, wie er sagte, letzten Respekt zu erweisen und sich gleichzeitig von ihm zu lösen. Seine Performance machte einen starken Eindruck, und es gab reges Interesse von Plattenfirmen.

Buckley entschied sich für Columbia Records, nicht zuletzt wegen Bob Dylan. 1994 erschien sein erstes und einziges Album „Grace“, und das, obwohl er nur sieben fertige Songs hatte. Also nahm man, eigentlich undenkbar, drei Cover-Versionen dazu, darunter Leonard Cohens „Hallelujah“, das zu Buckleys größtem Erfolg wurde, ist doch seine Version von derartig betörender Schönheit, dass sie sogar das Original in den Schatten stellt. Das Album wurde hymnisch gefeiert und Jeff Buckley zum Superstar. Er tourte praktisch ununterbrochen und hatte kaum Zeit und Ruhe, um neue Lieder zu schreiben, was ihn sehr störte. Gerade als die Aufnahmen zu seinem zweiten Album beginnen sollten, ereignete sich das tragische Unglück.

Amy Berg traf für ihren Film die richtige Entscheidung, den Mythos Jeff Buckley ausgiebig zu feiern. Zu Wort kommen vor allem er selbst in Wort und Gesang und ansonsten nur Menschen, die ihm nahestanden, allen voran seine Mutter – die sehr viel Archivmaterial bereitstellte –, zwei Ex-Partnerinnen und seine Musiker. Ob zu viel oder zu wenig Musik vorkommt, ist bei Filmen dieser Art immer Geschmackssache, aber die Ausschnitte, die es hier zu sehen und zu hören gibt, dokumentieren eindringlich, welch musikalisches Genie Jeff Buckley war. Aber auch die Selbstzweifel und die Frage, was ein Mensch für den Ruhm zu opfern bereit ist oder sein muss, wird nicht ausgespart. Herzerwärmend.