Der europäische Intellektuelle unter den Vertretern New Hollywoods, der Missionar der Kirche werden sollte, aber einer der Filmkunst wurde – Paul Schrader zum 80.
Im extremen Close-up blitzen erste Spiegelungen auf – in den Augen, den Pupillen von Travis Bickle (Robert De Niro), als Reflexe die Lichter und Farben des nächtlichen New York. „I can’t sleep nights.“ Zum Kameraschwenk im Apartment von Bickle spricht seine Off-Stimme Tagebucheinträge – auch in Light Sleeper (1992) lässt Schrader seine Titelfigur, den Dealer John La Tour (Willem Dafoe) permanent Tagebuch führen –, die dann Bildern von den Nachtfahrten des Taxi Drivers im gelben Studebaker-Cab unterlegt sind: „All the animals come out at night: whores, skunkpussies, buggers, queens, fairies, drapers, junkies … Someday a real rain will come and wash all their scum off the street.“ Visionen vom großen biblischen Regen, die großen Reinigungs- und Weltordnungsphantasien eines einsamen, gefährlich gestörten Geistes. „There’s no escape. I’m God’s lonely man.“
Dämonen aus der Vergangenheit / Die blutige Religion
Das Drehbuch zu Taxi Driver (1976) entstand zuzeiten einer tiefen Lebenskrise Paul Schraders – die Story vom Amokläufer rettete sein Leben. Zwar kannte er die wichtigen Leute, besuchte die richtigen Partys, doch Alkohol, Schulden und die Scheidung von seiner ersten Frau hatten ihn abgewrackt, zu einem Verlorenen gemacht, ähnlich den Charakteren, die er in seinen Drehbüchern porträtiert: psychopathische Einzelgänger, virile Helden, verzweifelte Männer, Sucht, Gier, Aggression, somit den Mächten ihres Unbewussten ausgeliefert. Die Moral vermag dagegen nichts auszurichten, so scheint der Autor/Regisseur immer wieder in der Rolle eines Exorzisten, im Kampf um die Seelen, die der Gnade bedürfen, wie auf verlorenem Posten.
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„Ich fing an zu schreiben, weil ich nicht mehr hätte leben können, ohne mich mitzuteilen. Da waren diese Dämonen, die aus meiner religiösen Vergangenheit hervorkrochen, die nach Sühne verlangten. Das Christentum ist eine sehr blutige Religion, alles beruht auf dem Opfergedanken. Christus ist das Opfer, und er hat für uns sein Blut vergossen. Alle diese Dinge müssen bearbeitet und in einen anderen Zusammenhang übersetzt werden, so dass man lernt, sie zu beherrschen.“ (Schrader, 1991)
Zunächst als Drehbuchautor tätig, schrieb Paul Schrader, geboren am 22. Juli 1946 in Grand Rapids, Michigan, Taxi Driver, einen Klassiker des New Hollywood (für Martin Scorsese folgten die Drehbücher zu Raging Bull, The Last Temptation of Christ – Jesus als Zweifelnder, für Schrader eine „intelligente Provokation“ – und Bringing Out the Dead). Seit Ende der 1970er-Jahre führt Schrader selbst Filmregie, debütierte mit Blue Collar (1978), und in der weiten Spanne entstanden Werke wie American Gigolo (1980, mit Richard Gere), Affliction (1997, mit Nick Nolte und James Coburn), First Reformed (2017, mit Ethan Hawke) und The Card Counter (2021, mit Oscar Isaak).
Er kam aus einer streng religiösen calvinistischen Gemeinde, einem bilderfeindlichen Milieu, das keinerlei Kino-Unterhaltungs-Genre-Erfahrung der Kindheit zuließ, die Lust an den Moving Pictures begann für ihn erst im Erwachsenenalter gleich mit den großen Geistern: „Ich habe mich ins Kino verliebt durch Bergman, durch Antonioni“, erklärte Schrader 2009 bei der Vorstellung seines Films Adam Resurrected, in dem ein jüdischer Komiker den Holocaust als Hund überlebt hat, in Berlin über seine Anfänge. Seit Jahren habe er eine Handvoll Videokassetten bei sich, die er, wenn er einen Film vorbereite, ohne Ton mitlaufen lasse – „weil sie meinen Geist kräftigen“ (Schrader im August 1997 zur Retro in Locarno): „Performance, Il conformista, L’eclisse, Masculin–Feminin und Scorpio Rising.“
Die einflussreiche New Yorker Filmkritikerin Pauline Kael setzte ihm statt der bis dahin angestrebten Priesterschaft die Berufung zum Filmkritiker in den Kopf, überdies verhalf sie ihm zu einem Studienplatz an der UCLA in Kalifornien. Früh nutzte er seine persönlichen Lieblingsregisseure, vor allem Yasujiro Ozu und Robert Bresson, auch Carl Theodor Dreyer, um ein Programm seines eigenen, noch unrealisierten Kinos zu entwickeln, das er in Buchform veröffentlichte: „Transcendental Style in Film“ (siehe Anhang).
On the Edge
Wenngleich in Stil und Qualität, auch der Haltung sehr verschieden, ist den Filmen, die er seit Anfang der siebziger Jahre schrieb und auch selbst inszenierte, gemeinsam, dass sie sich um eine Figur, meistens ein Mann, drehen, der sich in extremen Zuständen, on the edge, befindet und an einem Wendepunkt seines Lebens angekommen ist – zwischen den Triebkräften Sex und Tod, Eros und Thanatos, die manche Figuren Schraders auf ihre Seite ziehen. Andere zerreißt es – so den Taxifahrer Travis Bickle, den Gigolo Julien Kaye, den japanischen Autor, die Samurai-Ethik ehrenden royalistischen Dandy und Putschisten Mishima, bis zu dem sexsüchtigen Star-Moderator Bob Crane in Auto Focus (2002) oder Carter Page III, Begleiter vernachlässigter Damen aus der wohlhabenden Washingtoner Gesellschaft, der schließlich sein uneigentliches Leben aufgeben kann, in The Walker (2017).
In Light Sleeper, in American Gigolo und in The Walker kommen die Protagonisten ins Gefängnis, in The Card Counter (2021) landet der nach zehnjähriger Haft aus einem Militärgefängnis entlassene Verhörspezialist, William Tell (Oscar Isaak), ein Mann magischer Rituale, den das Gefängnis zum Poker-Philosophen gemacht hat und der hier lernte, die Karten zu zählen, schließlich wieder hinter Gitter, nachdem er seinen bis dahin unbehelligt davongekommenen Folter-Ausbilder (Willem Dafoe) zur Verantwortung gezogen hat. Allesamt sind es existenziell Getriebene, die zu Reinheit und Unschuld von Bresson-Figuren – den Landpfarrer, den Taschendieb… – ebensolche Nähe aufweisen können wie zum Amok-Exzess von Taxi Driver, zur Selbstzerfleischung in Mishima (1985) oder der sadomasochistischen Bluttat eines abgründigen Paares im morbiden, üppigen Ambiente eines venezianischen Palazzo in The Comfort of Strangers
(1990).
„Wir haben lange gewartet, um zueinander zu finden“
Mit American Gigolo gelang es dem filmgelehrten Autor und Regisseur, künstlerische Vorbilder aus dem europäischen Kino anzuspielen, und zugleich auf der Handlungsebene mit der Suche nach Erlösung von der Welt des schönen Scheins, der eitlen Oberfläche, deren Attraktivität zu verströmen (mit Lauren Hutton und Richard Gere) und damit die Produzenten zufriedenstellte. Die Annäherung Schraders an die Spiritualität des filmischen Vorbilds – Robert Bressons Pickpocket (1959) – war dem Erfolg seines Films nicht abträglich, kein Schatten eines Verdachts von Intellektualität hatte sich toxisch auf das Boxoffice ausgewirkt, zu perfekt wurden die Anzugkombinationen zurechtgelegt, zu elegant und flüssig Auswahl und Gestaltung des Outfits präsentiert: „So entsteht, mitten in der Neon- und Plastiklandschaft von Süd-Kalifornien, ein fast abstraktes Morality Play, in das Schrader scheinbar anstrengungslos auch die Tröstungen des Trivialen integriert hat.“ (Hans C. Blumenberg, Die Zeit, 16.5.1980) – „Wir haben lange gewartet, um zueinander zu finden.“ (Schlussszene: American Gigolo)
Schuld und Erlösung
Beinahe das gesamte Schaffen von Paul Schrader – egal ob es sich nun um eigene Filme oder Drehbücher handelt – kreist auf die eine oder andere Weise um Schuld, Erlösung und die jeweiligen Obsessionen der Hauptfiguren. Das sind in der Hauptsache männliche Einzelgänger, erfüllt von Schmerz und Zweifel, die auf ihre eigene Art in prekären Verhältnissen Haltung einnehmen – „ambivalente Verhaltensweisen“ seien sein Thema, so Schrader. Robert De Niro, Richard Gere, Willem Dafoe gaben in dieser ersten Trilogie über männliche Außenseiter dem Schrader’schen Lebensthema einen Körper. All diese Filme sind untrennbar mit den Gesichtern und dem Habitus der jeweiligen Schauspieler verbunden. „Am Ende geht es um Charaktere. Ich interessiere mich mehr für Figuren als für den Plot. Man braucht ein bisschen Plot, aber es sind die Figuren, an die der Zuschauer sich erinnert.“ (2009)
Zwischen 2017 und 2022 schuf Schrader eine unbetitelte Trilogie, komponiert aus den Filmen First Reformed, The Card Counter und Master Gardener, die sich alle an denselben Themen orientierten. Die kammerspielartigen Werke stellen jeweils eine männliche Hauptfigur in den Mittelpunkt, die nach Schraders Worten „vor dem Hintergrund eines angespannten, gespaltenen Milieus des zeitgenössischen Amerikas“ agiere, so etwa in The Card Counter, einer subtilen Rachegeschichte, die sich mit dem Trauma von Abu Ghraib, den Folgen des „War on Terror“ im Irak-Krieg, einem Zirkel der Gewalt auseinandersetzt.
Die Leiden Jesu mit den eigenen zu verwechseln, diese Pathologie der Selbstzerstörung sei tief im Christentum verankert, so Schrader, der mit First Reformed seinen einzigen spirituellen Film in diesem Stil vorlegt und eine Hauptfigur am Kreuzungspunkt zwischen Hoffnung und Verzweiflung zeigt, in deren Enthaltsamkeit und extremem Handeln sich physischer und geistiger Schmerz ausdrücken. Es liegt nahe, hier an die Glaubenskrise des Pfarrers in Nattvardsgästerna (Licht im Winter, 1963) von Ingmar Bergman zu denken, den Schrader in seiner Studienzeit entdeckt hatte.
„Hier ist ein Mann“, so Schrader, „der das Gefühl hat, bestraft werden zu müssen, der darauf wartet, dass diese Bestrafung kommt, und dann stattdessen hofft, dass die Bestrafung eine Art Erlösung sein wird.“
Anhang:
Paul Schrader: Transcendental Style in Film: Ozu, Bresson, Dreyer.
University of California Press 1972.
Im Sommer 2026 wird Schraders frühe Schrift erstmals in deutscher Übersetzung im Alexander Verlag, Berlin, erscheinen.
