Das „11 mm“-Filmfestival in Berlin feierte seine zehnte Ausgabe. „ballesterer“-Redakteur Stefan Kraft war dabei, als die besten Fußballfilme aller Zeiten gekürt wurden.
Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika hatte den Saal schon verlassen, als der Chefredakteur des Fußballmagazins „11 Freunde“, Philipp Köster, den Preisträger für den „Besten Fußballfilm aller Zeiten“ in der Kategorie Dokumentarfilm verkündete. Maradona par Kusturica gilt fortan als Kunstwerk für die Ewigkeit und vielleicht hätte der Botschafter darüber so unverbindlich gelächelt, wie er es während seiner unverbindlichen Rede getan hatte. Es wirkte jedenfalls wie Gegengift an diesem Abend, dass die Jury den Film eines Unbeugsamen über einen anderen Unbeugsamen auszeichnete, Emir Kusturica über Diego Armando Maradona, zwei entschiedene Gegner US-amerikanischer Kriegspolitik und ihrer Repräsentanten. Ein Porträt eines Fußballers, der, wie Köster in seiner Urteilsbegründung verkündete, nie vom Widerstand gegen das Establishment abgerückt sei, vom politischen wie vom fußballerischen, und die liegen ja bekanntlich oft nicht fern voneinander.
Sie hinterließen einen schalen Beigeschmack, der Applaus und das Gelächter für den Botschafter des Drohnen sendenden Landes. Hier, am Rosa-Luxemburg-Platz, und weiter im Westen, war das politische Bewusstsein vor nicht allzu langer Zeit noch ein anderes. Ansonsten bleibt Lob auszusprechen, Lob für Birger Schmidt, den charmanten Organisator des Internationalen Fußballfilmfestivals „11mm“ und für seine Mannschaft. Lob vor allem für einen immer noch überschaubaren Programmrahmen in den sechs Tagen vom 14. bis zum 19. März 2013. Man setzt weiter auf handverlesene Filme statt üppige Vorstellungslisten, auf Liebe zum Detail, wie die Vorfilme bewiesen, auf inhaltliche Offenheit und auf Internationalität – der finnische Kicker Jari Litmanen wohnte der Vorführung einer Doku über sein Leben ebenso bei, wie die brasilianischen und israelischen Regisseure ihren Filmen.
Denn ein Fußballfilm ist ein Fußballfilm, wenn er sich hauptsächlich um Fußball dreht, und das ist bei konventionellen Spielfilmen (siehe etwa Amors Baller aus Norwegen, der Name ist Programm) ebenso der Fall wie bei Fan-Dokumentationen wie Rivals: Celtic vs. Rangers über die Glasgower Fan-Konkurrenz oder (recht lauten) Filmen über die Fanklubs der brasilianischen Vereine Flamengo und Bahia. Für die härtere Fraktion gab es Eine Reise durch die Fankurven Italiens zu besichtigen.
Zehn Jahre Jubiläum feierte „11mm“ und in neun von zehn Fällen gewann eine Doku den Hauptpreis des Festivals. Um dieses (kaum zu klärende) Missverhältnis zumindest einmal auszugleichen und um die Feierlichkeiten standesgemäß zu begehen, wurden dieses Jahr in den getrennten Kategorien Spiel- und Dokumentarfilm die besten Fußballfilme aller Zeiten gekürt. Birger Schmidt wählte aus über 1000 Filmen 150 Kandidaten aus, überließ diese einer 20-köpfigen Kommission aus Filmschaffenden, Journalisten und Fußballern und diese übergaben zehn Filme in den jeweiligen Kategorien an die jeweilige Jury.
Und, richtig, es gab dabei einen Österreich-Bezug, mit Brigitte Weichs liebevollem Dokumentarfilm Hana, dul, sed (2009) über vier nordkoreanische Kickerinnen – doch Maradona erwies sich als übermächtig. Während der Doku-Preis nach Serbien wanderte, wurde der beste Fußballspielfilm aller Zeiten nach Meinung der Jury schon 1974 in Schweden gedreht. Oder besser: Bei der Fußball-WM in Deutschland, bei der Fimpen, der Knirps seinen großen Auftritt hatte. Ein Sechsjähriger, der die schwedische Nationalmannschaft zur WM schießt, das ist ebenso unglaubwürdig wie märchenhaft und verdient nach all den Jahren eine Auszeichnung. Jan Tilman Schwab, wandelndes Fußballfilmlexikon (geschrieben hat er auch eins) sprach in seiner Würdigung von einem Film „ohne falsches Pathos“, nannte Fimpen ebenso „einmalig“ wie „heute undenkbar“, und das ist er tatsächlich, denn wohl nie wieder werden sich Nationalspieler während einer WM für einen Spielfilm von einem Sechsjährigen ein Gurkerl schießen lassen.
Eine Träne sei verdrückt für The Damned United, den nunmehr inoffiziellen besten Fußballspielfilm aller Zeiten und weiteres Lob ausgesprochen für den Kurzfilmabend „Shortkicks“ am vorletzten Tag von „11mm“. Das Publikum konnte sich nicht entscheiden und teilte den Preis für den besten Kurzfilm zwischen The Whistle aus Polen, einem mehr als lakonischen Beitrag über die geballte Depression des Schiedsrichterdaseins, und dem eher deutschhumorigen Kurzfilm Die Beschneidung. Um mit einer Randnotiz zu schließen: Der heimliche Kurzfilmstar des Festival fand sich im Programm als Vorfilm wieder. Was in Vai Pro Gol über die brasilianische Variante des Pfitschigogerlns (aus dem Programmheft: „Knopffußball“) in 22 Minuten mitgeteilt wird, inklusive dem Sänger der offiziellen brasilianischen Iron-Maiden-Cover-Band und einem Philosophieprofessor, der einen Knopf mit Walter Benjamin assoziiert, das ist zwar nicht Fußballfilm vom Reinsten, aber doch großes Kino.
