BLOSSOMS SHANGHAI

Serie | MUBI

Blossoms Shanghai

| Andreas Ungerböck |
1350 Minuten Wong Kar-wai

Seit Wong Kar-wais bislang letztem Kinofilm The Grandmaster (2013) ist ziemlich viel Zeit vergangen, in der die verschiedensten Projekte kolportiert wurden. Eines davon klang besonders spektakulär, es blieb aber leider unrealisiert: eine Serie über chinesische Gangster in den USA von 1914 bis in die Gegenwart, erzählt aus der Perspektive einer Frau, nämlich der Chefin eines Familien-Clans. 

Dafür ist seit fast drei Jahren Blossoms Shanghai fertig, Wongs üppige 30-teilige Serie nach dem Roman „Blossoms“ von Jin Yucheng aus dem Jahr 2013. Gemessen an der Größe des Unterfangens und dem Renommee seines Schöpfers, hat Blossoms Shanghai im Westen vergleichsweise wenig Staub aufgewirbelt. In China und Hongkong gab es genug Aufregung: In der Volksrepublik behauptete Ex-Crew-Mitglied Cheng Junnian, große Teile des Drehbuchs geschrieben und von Wong und der jetzt gelisteten Autorin Qin Wen ausgebremst worden zu sein. Zudem habe man ihn lausig bezahlt und auch sonst ausgebeutet. Das untermauerte er mit (nicht autorisiertem) Audiomaterial, aus dem auch hervorging, Wong habe abfällige Bemerkungen über ihn sowie über Schauspieler und Schauspielerinnen gemacht und noch mehr. Die Social-Media-Maschinerie lief heiß, ein offizielles Statement Wongs blieb aus, nur auf einem „Blossoms-Shanghai“-Account gab es eine Gegendarstellung. In Hongkong wiederum entrüstete man sich darüber, dass die Serie im Fernsehen nicht, wie üblich, Kantonesisch synchronisiert wurde, sondern im Original-Shanghai-Dialekt mit chinesischen Untertiteln ausgestrahlt wurde.

Seit 26. Februar kann man sich auf Mubi davon überzeugen, dass Wong – Skandal hin oder her – an künstlerischer Kraft nichts eingebüßt hat. Erzählt wird die Geschichte des Aufsteigers Ah Bao (Chinas Star Hu Ge) im Shanghaier Börsenfieber der späten 1980er- und der 1990er-Jahre. Aus schwierigen Verhältnissen stammend wird der junge Mann, auch mit Hilfe eines ausgefuchsten Veteranen (gespielt vom 90-jährigen You Benchang), zum Multimillionär und Society-Star. Es wäre nicht Wong Kar-wai, würde nicht eine stattliche Anzahl betörender, starker Frauenfiguren den smarten Börsenhai umgeben. Über Ausstattung, Kostüme, Musik usw. gibt es sowieso nichts zu klagen: alles vom Allerfeinsten. Vom spektakulären Start ausgehend – Ah Bao wird schon in der ersten Folge von einem enttäuschten Rivalen attackiert – entfaltet sich ein reichhaltiges Kompendium an faszinierenden Figuren und Situationen. Es lohnt sich übrigens unbedingt, von der ersten Minute an höllisch genau aufzupassen, denn das Geschehen ist ziemlich komplex, was durch Rück- und Vorausblenden noch verschärft wird.