Der Film, Martha Marcy May Marlene, ist eine ingeniöse Mischung aus psychologischem Thriller und Machtstudie: Sean Durkins Spielfilmdebüt ist eine der Aufsehen erregendsten Indie-Entdeckungen des vergangenen Jahres.
Die eigentümliche Sogwirkung dieses Films war schon vorigen Oktober im Gartenbaukino zu spüren, als das zunehmend schwätzfreudige Viennale-Publikum nach wenigen Minuten verstummte. Mit den Mitteln des Psychothrillers studiert Regisseur Sean Durkin in seinem Langfilmdebüt die Methoden und Machtstrukturen einer sektenartigen Provinz-Kommune upstate New York, der die Titelheldin (Elizabeth Olsen, nach den Zwillingen Mary-Kate und Ashley die dritte schauspielende Olsen-Schwester ) zu Beginn entflieht. Ihre Rückkehr in die Gesellschaft gestaltet sich schwierig: Sie kommt bei ihrer Schwester und deren Mann in einer Ferien-Idylle am See unter, sieht sich aber mit einer erheblichen Identitätsstörung konfrontiert, die in virtuos eingeflochtenen Rückblenden erforscht und von einer blickunsicheren Kamera forciert wird. Der charismatische Kommunenführer (John Hawkes, „Teardrop“ in Winter’s Bone) durchdringt ihre ambivalenten Erinnerungen, gleichzeitig führt ihr die Upper-Class-Attitüde ihrer Gastgeber deutlich vor Augen, was sie einst in dessen Arme getrieben hat – die Frau mit den vielen Namen scheint zwischen zwei Welten verloren.
Sean Durkin erhielt für Martha Marcy May Marlene mehrere Preise, darunter den Regiepreis des Sundance Festivals, erhielt viel Aufmerksamkeit und überwiegend lobende Kritiken von US-Journalisten und Bloggern („ein perfekt unperfekter Film“, schrieb etwa die L.A. Times). Mit Elizabeth Olsen dürfte Durkin einen der kommenden Stars Hollywoods entdeckt haben: Derart subtil war die Verwundbarkeit einer jungen Frau im Kino zuletzt selten zu sehen.
