Filmstart

The North

| Pamela Jahn |
Wandern bis zum Horizont

Der West Highland Way ist nur der Anfang. 150 Kilometer, zum Aufwärmen. Insgesamt wollen Chris (Bart Harder) und Lluis (Carles Pulido) die vierfache Strecke entlang der Westküste Schottlands zurücklegen. Zehn Jahre lang haben sich die beiden Freunde nicht gesehen. Jetzt machen sie sich gemeinsam auf den Weg durch eine atemberaubende, aber auch verdammt raue und unwegsame Natur. Zwei Männer, ein Zelt. Es kann nicht lange gut gehen.

Schon am ersten Tag stellt sich eine gewisse Distanz zwischen den beiden ein. Chris ist mit dem Kopf immer noch bei der Arbeit; die ständigen Anrufe seines Chefs machen es ihm schwer, loszulassen. Lluis dagegen scheint außer dem schweren Rucksack zusätzlich ein Geheimnis mit sich rumzuschleppen. Kaum sind die üblichen Small-Talk-Themen abgehakt, geht’s ans Eingemachte: Kinderwünsche, Karriere, die alternden Eltern. Dabei wird deutlich, dass sich nicht nur ihre Sichtweisen aufs Leben mit der Zeit verschoben haben. Sowohl ihre jeweiligen Motive für den Trip als auch ihre Alltagsroutinen sind mittlerweile andere – der eine ist Frühaufsteher, der andere ein Morgenmuffel.

Mit bedächtigem Tempo steigt Bart Schrijver in seinen Wanderfilm ein. Wohlweislich, dass 600 Kilometer vor Chris und Lluis liegen, passt der niederländische Regisseur sich von Beginn an dem Laufrhythmus seiner Protagonisten an. Mal sprinten sie voran, mal fallen sie zurück. Quartier aufschlagen, Essen kochen, Uno spielen. Dadurch entsteht ein Echtzeitgefühl, das Landschaften und Stimmungen einfängt, allerdings auf Kosten von Spannung und Dramaturgie.

Man braucht Stamina beim Wandern – und für diesen Film, in dem eine Herde blökender Schafe auf der Straße schon zu den actionreichsten Szenen zählt. Wirkungsvoller sind die Begegnungen, die Chris und Lluis auf ihrem Trip machen, wie etwa der fast 70-jährige Jack, der in dem ewigen Blick aufs Meer sein Glück gefunden hat, während seine Frau ihn abends nach der Tagesroute mit dem Mini-Van einsammelt. Wenn man ihm zuhört, scheint ein Leben an der frischen Luft plötzlich greifbar und lohnend zu sein.

Aber The North zeigt auch das Gegenteil: Die körperlichen Strapazen, den Schmerz in den Gliedern sowie die psychische Belastung, die das Wandern mit sich bringt. Zu viel Einsamkeit tut auch Chris und Lluis nicht gut, die im Verlauf ihres Trips immer wieder getrennte Wege gehen. In diesen Momenten konzentriert sich Schrijver auf das menschliche Drama hinter der beeindruckenden Kulisse. Beide Männer haben ihr Päckchen zu tragen, ob Ängste, Sorgen oder Krankheiten. Da hilft manchmal nur ein Urschrei, um den ganzen Druck abzulassen.