An einem Tag im Jahr 1973. Mit tatkräftiger Unterstützung von Sandra Hüller und Anja Plaschg setzt Regina Schilling in „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ die große Dichterin in ihr Recht.
Das Glück in der Liebe hat sie nicht gefunden. Da kann man nun natürlich einwenden, dass das mit der Liebe eh ein propagandistischer Quatsch ist, mit dem vorwiegend Hochzeitskleider verkauft und das Rentensystem am Laufen gehalten werden sollen. Aber das ist nicht nur zynisch, sondern greift auch zu kurz. Wenn Eine eine Sehnsucht hat – nämlich die, erkannt zu werden, vollständig und in ihrem innersten Wesen, und zwar von einem Mann – ausgerechnet –, dann lässt sich das nicht einfach als Spinnerei abtun. Denn das eine ist das System, und das andere ist der Mensch. Das System macht alles zur Ware und zu Geld, der Mensch, zumal der weibliche, hat Gefühle. Das System fußt auf ungleicher Machtverteilung, der Mensch, zumal der weibliche, träumt von Begegnung auf Augenhöhe. Das Wesen des Patriarchats ist die Unterdrückung der Frau. Wenn die sich widersetzt, sinnt es auf ihre Vernichtung. Ingeborg Bachmann hat das durchschaut. Und dann hat sie es am eigenen Leib erfahren. „Todesarten“ heißt der Romanzyklus, an dem sie gearbeitet hat, als sie starb, und der Fragment geblieben ist: 5000 Seiten umfassend, die sich im Nachlass fanden.
Mit dieser Information beschließt Drehbuchautorin und Regisseurin Regina Schilling ihren aktuellen Film Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war, ein essayistisches Porträt der großen österreichischen Autorin. Geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt, gestorben am 17. Oktober 1973 in Rom. Studiert nach dem Krieg in Innsbruck, Graz und Wien Philosophie, Germanistik und Psychologie. Schreibt 1950 ihre Dissertation über „Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers“, dessen Ideen sie als eine „Verführung … zum deutschen Irrationaldenken“ bezeichnet. Früher Ruhm als Lyrikerin: Die erste ihrer Zunft, die es aufs Titelblatt des „Spiegel“ schafft. Als wäre sie ein Popstar. Die Bachmann ist keine verhuschte Dichtermaus, aber die Klappe aufzureißen und sich selbst (im Wortsinn) zu behaupten, das geziemt sich nicht für eine Frau jener Zeit. Wer man war und was man sein konnte, das bestimmten immer noch die Männer.
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Regina Schilling hat sich Ruhm erworben mit zwei Dokumentarfilmen, die am Ende weitaus mehr sind als die biografischen Skizzen, die sie im Titel antäuschen. Sowohl der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Kulenkampffs Schuhe (2018) als auch Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann (2023) erzählen von bedeutenden Gestalten des Deutschen Fernsehens der Nachkriegszeit. Sowie den Sendungen, die diese geprägt haben: Der große Preis, dessen Showmaster Hans-Jochim Kulenkampff war, von den Fans liebevoll „Kuli“ genannt, und Aktenzeichen XY ungelöst, in der der immer besorgt dreinblickende „Ede“ Zimmermann Furcht und Schrecken im deutschen Wohnzimmer verbreitete, Live-Schaltungen nach Österreich und in die Schweiz inklusive. In ihrem Kern sind diese Filme mentalitätsgeschichtliche Studien, die die Verfassung einer von der eigenen Schuld traumatisierten Gesellschaft in den Blick nehmen. Der joviale Showmaster, auf den sich alle einigen können, und der moralisierende Mahner, dem manche Aufruf zur Spitzelei vorwerfen – in Schillings kluger Montage von Archivmaterial, an das ein ebenso kluger Text angelegt ist, wachsen die beiden Herren über sich hinaus und lässt sich etwas begreifen von der Essenz der Zeiten im Wandel.
Auch mit Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war gelingt es Schilling, etwas sichtbar zu machen: die (geschlechter-)politische Dimension nämlich von Bachmanns Kampf und Untergang. Sie selbst hat es in einer Fernsehsendung einmal so ausgedrückt: „… ich habe schon vorher darüber nachgedacht, wo fängt der Faschismus an. Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden, … Er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau …“ Um starke Worte war sie ja nie verlegen.
Paul Celan, Hans-Werner Henze, Max Frisch – mit diesen unterhielt Bachmann legendär unglückliche Freundschaften, leidenschaftliche Liebesbeziehungen, unklare Verhältnisse. Zeitgleich und/oder überlappend mit anderen, wie es eben kam. Sie konnten nicht miteinander, aber ohne einander konnten sie auch nicht. Es zog sich, ging hin und her. Celan heiratete dann eine andere, auch Frisch tat das, Henze war ohnehin schwul. Am Ende war Bachmann allein in Rom, tabletten-, nikotin- und alkoholabhängig. Sie hatte ein Händchen für die Falschen.
Doch das ist ein Klischee, denn es geht in diesem Kontext selbstverständlich nicht um das Scheitern an der Erfüllung einer (klein-)bürgerlichen Vorstellung vom Liebesglück, das zu Bachmanns Tod im Alter von 47 Jahren beigetragen hat. Es geht um die Idee einer künstlerischen Gemeinschaft, es geht um Zusammenarbeit und gegenseitige Anerkennung und Unterstützung. Das „Haushofer-Schicksal“ – dass die Schriftstellerei „nebenher“ läuft, weil Haushalt und die Versorgung der Familie von der Frau eben immer auch noch geschafft werden müssen – gilt es um jeden Preis zu vermeiden. Für Bachmann steht mehr auf dem Spiel als für die Männer, mit denen sie um Liebe und Arbeit verhandelt. Und umso mehr schmerzt ihr Scheitern.
Mit welchem Recht sie in ihrem Œuvre auf der weiblichen Subjektivität beharrt, steht sowieso permanent in Frage. Dass sie inmitten der von Männern beherrschten Gesellschaft auf Gehör und Akzeptanz für die Perspektive der Frau bestand, war ein Novum. In dieser Hinsicht war sie kompromisslos und der Preis dafür war hoch. Die Lyrikerin ließ man ihr wohl noch durchgehen, als die Bachmann dann aber 1956, nach der Veröffentlichung ihres Gedichtbandes „Anrufung des Großen Bären“, zur Prosa wechselte, löste das eine geradezu unverschämt insistierende Fragerei der Journalisten aus, und Irritationen, die noch in den Nachrufen ihren unanständigen Widerhall fanden. Als wäre die Prosa, jene Gattung, in der die dicken Bretter gebohrt werden, als wäre die Schriftstellerei reines Männerwerk. Man sieht das, beispielsweise wenn die schüchtern auftretende Dichterin bei Preisverleihungen mit den „masters of the literary universe“ konfrontiert ist. Wenn die dann zusehen (müssen), wie diese Frau den Preis der Gruppe 47 (1954) und den Hörspielpreis der Kriegsblinden (1959) und den Georg-Büchner-Preis (1964) und dann auch noch den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (1968) erhält. Und sich in den Gesichtern der Männer die Sorge darüber abzeichnet, was da gerade in Bewegung gerät.
Schilling feinziseliert all das mit einer schmerzhaften Akkuratesse aus dem Archivmaterial heraus und flankiert es mit „Spielszenen“, in denen die Schauspielerin Sandra Hüller sich ins Innere wagt und Gemütszustände darstellt, ohne übergriffig zu werden. Dem stehen Ausschnitte, Bilder aus Sendungen zur Seite, die die Schriftstellerin auf ihren (alltäglichen) Wegen in Rom zeigen. Da führt denn auch kein Weg um die Erkenntnis herum, dass da jemand abstürzt, auf dem absteigenden Ast ist, auf dem Weg in den Abgrund. Die Unfälle häufen sich. Im Frühjahr 1973 besucht Bachmann Polen, landet quasi zufällig in der Gedenkstätte Auschwitz, und als sie davon berichtet, ist ihrer brechenden Stimme anzuhören, dass es nie wieder so werden wird, wie vorher.
Was Schilling in Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war sichtbar macht – vielmehr: was Schilling, Hüller und Anja Plaschg (Soap&Skin, die die Musik beisteuert) in ihrer Annäherung sichtbar machen – ist das historische Subjekt Bachmann wie es in der (historischen, doch nicht so sehr vergangenen) Geschlechterspannung existiert. Um das Überleben kämpft. Verliert und untergeht.
Dieses Ringen hat man(n) sich natürlich oft genug vorgestellt und farbenprächtig ausgemalt. Das beweisen einige der Filme, die das Filmarchiv Austria in Wien zu einer kleinen Retrospektive zusammengestellt hat; zum 100. Geburtstag der Autorin am 25. Juni und parallel zum Kinostart von Schillings Film.
Die Reihe ist ungeheuer erhellend und es empfiehlt sich unbedingt, sie kontrastierend, ergänzend, vertiefend zu sehen. Präsentiert werden Arbeiten nach Texten von Ingeborg Bachmann sowie Biografisch-Essayistisches, entstanden im Zeitraum von 1976 (Michael Hanekes selten gezeigter Fernsehfilm Drei Wege zum See) bis 2022 (Margarethe von Trottas Kinofilm Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste mit Vicky Krieps in der Titelrolle). Neben Formexperimenten wie Die Geträumten (Ruth Beckermann, 2016), das den Briefwechsel Bachmann-Celan zum Anlass für das Nachdenken über die Natur menschlicher Beziehungen nimmt, und Ägyptische Finsternis (Ludwig Wüst, 2002) über den „Fall Franza“, stehen einige Spielfilme, die bei aller Unkonventionalität an Differenzierung ein wenig zu wünschen übrig lassen. Doch vor allem auf diese Filme lohnt der Blick, da sie dem mentalen Vernichtungsmechanismus, der in Schillings Arbeit präpariert wird, ungeheuer präzise entsprechen. Denn wie lautet das Totschlag-Argument gegenüber einer Frau, die sich aufregt und nicht hinnehmen will, wie ihr geschieht? Sie sei hysterisch, genau.
Bestes Beispiel, wenngleich aus heutiger Sicht kaum auszuhalten: Werner Schroeters Malina (1991) nach einem Drehbuch von Elfriede Jelinek und mit einer jenseits jeder Kontrolle agierenden Isabelle Huppert in der Rolle der freidrehenden Schriftstellerin. Auch Ihr glücklichen Augen (Margareta Heinrich, 1992) und Der Fall Franza (Xaver Schwarzenberger, 1986) betonen die historische Darstellungskonvention des Weiblichen als des Hysterischen. Gerne nehmen wir danach das Gegengift, das Regina Schilling, Sandra Hüller und Anja Plaschg verabreichen.
