Zinnini Elkington erzählt von einer Ärztin, die nach einem folgenschweren Fehler unter enormem Druck gerät und mit ihrer eigenen Ohnmacht konfrontiert wird.
Was sollen wir tun, wenn wir ein Pferd hören und es dann doch ein Zebra ist – obwohl es davor immer und immer wieder ein Pferd war? Mit dieser Frage wird die erfahrene Medizinerin Alexandra konfrontiert, nachdem sich das Schlimmste zugetragen hat, was einer Ärztin auf einer Schlaganfallstation passieren kann: Sie hat eine Symptomatik nicht richtig eingeschätzt, was fatale Konsequenzen nach sich zieht. In Zinnini Elkingtons preisgekröntem Film Nachbeben werden Fragen gestellt, die sich wohl die wenigsten Menschen außerhalb des medizinischen Bereichs jemals in dieser Intensität stellen müssen, die aber dennoch tagtäglich tausende Personen in Krankenhäusern beschäftigen. Wir folgen Alexandra durch einen ganz normalen, hektischen Arbeitsalltag. Schnell werden die zentralen Probleme deutlich herausgestellt: Fachkräftemangel, Zeitdruck, fehlende Einschulung junger Mitarbeiter. Alles muss schnell gehen, alles passiert unter Druck. Dazwischen Alexandra, die versucht, all das irgendwie zusammenzuhalten. Immer wieder betont sie gegenüber ihrer jungen Kollegin, dass sie ihre Emotionen außen vor lassen und für die Patienten da sein müsse.
Die Kamera folgt Alexandra beinahe atemlos durch die Gänge des Krankenhauses. Man fiebert bei jeder Entscheidung mit, wird durch die Bildgestaltung und die dichte Atmosphäre sofort hineingezogen in ihren stressigen Arbeitsalltag. Entscheidungen müssen in Sekunden getroffen, Eingriffe sofort abgewogen werden. Es geht – sehr wortwörtlich – um Leben und Tod, darum, ob Menschen für immer gelähmt bleiben oder nicht. Als in diesem Trubel plötzlich eine Kette von Fehlern zu einem furchtbaren Ergebnis führt, muss sich Alexandra fragen, ob sie Schuld an all dem trägt. Und genau darin liegt die große Stärke des Films: Obwohl man als Zuschauer die strukturellen Probleme sowie die permanente Überforderungen mitbekommt und rational versteht, wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte, fühlt man trotzdem jede einzelne Sekunde von Alexandras Ohnmacht mit. Nachbeben macht niemals einfache Schuldzuweisungen auf, sondern zeigt vielmehr ein System, das Menschen permanent an ihre Grenzen bringt. Beeindruckend nah erzählt die Regisseurin dabei vom sogenannten Second-Victim-Syndrom, bei dem medizinisches Personal nach Behandlungsfehlern oder traumatischen Vorfällen selbst psychisch stark belastet wird. Und wie in einem psychologischen Thriller lässt einen der Film bis zum Ende und auch darüber hinaus nicht mehr los.
