Dark Shadows

Dark Shadows

Porzellanseifenherz

| Roman Scheiber |

Der fabulierlustige Tim Burton amüsiert mit seiner Horror-Vampir-Komödie „Dark Shadows“, die sich auch als Hommage an die siebziger Jahre versteht.

In das fabelhafte Universum des Tim Burton einzutauchen, ist immer wieder ein Vergnügen. Es kommt einer Reise gleich, die man so ähnlich schon erlebt hat, die aber dann doch wieder eine ganz eigene, fantastische Erfahrung bereithält. Soll heißen: Einerseits fühlt man sich gleich aufgehoben in dieser märchenhaft schillernden Parallelwelt, mit vertrautem Personal (Johnny Depp, wer sonst, in der Hauptrolle, oder Helena „Mrs. Tim Burton“ Bonham Carter), mit den sich seltsam benehmenden und Charakteren aus früheren Burton-Filmen artverwandten Außenseitern, mit dem Méliès-haft überbordenden Erzähl- und humorvollen Detailreichtum. Andererseits sieht man in Burtons neuem Film Dark Shadows auch eine der originellsten der in jüngerer Zeit nicht eben seltenen Hommagen an die bekifften siebziger Jahre. Und nicht zuletzt schimmert, wie immer bei Burton, unter der Comédie humaine immer neu die menschliche Tragödie hindurch, als Tragödie ungelebter weil bloß normierter Leben oder als Tragödie traumatisierender Verluste. Die Panzer der verwundbarsten Figuren zerbröseln unter dem Beschuss eines unerschöpflichen narrativen Arsenals, so auch hier: Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass eine megakühle Hexe ein Herz aus Porzellan unter ihrer verführerisch dekolletierten Brust trägt?

Aber von vorn: Barnabas Collins (Depp), in den 1770er Jahren von einer enttäuschten Geliebten verflucht, zum Vampir verwandelt und lebendig an seinem Familiensitz Collinswood Manor in Maine begraben, wird durch Zufall im Jahr 1972 befreit und muss – nebst vielen neumodischen Albernheiten – feststellen, dass seiner Familie über die Jahrhunderte die entsprechenden Werte abhanden gekommen sind. Nicht nur hat sich der Zahn der Zeit in das einst prächtige Anwesen der Collins‘ verkeilt, auch sonst stehen die Dinge nicht zum Besten: Die einst wohlhabenden Fischhändler stünden quasi vor dem Konkurs, würde man sich in dieser Familie ernsthaft um so etwas kümmern. Nachdem Barnabas also seinem Grab entstiegen ist, die ihn befreienden Bauarbeiter um ihren Lebenssaft erleichtert hat, die ersten zaghaften Schritte über Asphalt getan und ein darauf rasend rollendes Ungetüm zum Stillstand gebracht hat (eine von vielen modernen Errungenschaften, die der Zeitreisende in atavistischem Amerikanisch erstaunt zu interpretieren sucht), lernt er seine Nachfahren kennen: die dekadente Mater familias (Michelle Pfeiffer), ihre pubertierende, Alice Cooper adorierende Tochter (Chloe Grace Moretz), ihren nichtsnutzigen Bruder, dessen neurotischen Sohn David und Davids exzentrische Psychotherapeutin (Bonham Carter). Und natürlich sieht das esoterisch angehauchte neue Kindermädchen (Bella Heathcote) seiner schmerzlich vermissten Gattin zum Verwechseln ähnlich, zumindest hat sie „the most beautiful birthing hips I have ever seeen“, wie Barnabas anmerkt.

In einer Gruppe Wander-Hippies (die er später kurz und schmerzlos killen wird) lernt Barnabas eine seiner eigenen Familie parallele Realitätsverweigerung kennen: Die Kiffer wollen sich genauso wenig wie die Collins mit den modernen Zeiten arrangieren. Als hauptverantwortlich für den Niedergang der Mischpoche – und auf diesen Erzählstrang konzentriert sich der Film in der zweiten Hälfte mit zunehmendem Effektfeuerwerk – stellt sich freilich jene Hexe heraus, mit der Barnabas die besagte historische Rechnung offen hat (Eva Green gibt diese Cabrio fahrende Turbokapitalistin als herrlich liebesverrückte Mischung aus Vamp und Vanitas).

Auf über 1.200 Episoden brachte es Ende der sechziger Jahre die gleichnamige, tägliche „Gothic Soap Opera“ auf ABC, auf der dieser Film basiert. Das Seifige an Dark Shadows mag Tim Burton und Johnny Depp, die sich – wie auch Michelle Pfeiffer – als Fans der Serie bezeichnen, besonders interessiert haben; immerhin haben die beiden schon mit Ed Wood (1994) dem anbetungswürdigsten Trash-Gott der Filmgeschichte ihre Reverenz erwiesen. Man mag dem Film Handlungs-Inkonsistenzen vorwerfen und ein allzu lässiges Herumspringen mit seinen überzeichneten Figuren. Doch er lebt eben gerade von seinem comic-haften Drive, von erfrischend seifigem Slapstick, von seinem Bekenntnis zur Flockigkeit. Seinen Witz bezieht Dark Shadows unter anderem aus dem Versuch des Barnabas, sich eine neue Welt anzueignen, ohne sich selbst und seine Herkunft zu verleugnen. Insofern ist er gewissermaßen ein Blutsverwandter des hyperrationalen Constable Ichabod Crane aus Sleepy Hollow (1999) oder des Barbiers aus der Horror-Musical-Adaption Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street (2007). Und Edward, nämlich jener mit den Scherenhänden (Edward Scissorhands, 1990), wirkt in seiner Verletzlichkeit und Selbstentfremdungs-Anfälligkeit sowieso in fast jeder Burton/Depp-Figur nach.

Nicht zuletzt lässt sich Dark Shadows auch als ironischer Kommentar auf das zuletzt hektoliterweise mit Frischblut versorgte Jungvampir-Genre lesen, eingebunden in eine humanistische Geschichte über Zugehörigkeit und Liebesverrat. Blut ist dicker als Wasser, so heißt das mehrfach zitierte Motto dieses Films. Ja, und das fantastische Kino des Tim Burton ist – immer noch – dicker als jede andere Erscheinungsform des Fantasy-Genres.