Wohin_der_Wind_uns_traegt

Filmstart

Wohin der Wind uns trägt

| Ania Gleich |
Zwischen Fernweh und Aufbruchsstimmung erzählt Amel Guellaty von zwei jungen Menschen, die sich mit Fantasie und Freundschaft gegen die Enge ihres Alltags behaupten.

Alyssa und Mehdi sind ein ungleiches Paar. Sie ist laut, impulsiv und ständig in Bewegung, während er die Welt lieber beobachtet, als sich ihr aufzudrängen. Trotzdem entsteht zwischen den beiden sofort eine spürbare Vertrautheit. Die aufgedrehte Alyssa steht kurz vor dem Abschluss ihrer Schulzeit und kümmert sich nach dem Unterricht um ihre jüngere Schwester sowie ihre depressive Mutter, seit Vater nicht mehr lebt. Mehdi hingegen sucht verzweifelt nach einem Job in einer IT-Firma – Stellen, die in Tunis rar sind – und zeichnet sich nebenbei seine Realität schöner, als sie in Wirklichkeit ist. 

Gemeinsam bilden die beiden ein unschlagbares Team, verbunden durch ihre Kreativität und die gemeinsame Geschichte, nachdem sie miteinander aufgewachsen sind. Die Situation scheint perspektivlos – Mehdi hat wieder einmal eine Absage erhalten, Alyssa ist mit der Lage zu Hause völlig überfordert –, als sich plötzlich eine unerwartete Chance auftut: Alyssa entdeckt einen Aushang für einen Zeichenwettbewerb in Djerba. Dem Gewinner winkt eine Artist Residency in Deutschland. Für Alyssa ist sofort klar: Der künstlerisch hochbegabte Mehdi soll den Hauptpreis erhalten und sie anschließend nach Deutschland holen. Eine Möglichkeit, ihrem engen Leben in Tunesien zu entkommen.

Was darauf folgt, ist ein Roadtrip-Movie der besonderen Art. In Wohin der Wind uns trägt erzählt Regiesseurin Amel Guellaty irgendwo auch einen Coming-of-Age-Film unter erschwerten Bedingungen. Über jugendlichem Rebellentum und nächtlichen Abenteuern liegt permanent ein Gefühl der Ausweglosigkeit. So einfach ist es für die beiden nämlich nicht, nach Europa zu gelangen. Das Meer wird dabei zu einem Sehnsuchtsort, der Wind trägt die beiden durch die knappen 90 Minuten. Wir begleiten sie auf ihrem Weg zu einer Idee von Freiheit, die sich immer wieder entzieht, und fiebern trotzdem bis zum Schluss mit. 

Am Ende bleibt ihnen immer noch ihre Fantasie: diese nie erschöpfende Möglichkeit, sich eine andere Zukunft vorzustellen. Besonders schön gelingt dem Film, wie er kleine surreale Momente und Mehdis Zeichnungen in die Geschichte einwebt, die sich in Alyssas Alltagsfantasien fortsetzen, ohne dabei seinen realistischen Kern zu verlieren. Gerade dadurch entsteht das sensible Porträt zweier junger Menschen, die irgendwo zwischen Überforderung und Fernweh trotzdem nie ihre gemeinsame Kreativität und Hoffnung verlieren.