John Woos grandiose und enorm einflussreiche Hongkong-Kracher „The Killer“ und „Hard Boiled“ sind jetzt in 4K-restaurierten Fassungen zu sehen. Ein Fest des Action-Kinos.
Dass John Woo (chinesisch: Wu Yusen), geboren 1946 in der südchinesischen Großstadt Guangzhou, mit nur fünf Filmen, die allesamt in einem Zeitraum von sechs Jahren (1986–1992) entstanden, zu einem der größten und einflussreichsten Action-Regisseure der Filmgeschichte werden sollte, war nicht selbstverständlich. In Hongkong aufgewachsen, träumte er wie viele andere junge Männer von einer Filmkarriere. Das war in der boomenden Filmindustrie einerseits einfach, weil es jede Menge Jobs gab, andererseits war auch die Konkurrenz enorm. Lange Jahre war Woo einer von vielen Auftragsregisseuren beim großen Filmstudio Golden Harvest. 1974 feierte er sein Regiedebüt mit The Young Dragon. Er arbeitete in allen Genres, vor allem an Komödien, und hatte damit kommerziellen Erfolg, aber die Filme waren alle den strengen Regeln des kantonesischen Unterhaltungskinos verpflichtet. An etwas anderes, eine eigene persönliche Handschrift gar, war nicht zu denken.
Mitte der 1980er-Jahre trafen zwei Dinge zufällig zusammen: Zum einen gab es ein neu erwachtes Interesse westlicher Experten und Expertinnen am Hongkong-Kino, nachdem man der schier unendlichen Kung-Fu-Welle der 1970er müde geworden war. Im September 1984 erschien eine Sonderausgabe der „Cahiers du cinéma“ mit dem Titel „Made in Hong-Kong“, initiiert vom glühenden Hongkong-Fan und späteren Regisseur Olivier Assayas. Thematisch überwogen zwar noch Beiträge, die das alte Studiosystem und dessen Meister feierten, aber auch ein paar Vertreterinnen und Vertreter der gerade entstehenden „Neuen Welle“ (Ann Hui, Tsui Hark, Allen Fong) fanden Erwähnung – nicht jedoch der „Gebrauchsregisseur“ John Woo.
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Genau dieser aber hatte die Ambition, aus der immer gleichen Studio-Routine auszubrechen: Es fügte sich glücklich, dass John Woo auf Tsui Hark traf, der sich eben anschickte, der große „Mogul“ (Regie, Drehbuch, Produktion) zu werden, der er bis heute ist. Unter Woos Regie und Tsuis Produktion entstand der Action-Kracher A Better Tomorrow (1986). Der Wechsel von Kung Fu zum spektakulären „Gun Fu“ bescherte nicht nur den beiden einen bis dahin nie da gewesenen Kassenerfolg, sondern dem Hongkong-Kino eine beispiellose Erfolgsära. Dutzende Action-Filme nach dem A Better Tomorrow-Strickmuster – wenn auch selten auf dessen Niveau – entstanden in der Folge. Und noch ein Mann stand plötzlich im Fokus: Der Schauspieler Chow Yun-fat, zu der Zeit gerade einmal 31 und bei weitem noch kein Star, wurde mit seiner unnachahmlichen Coolness und Lässigkeit zum Idol – so sehr, dass Produzent Tsui auf einem zweiten Teil bestand, obwohl Chows Figur am Ende des ersten Teils gestorben war. Flugs wurde ein Zwillingsbruder aus dem Hut gezaubert, und der Erfolg war enorm. Woo und Chow wurden unzertrennlich („wie Melville und Delon, Kurosawa und Mifune, Scorsese und De Niro“, so der Regisseur einmal). 1989 kam The Killer ins Kino, ein Film, der fast alles übertraf, was bis dahin in Sachen Gangster-Melodram auf die Leinwände der Welt gekommen war. Mehr noch als A Better Tomorrow war The Killer ein lustvoll-blutiges Heldenepos, von Woo überaus clever zusammengemixt aus der klassischen chinesischen Kampfkunst- und Abenteuerliteratur sowie aus Kurosawas Samurai-Epen und Filmen seiner westlichen Idole Jean-Pierre Melville, Martin Scorsese und Sam Peckinpah. Chow Yun-fats Anteil als Hauptdarsteller darf nicht unterschätzt werden.
Am 12. Mai 1989 lief The Killer beim Filmfestival in Cannes, zwei Monate vor seiner Kinopremiere in Hongkong. Allerdings war der Film in keiner offiziellen Sektion zu sehen, sondern in einer Vorführung des Internationalen Filmmarkts. Als Augenzeuge kann der Autor dieser Zeilen bestätigen, dass schon nach kurzer Zeit helle Aufregung herrschte, denn die meisten der Anwesenden – immerhin alles Film-Profis – hatten „so etwas“ noch nicht gesehen: extreme, aufs Äußerste stilisierte Gewaltszenen, Melodrama bis hin zum schieren Pathos, eine unverbrüchliche Männerfreundschaft (Originaltitel: „Das Blutvergießen zweier Helden“), noch dazu zwischen einem Gangster und einem Polizisten, und dergleichen mehr. Leute liefen aus dem Kinosaal, aber nicht, wie üblich, weil sie genug hatten, sondern weil sie, soweit das im Zeitalter vor dem Mobiltelefon eben möglich war, Bekannte und Kollegen herbeiriefen, die „das“ mit eigenen Augen sehen sollten. Und tatsächlich war der Saal gegen Ende bis auf den letzten Platz gefüllt.
Der Rest ist Filmgeschichte: The Killer wurde zum Kultfilm, begeisterte weltweit ein (vorwiegend männliches) Publikum, darunter auch viele Intellektuelle, die ansonsten um Gewaltfilme einen weiten Bogen machten, machte Chow Yun-fat endgültig zum Superstar, wurde zigfach kopiert und plagiiert (aber nie erreicht) und diente einer Heerschar von Actionregisseuren als Vorbild, von Johnnie To und Luc Besson über Robert Rodriguez bis hin zu Quentin Tarantino, der den Film „the coolest movie ever made“ nannte. Und er ließ das auch Samuel L. Jackson in Jackie Brown kundtun: „I’m serious as a heart attack. Them Hong Kong movies came out, every nigga gotta have a forty-five. And they don’t want one, they want two, ’cause nigga want to be The Killer.“ Viele Stilelemente aus The Killer (allen voran der berühmte „Mexican stand-off“, bei dem einander zwei Kontrahenten mit der Waffe bedrohen, die aufsteigenden weißen Tauben oder die in Fetzen geschossene Marienstatue in einer Kirche) gingen in den Kanon des Action-Genres ein.
Woos nächste beiden Filme wurden im Westen wesentlich weniger rezipiert, vermutlich aber auch kaum gesehen: Das hysterische, extrem blutige Melodrama Bullet in the Head (1990) um drei Glücksritter aus Hongkong, die ausgerechnet im Vietnam der späten sechziger Jahre stranden, schlug vielen auf den Magen, besonders in Hongkong. Es war ein schwieriger Film, auch deswegen, weil sich Woo im Vorfeld mit Tsui Hark entzweit hatte und Bullet in the Head schließlich selbst produzierte. Auch die ein wenig ungelenk an Hitchcock angelehnte Gaunerkomödie Once a Thief (1991) konnte trotz Superstar-Besetzung weder künstlerisch noch kommerziell reüssieren.
Mit Hard Boiled (1992) jedoch schwang sich John Woo noch einmal zu alter Größe auf, ja, viele halten den Film für den besten seiner Actionfilme. Mit wahnwitzigen Stunts, minutenlangen Feuergefechten, etwa – legendär – in der Neugeborenen-Station eines Spitals, viel Zeitlupe und einem ins Unermessliche steigenden „body count“ war der Film in der Folge kaum noch zu toppen – auch von John Woo nicht. Chow Yun-fat gab diesmal den heldenhaften, nicht korrumpierbaren Polizisten, der es mit einer schieren Unzahl von Bösewichten aufnimmt, der immer großartige Tony Leung Chiu-wai war in einer frühen Hauptrolle als Undercover-Cop zu sehen. Woos massiver Erfolg im Westen wurde in der Heimat nicht von allen goutiert, um es vorsichtig auszudrücken, und führte in letzter Konsequenz zu seinem Umzug nach Hollywood. Seither ist im Weltkino kein Stein auf dem anderen geblieben. Wong Kar Wai übernahm quasi die Rolle John Woos im Westen, seine idiosynkratischen Filme lösten eine neue Welle der Begeisterung aus, während das kommerzielle Kino Hongkongs sowohl auf dem heimischen Markt als auch in den benachbarten südostasiatischen Ländern, wo es lange Zeit gegenüber Hollywood dominiert hatte, immer mehr an Bedeutung verlor.
Wie auch immer: John Woos Verdienste um das Action-Kino sind, je weiter sie zeitlich entfernt sind, umso größer. Davon kann man sich nun anhand der wunderbar in 4K restaurierten Fassungen von The Killer und Hard Boiled überzeugen. Allein die Eröffnungssequenz des letzteren Films, in der jemand (in Woos damaligem Stammlokal „The Jazz Club“) einen Gin Tonic mixt, ist von solch elektrisierender Energie, dass sich schon allein dafür die Restaurierung gelohnt hat. Und zu The Killer hatte der früh verstorbene deutsche Filmkritiker Hans Schifferle einmal gemeint: „Ich beneide jeden, der diesen Film zum ersten Mal sieht.“ Dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen.
