Ich fürchte mich nicht vor dem Tod

| Dieter Oßwald |

Jean-Louis Trintignant gilt als Ikone des französischen Films schlechthin.

Vor 14 Jahren verabschiedete er sich von der Leinwand, um sich ganz dem geliebten Theater zu widmen. Michael Haneke schrieb ihm das Sterbedrama Liebe auf den Leib, und so ließ sich der 81-Jährige zu einem weiteren Auftritt vor der Kamera überreden. In Cannes galt er als der große Favorit auf eine Goldene Palme. Weil der Film jedoch schon Gold bekommen hatte, waren weitere Preise laut Reglement ausgeschlossen.

Warum haben Sie sich vor 14 Jahren von der Leinwand verabschiedet und machen nur noch Theater?
Ich habe Kino noch nie besonders geliebt. Für mich ist die wahre Arena eines Schauspielers die Bühne. Man dreht Filme aus Eitelkeit und weil es lohnender ist. Ich habe mich für das Theater entschieden, wobei mir durchaus bewusst ist, dass viele Zuschauer nur deshalb kommen, weil sie mich aus dem Kino kennen.

Wie hat Michael Haneke Sie überzeugt, nach dieser langen Pause doch wieder vor der Kamera zu stehen?
Als ich Caché gesehen hatte war ich sehr beeindruckt, wie grandios er die Schauspieler dort einsetzt. Damals dachte ich, auch wenn ich keine Filme mehr drehe, mit Haneke würde ich es noch einmal tun. Wie es das Schicksal will, hat er ein mir nun diese Rolle angeboten. 

Wie anstrengend war die Rückkehr vor die Kamera für Sie?
Das war sehr anstrengend, schließlich opfert man dafür zwei Monate seines Lebens. Aber wenn ich alle 14 Jahre zwei Monate opfere, dann geht das schon.

Ist das der Grund, weshalb Sie in Ihrer Karriere immer wieder einmal Pausen eingelegt haben?
Ich wollte einfach neue Dinge ausprobieren. Eine Zeitlang war ich Rennfahrer, später habe ich als Fotograf bei einer Tageszeitung gearbeitet. Solche Pausen waren mir immer wichtig, weil man als Schauspieler seine Batterien aufladen muss. Man kann nicht immer nur Schauspieler sein und in andere Rollen schlüpfen, sonst verliert man den Bezug zum Leben.

Dies ist also doch nicht Ihre endgültige Abschiedsvorstellung vom Kino?
Man soll niemals nie sagen. Aber eine Karriere im Kino interessiert mich nicht mehr besonders.

Wie war die Arbeit mit dem Perfektionisten Haneke?
Haneke stellt schon sehr hohe Anforderungen. Für diese Szene mit der Taube, die nur 30 Sekunden im Film zu sehen ist, haben wir zwei Tage lange gedreht. Eine Taube macht eben lieber das, was sie will, als was sie soll. Aber Haneke hat eine ganz präzise Vorstellung, wie die Szene aussehen soll, und so will er es auch unbedingt dann haben.

Der Tod ist ein heikles Thema, mit welchen Gefühlen haben Sie diese Rolle gespielt?
Die Rolle selbst hat mir keine Angst gemacht, das Thema allerdings schon. Das ist ein sehr starker Stoff und gerade in meinem Alter noch viel intensiver. Meine Angst ging soweit, dass ich der Produzentin sogar einmal sagte, dass ich den Film nicht mehr machen wolle. Doch sie konnte mich überzeugen, und nun bin ich sehr glücklich, diese Rolle gespielt zu haben.

Kannten Sie mit Emmanuelle Riva schon zuvor?
Nein, obwohl wir fast das gleiche Alter haben, sind wir uns zuvor noch nie begegnet. Aber natürlich habe ich sie in meiner Jugend bewundert als ich sie in Hiroshima mon amour gesehen habe. Wenn man sie auf der Leinwand sieht, hat man immer das Gefühl, dass sie ein bisschen verrückt ist. Sie dachte übrigens von mir dasselbe. Aber ein bisschen verrückt sind wir ja alle. Es war ein schöner Zufall und das Talent von Haneke, das uns beide zusammengeführt hat.

Was hat Haneke an Riva so begeistert?
Er wollte eine Schauspielerin, die keinerlei Schönheitsoperationen hinter sich hat – da gibt es inzwischen nur sehr wenige.

Hat Sie der Film zum Nachdenken über das Thema Tod gebracht?
Darüber habe ich schon vorher lange nachgedacht. Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, aber ich habe Angst vor der Krankheit. Ich selber würde mich in der Wirklichkeit eher wie die Anne im Film verhalten als wie meine eigene Figur.

Wie sieht der Alltag einer Schauspiellegende aus?
Ich bin sehr gerne in der Natur. Ich besitze ein bescheidenes Haus in der Provinz, das drei Kilometer vom nächsten Dorf entfernt ist. Dort genieße ich die ganz einfachen Dinge. Auf dem Land gibt es diese wunderbaren Düfte, nicht nur wenn die Bäume blühen, sondern selbst im Winter. Als Weinliebhaber baue ich meinen eigenen Wein an, was sehr zeitaufwändig ist. Außerdem höre ich leidenschaftlich gern Musik. Es gibt Tage, an denen ich nur der Musik lausche.

Wie stolz sind Sie auf Ihre Karriere?
Ich hatte das Glück, viel arbeiten zu können. Und im Leben passieren uns Dinge, egal ob man sie verdient hat oder nicht. Als Schauspieler war ich erfolgreich, vielleicht, weil ich dabei nicht allein die ganze Last trage. In anderen Bereichen hatte ich weniger Erfolg. Ich habe mich zweimal als Regisseur versucht, aber die Ergebnisse waren nicht besonders gelungen. Auch als Rennfahrer war ich nicht besonders gut, obwohl mir das so viel Vergnügen bereitet hat. Man kann nicht alles haben.