Unser Wohlstand basiert zu einem Großteil auf Ausbeutung

| Günter Pscheider |

Ed Moschitz im Gespräch über seinen Film „Mama Illegal“

Am-Schauplatz-Redakteur Ed Moschitz, der durch seinen Prozess gegen H.C. Strache über angeblich von ihm manipulierte Skinheads und Aufnahmebänder österreichweit bekannt wurde, setzt sich in seinem ersten Kinodokumentarfilm mit den Folgen der illegalen Arbeitsmigration auseinander.

In Moldawien als einem der ärmsten Länder Europas ist es für die meisten Männer kaum möglich, mit ihrer Arbeit (falls sie eine haben) eine Familie zu ernähren. Die einzige Chance besteht darin, dass die Frauen irgendwo in Westeuropa, meist für Hungerlöhne, Arbeiten als Putzfrauen oder Pflegerinnen verrichten, die sonst niemand machen will. Wer behauptet, dass diese Mütter ihre Kinder leichtfertig zurücklassen, um in Österreich oder Italien in Saus und Braus zu leben, sollte gezwungen werden, sich diese Langzeitbeobachtung der starken Frauen Aurica, Raia und Natasa anzuschauen. Jedes Gespräch mit ihren Kindern, sei es am Telefon oder über eine Webcam, ist eine Qual für alle Beteiligten und endet in enttäuschten Hoffnungen: Den Müttern ist ihr schlechtes Gewissen deutlich anzuhören, und die Kinder wissen nicht, was sie sagen sollen. Auch wenn man selbst keine Kinder hat, ist es wohl nicht schwierig, sich vorzustellen, was es für diese bedeutet, wenn die Mutter ihren Koffer packt und für mehrere Jahre einfach verschwunden bleibt. Ganze Schulklassen bestehen im ländlichen Moldawien aus solchen Halbwaisen auf Zeit, die bei ihren oft überforderten Vätern oder Großeltern aufwachsen. Die Kamera ist immer ganz nahe dran, um in beiläufigen Bildern das Ausmaß der Armut an Hand von Alltagsbeobachtungen wie dem katastrophalen Zustand der Straßen und der Häuser aufzuzeichnen oder auch die Wiedersehensfreude festzuhalten, wenn die Frauen dann doch ihre Heimat und ihre Angehörigen wieder besuchen können. Ed Moschitz bleibt auch bei Szenen der Entfremdung drauf, wenn die Zurückgekehrten ihre Männer demütigen, indem sie ihre Unzufriedenheit mit dem Zustand des Hauses lautstark kundtun. Schließlich sind sie eine andere Lebensqualität gewohnt, auch wenn sie in ihrem Arbeitsland nicht davon profitieren. Das ist das wahrhaft Herzzerreißende an diesem wichtigen Film: Alle vorgestellten Menschen wollen das Beste und erreichen doch nur das Schlechteste für alle Beteiligten. Im Interview lässt Ed Moschitz keinen Zweifel daran, dass vor allem die Politik gefordert ist, damit aufzuhören, die von der Gesellschaft benötigten Arbeitskräfte in die Illegalität und damit zur Aufgabe ihrer Familie zu zwingen.

Der Film wirkt sehr stark wie ein persönliches Anliegen. Wie bist du auf diesen Stoff gekommen?
Er ist im Lauf der Zeit zu einem persönlichen Anliegen geworden. Vor acht Jahren waren unsere beiden Kinder noch ziemlich klein, und wir benötigten auf Grund unserer Jobs zeitweise Kinderbetreuung. Die Großeltern wohnen in der Steiermark bzw. im Burgenland und sind nicht immer verfügbar. Wir haben es mit einer Studentin versucht, aber da ist meine ältere Tochter nach einem Dreistunden-Spaziergang im Kinderwagen völlig unterkühlt zurückgekommen und hat einige Tage mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus verbracht. Eine danach engagierte Leihoma war selten einsetzbar, weil sie so viele Theatertermine hatte. Freunde von uns haben uns dann von Aurica erzählt und dass sie sehr gut mit Kindern umgehen könne. Am Anfang haben wir überhaupt nichts von ihrem Status gewusst, und es hat uns auch nicht besonders interessiert. Aber sie ist dann immer mehr in unsere Familie hineingewachsen, und irgendwann hat sie meiner Partnerin erzählt, dass sie illegal in Österreich lebt. Ich hatte damals keine genaue Vorstellung davon, was das eigentlich bedeutet, war aber auch als Journalist sofort interessiert an diesem Thema. Ende April wollte sie zu Ostern und Muttertag nach zwei Jahren in der Fremde endlich wieder einmal nach Hause fahren. Mein damaliger Redaktionsleiter Christian Schüller fand auch, dass es eine gute Idee wäre, sie nach Moldawien zu begleiten und eine Geschichte über ihr Schicksal für Am Schauplatz zu machen.

In Moldawien habe ich in sechs Drehtagen ihre ganze Familie kennen gelernt. Mich hat vor allem die Lage der Kinder sehr betroffen gemacht. Spätestens, als ich in dieser Schule war, wo mir die Lehrerin die Kinder vorgestellt und dazu gesagt hat, wo deren Mütter und teilweise auch Väter überall arbeiten, ist mir die Dimension des Problems klar geworden. Für die Dörfer, für das ganze Land, aber letztlich auch für uns. Ab dem Moment, wo wir solche Leute beschäftigen, sind wir Teil dieses Migrationsproblems, weil wir Verantwortung für die Illegalen und auch für ihre Kinder übernehmen müssen. Wenn Aurica für meine Kinder da ist, kann ich doch, seriös betrachtet, keinesfalls wollen, dass es ihren eigenen Kindern schlecht geht. Gleichzeitig nehme ich ihnen durch dieses Beschäftigungsverhältnis die Mutter weg. Das ist für alle ein riesiges Dilemma. Geht Aurica nicht weg, hat sie kein Geld für ihre Kinder. Geht sie aber weg, gefährdet oder zerstört sie ihre Beziehung zu ihrem Mann und zu ihren Kindern. Zurück aus Moldawien habe ich anderen Leuten, die ebenfalls Frauen von den Rändern Europas beschäftigt haben, von meinen Erfahrungen erzählt, aber die haben das überhaupt nicht wahrgenommen und nicht begreifen können, was dort wirklich los ist. Im Gegenteil haben sie dann geantwortet, dass sie ihr ja helfen, indem sie sie beschäftigen. Man „hilft“ mit dem Geld vielleicht im Moment, aber die Folgen dieser Massenabwanderung haben schon eine ganz andere Tragweite.

Wie hast du deine drei Protagonistinnen dazu gebracht, sich bei doch sehr persönlichen Szenen filmen zu lassen?
Mit Aurica hatte ich ein Abkommen: Wir senden die Reportage nur, wenn sie gerade nicht in Österreich ist. Die Sendung ist dann am Muttertag unter dem Titel „Dorf ohne Mütter“ ausgestrahlt worden. Sie wollte ursprünglich, dass man ihr Gesicht nicht erkennt, aber ich habe sie davon überzeugt, dass es wichtig ist, in ihre Augen schauen zu können, ihre Mimik verfolgen zu können, damit man sich besser in sie hineinversetzen kann. Ihr Motiv einzuwilligen war – glaube ich zumindest –, dass sie die Möglichkeit erkannt hat hat, ihre schlimme Lage, die sehr viele ihrer Landsleute betrifft, einer breiteren Öffentlichkeit mitzuteilen. Diese Menschen sind ja letztlich stumm, sie haben keine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen. Im Gegenteil: Die Illegalität erfordert ein extrem angepasstes, zurückgezogenes Leben. Sie können nicht einmal schwarzfahren, weil wenn sie erwischt werden, riskieren sie die Abschiebung. Sie müssen höhere Mieten zahlen. Sie gehen abends nicht in Lokale, weil sie Angst vor Polizeikontrollen haben, verbringen also die meiste Zeit in ihren Wohnungen. Derzeit sind sie völlig rechtlos, können natürlich auch keinen Lohn einklagen oder sich gegen Missbrauch wehren. Die anderen Protagonistinnen sind ebenfalls aus Auricas Dorf. Ich habe mit sieben Frauen angefangen zu drehen, und diese drei sind übrig geblieben, vielleicht weil sie bereit waren, am weitesten zu gehen. Einige haben nach dem ersten Tag abgebrochen, manchmal waren die Frauen bereit, aber ihre Familien nicht, manchmal auch umgekehrt. Das war die Schwierigkeit an diesem Projekt, die verbindlichen Zusagen aller Beteiligten zu bekommen und dann auch den Kontakt mit ihnen über einen längeren Zeitraum zu halten. Zusätzlich waren wir auch oft genau dann dort, wenn es Konflikte innerhalb der Familien gegeben hat, weil die Frauen zuwenig Geld geschickt haben oder so lange nicht nach Hause gekommen sind. Wir wussten manchmal auch mehr über das Leben der Frauen im Westen als die Männer dort. Wir mussten aufpassen, dass die Konflikte sich nicht gegen uns und das Filmprojekt richteten.

Drei Monate nach Ausstrahlung der Sendung hat mich Aurica angerufen und gesagt, dass etwas Schreckliches passiert ist, dass ihr Mann bei einem Unfall vom Dach gefallen ist und gestorben ist. Sie hat mich um Geld für das Begräbnis gebeten, das ich ihr auch geschickt habe. Gleichzeitig wollte ich diese katastrophale Situation auch einfangen für eine Fortsetzung der Fernsehgeschichte, damals war noch keine Rede von einem Kinofilm. Vor Ort sind wir dann draufgekommen, was wirklich geschehen ist: Ihr Mann hat sich im Keller erhängt, sie und ihre Kinder haben ihn gefunden. Ihre Rückkehr hat also in einer totalen Tragödie geendet mit heftigen Streitereien schon vorher, weil er nicht wollte, dass sie wieder weggeht, sie aber darauf bestanden hat. Er hat sich wohl aus Liebe und aus Verzweiflung das Leben genommen.

Es gibt ja diese Szene im Film, wo Aurica zurück kommt und sofort alles kritisiert, was er mit dem Haus gemacht hat. Ihr ist nichts gut genug, weil sie jetzt einen westlichen Lebensstandard wenn schon nicht gewohnt ist, so zumindest aus eigener Erfahrung kennt.
Man weiß nicht, wie man selbst in so einer Situation agieren würde. Wir stammen nicht aus so einem armen, schmutzigen Dorf und kommen auch nicht in diese Situation, dass wir kurzfristig einen gewissen sozialen Aufstieg und diese „schöne“ Welt hier erleben. Eigentlich wollen diese Frauen nichts anderes als ein besseres Leben für sich und ihre Familie. Das finde ich legitim, das wollen wir alle. Außerdem verändern sich Menschen innerhalb von sieben bis zehn Jahren, so lange sind viele von zu Hause weg, und natürlich diese Frauen ganz besonders. Das Leben ist nicht mehr, so wie es war. Diese Frauen haben sich auch weiter entwickelt. Sie sind diejenigen, die es geschafft haben, die das Geld nach Hause bringen. Die meist arbeitslosen Männer, die sehr traditionell dazu erzogen sind, eine Familie zu ernähren, haben Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl. Sie stimmen nur aus der Not heraus zu, dass ihre Frauen weggehen. Wenn man nur 70 bis 100 Euro im Monat zum Leben hat, was soll man denn machen? Wenn schon Gas und Strom 30 Euro oder mehr kosten und die Lebensmittelpreise ähnlich sind wie bei uns. Brot, Milch, Obst und Gemüse vom Markt oder Bauern sind vielleicht billiger, aber Wurst und Käse, Konserven oder Fleisch, Getränke kosten gleich viel wie bei uns, westliche Konsumgüter sind sogar teurer. Das einzige, was sich ausgeht, ist das Futter für die Hühner im Garten. Schon das Gewand für die Kinder stellt ein Problem dar, ebenso wie die Schulsachen. Die meisten Menschen in Österreich wie ich selbst auch leben, verglichen dazu, in äußerst privilegierten Verhältnissen. Natürlich basiert unser Wohlstand zu einem großen Teil auf Ausbeutung, angefangen von Rohstoffen bis zur billigen Arbeitskraft in China, die unsere T- Shirts näht. Dieser Vorgänge sind wir uns oft nicht bewusst, wir sehen sie nicht oder wollen sie nicht sehen und verdrängen die Zusammenhänge.

Wie hast du es geschafft, in der für einen Filmemacher notwendigen Distanz zum Geschehen zu bleiben?
Die Vorwurfsebene kommt sehr schnell: Wie kann man nur seinem Mann, seinen Kindern gegenüber so agieren? Für mich war wichtig, es einfach zu akzeptieren, um in eine Beobachterrolle schlüpfen zu können. Anders wäre es nicht möglich gewesen. Obwohl ich schon manchmal das Bedürfnis hatte zu sagen: Ich finde es nicht korrekt, wie Sie (Wir sind immer noch per Sie) mit ihrem Mann umgehen, auch weil er sich sicher sehr bemüht hat mit den Kindern und mit dem Haus. In meiner Rolle kann man das einfach nicht machen. Das wäre nur für einen guten Freund möglich. Ein Stück weit ist man schon vertraut miteinander, ein wenig hat man auch die Rolle eines Sozialarbeiters, wohlmeinenden Unterstützers, wenn man mit Illegalen arbeitet. Und natürlich ist man auch Journalist und Filmemacher. Die Techniken borgt man sich also bei verschiedenen Berufsgruppen aus und versucht damit zu arbeiten, so gut es eben geht. Manchmal wird es zu einer Gratwanderung.

Die Frauen, die zurückkommen, sagen auch nicht immer die Wahrheit. Sie erzählen nicht, wie es hier wirklich ist, was sie alles durchmachen, was sie mit den Schleppern über die Grenze alles erlebt haben. Dieses Dorf ist so arm, dass die Meinung vorherrscht, dass es überall anders besser sein muss. Das erzeugt einen Druck auf die Rückkehrer, zu beteuern, wie phantastisch ihr Leben z.B. in Österreich ist: „Hättet ihr nur auch die Chance, nach Westeuropa zu kommen, hättet ihr auch ein so großartiges Leben, wie ich es dort gehabt habe. Und seht, was ich alles gekauft habe in dieser Zeit.“ Mit dem schlechten Gewissen im Hinterkopf, dass sie ihre Kinder so lange allein gelassen haben, muss das Erreichte noch stärker betont werden, weil sonst hätte es sich ja nicht gelohnt. Diese Botschaft hören die anderen im Dorf und wollen natürlich auch sofort auswandern. Es ist ein wenig wie ein Hype, wie eine ansteckende Krankheit. Das hat auch zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Dorf geführt. Diejenigen, die lange weg waren haben große Häuser gebaut und die anderen, die es aus verschiedensten Gründen – weil sie Heimweh bekamen und gleich wieder zurückgekehrt sind oder weil sie es von vornherein nicht übers Herz brachten, ihren Mann und ihre Kinder allein zu lassen – nicht geschafft haben. Die gibt es ja auch zuhauf. Die leben möglicherweise eine glücklichere Beziehung. Es steht mir aber nicht zu, als moralische Instanz aufzutreten.

Wie geht man beim Drehen mit den doch sehr heftigen Emotionen um. Hat man da keine Scheu, die Kamera draufzuhalten?
Man hat zwei Möglichkeiten: Man gibt die Kamera weg, oder man filmt und sagt sich, ich muss das jetzt in dem Moment ertragen, so schlimm das auch ist. Ich bin der Garant dafür, dass diese Emotionen auch ankommen, weil hätte ich sie nicht vor Ort gespürt, würden sie auch beim Zuschauer nicht ankommen. Die Cutterin und ich waren beim langwierigen Schnittprozess manchmal auch ganz schön verzweifelt. Mein Ansatz ist, die dramatischen Bedingungen in ihrer vollen Härte zu zeigen, nichts zu beschönigen, um damit etwas zu bewegen. Es ist sinnlos, die Kamera abzudrehen. Die Dinge passieren ja trotzdem. Wenn man nicht mitfilmt, kann man nur in einem netten Publikumsgespräch danach darüber berichten. Aber nichts ist stärker als ein Bild, eine authentische Szene. Es gab allerdings Momente beim Dreh, wo wir völlig verzweifelt waren und nicht weiter wussten, z.B. als Natasa auf der Polizeistation mit einem Kreislaufkollaps zusammengebrochen ist. Die auf Flüchtlingsfragen spezialisierte Anwältin Karin Klaric hat mir dann gesagt, dass das häufig passiert, weil die Angst der Flüchtlinge vor der Abschiebung so groß ist, dass sie tagelang vorher nicht schlafen. Michael hat die Kamera sofort abgeschaltet und abgestellt. Ich bin zu Natasa hin gegangen und habe Michael gesagt, er soll weiterdrehen. Er hat gezögert, aber dann doch weitergefilmt. In dem Moment ist auch schon eine Krankenschwester gekommen, die sich viel besser um sie gekümmert hat, als wir das hätten tun können, und ich habe diesen Schritt zurück aus dem Bild gemacht. Diese 30-Sekunden-Pause, in der die Kamera nicht gelaufen ist, haben wir durch eine Schwarzblende kaschiert, was manche Zuschauer gar nicht bemerken.

Wie stehst du zur Frage, ob man in Dokumentarfilmen auch inszenieren darf?
Man muss Szenen auf jeden Fall drehbar machen, schließlich kann man nicht immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Wenn Menschen sowieso zusammentreffen, aber an einem Ort, wo man nicht drehen kann, dann versuchen wir, sie woanders zusammenzubringen, wo die Bedingungen besser sind. Was sie sagen, verändert sich durch den Ortswechsel ja nicht. Mir geht es auch stark um die Erzählbarkeit der Geschichte. Es wird sehr lange beobachtet, ohne sich einzumischen. Wenn aber die Leute unter bestimmten Bedingungen nicht gefilmt werden wollen, dann muss man versuchen, das Setting neu aufzustellen. Man fragt die Leute dann, zu welchen Bedingungen sie bereit sind, dass die Kamera weiter läuft. Aber das ist eher die Ausnahme. Es gibt auch Grenzfälle, wo man, um die Geschichte erzählbar zu machen, die Leute bittet, Szenen zu wiederholen. Wenn man sicher weiß, dass etwas an einem bestimmten Ort passiert ist, man war aber nicht dabei, dann bittet man die Person einfach, ihre Handlungen zu wiederholen, noch mal an einen bestimmten Ort zu fahren und mit einer bestimmten Person zu reden.

Was könnte man tun, um die Situation der illegalen Mütter zu verbessern?
Illegale Migration von Frauen ist ein weltweites Problem. In Moldawien, wo bereits ein Drittel der Bevölkerung das Land verlassen hat, sind die Auswirkungen besonders krass, aber auch in der Ukraine, in Kirgisien oder auf den Philippinen versuchen immer mehr Menschen, der Armut zu entkommen. Vorsichtigen Schätzungen zufolge leben in Österreich 50 bis 100.000 Menschen, die sich illegal im Land aufhalten. Die sind übrigens auch ein Wirtschaftsfaktor, weil sie ja auch zum Billa einkaufen gehen und dazu noch viele Sachen kaufen, die sie nach Hause schicken. Sie müssen ein, zwei Jahre sehr hart arbeiten, nur um die 4.000 oder 5000 Euro mit Wucherzinsen für die Schlepper zurückzahlen zu können. Wobei man sagen muss, ich habe einige dieser Herren kennen gelernt, das sind keine Bösewichter mit Bart, Stiernacken, kurzen Haaren und vermummten Gesichtern. Ganz im Gegenteil: Viele sind nette Familienväter von nebenan, die sich selber als Helfer sehen und von den Frauen auch oft so gesehen werden. Sie müssten vielleicht nicht so hohe Zinsen verlangen, aber sie sagen, dass sie sonst überhaupt keinen Gewinn machen würden, weil ihre Ausgaben immer mehr werden. Je mehr die EU die Grenzkontrollen verstärkt, desto teurer werden natürlich auch die Dienste der Schlepper, desto mehr müssen sie für Bestechungen aufwenden. Es ist ja ganz klar, dass man der Korruption Tür und Tor öffnet, wenn man Grenzbeamten und Polizisten an EU Außengrenzen nur 200 Euro im Monat bezahlt, was kaum ausreicht, um deren Familie zu ernähren. Damit gehen natürlich automatisch die Grenzen auf. Aber nicht, weil die Politiker dafür sind, oder wir sie in unseren Köpfen geöffnet haben, sondern weil die Schlepper sie aufmachen und zwar mit dem Geld der Illegalen. Deshalb bleiben die Meisten auch länger als ursprünglich geplant: Erst nach ein oder zwei Jahren können sie anfangen, Geld nach Hause zu schicken, weswegen sie ja eigentlich gekommen sind. Im Moment sind sie noch Illegale, aber auf jeden Fall leben sie unter uns, und die Frage ist, wie gehen wir als Gesellschaft mit ihnen um. Bleibt es weiter ein Tabuthema, machen wir weiter Schuldzuweisungen an Leute, die eine Illegale beschäftigen, oder gehen wir vernünftig an die Sache heran? Diese Menschen leisten ja eine wertvolle Arbeit für unsere Gesellschaft. Was kann man tun, dass sie zumindest zum Arzt gehen können, für ihre Rechte kämpfen können und die Möglichkeit haben, nach Hause zu fahren und sich um ihre eigenen Kinder zu kümmern? Es war ein dezidiertes Ziel dieses Films, ein Problembewusstsein bei den Menschen, speziell den zuständigen Politikern, überhaupt erst zu schaffen, denn die haben die Möglichkeit, die Gesetze zu verändern und den Illegalen einen befristeten, legalen Aufenthalt zu gewähren. Dann könnten sich die Frauen in diesem Dorf abwechseln, eine Art Schichtdienst für drei oder sechs Monate einrichten usw. Gekoppelt mit Entwicklungsmaßnahmen für die ärmsten Länder, der Schaffung von Jobs für Frauen dort und dem Geld, dass man den Schleppern so entreißt und wieder den Frauen zurückgibt, könnte man einige positive Veränderungen herbeiführen.

Was sagst du einem FPÖ-Politiker, der dann aufschreit und befürchtet, dass die den Österreichern Jobs wegnehmen oder in den Untergrund abtauchen?
Die meisten dieser Arbeiten ist der bequeme Österreicher nicht bereit zu leisten. Wer putzt schon gern von einem fremden Menschen das Klo oder wischt jemand anderem den Arsch ab oder kümmert sich um die quengelnden Kinder für acht oder neun Euro die Stunde? Möglicherweise wird das durch die Wirtschaftskrise ein wenig zunehmen, ich glaube es allerdings nicht wirklich. Einzig im Kinderbetreuungsbereich wird es etwas schwieriger für die Illegalen, weil mehr Frauen in der Krise ihren Job verlieren und gezwungenermaßen zu Hause bleiben. Mit der FPÖ ist das so eine Sache. Ich bin mir sicher, dass der eine oder andere auch seine Verbindungen in die Welt der Illegalen hat. Es gab auch schon ein Beispiel, wo ein FPÖ-Politiker Zimmer an Illegale vermietet hat. Auch ein österreichischer Bundeskanzler hat schon einmal eine Illegale beschäftigt, die seine Mutter gepflegt hat. Es gibt auch Erzählungen von Illegalen, dass Polizisten mit ihnen im Auto sitzen, der Polizist erzählt von einer Razzia an der Herbststraße am Arbeitsstrich, und der Illegale erzählt, wie er dort gestanden ist und sie fahren gemeinsam zur Baustelle und lachen darüber.