Jarhead – Wie man den Sturm übersteht

| James Lewis Hoberman |

Das frustrierende Warten wird in „Jarhead“, Sam Mendes’ meditativer Betrachtung des ersten Irak-Kriegs, zur härtesten Prüfung.

Als eine der wenigen Hollywood-Produktionen überhaupt, die sich mit der „Operation Desert Storm“ auseinandersetzt, beleuchtet Jarhead* vor allem die frustrierende Zermürbung, der sich die Protagonisten im Vorfeld des Feldzugs ausgesetzt sahen, übt sich dabei aber gleichzeitig in eigentümlicher, geradezu akzentuierter Zurückhaltung. Basierend auf Anthony Swoffords Buch hat Sam Mendes einen Kriegsfilm inszeniert, der den eigentlichen Krieg fast vollständig ausblendet.

Das aber erscheint wiederum in höchstem Maße angemessen: Der „Desert Storm“ war nicht nur der erste Krieg, der live vor weltweitem Publikum stattfand, sondern sich auch quasi ohne Konsequenzen präsentierte (zumindest für die Nicht-Iraker). Als die Kampfhandlungen und die fernsehgerechte Aufbereitung des Golfkrieges immer mehr miteinander zu verschmelzen begannen, wurden reale Todesopfer einfach ausgeblendet. Kurz danach bezeichnete Sylvester Stallone den Einsatz als Bodenschwelle auf dem Highway der Geschichte – richtigerweise vorausahnend, dass Heldentaten in Rambo-Manier nun endgültig überflüssig werden würden.

Hollywoods erste Auseinandersetzung mit dem Golfkrieg, Edward Zwicks Courage Under Fire (1996), setzte sich dann auch nur mit einer singulären Episode auf dem Schlachtfeld auseinander, die sich, angelehnt an Kurosawas Rashomon, durch subjektive Blickwinkel an die tatsächlichen Geschehnisse anzunähern versuchte. Drei Jahre später siedelte David O. Russell den Plot seines ambitionierten, aber letztendlich doch etwas unfokussierten Three Kings bereits in den Irrungen nach dem Ende der militärischen Operationen an. Jarhead, dessen Ende ungefähr den zeitlichen Beginn von Three Kings markiert,versucht nun, die „Operation Desert Storm” über die Konzentration auf den Prolog des Krieges abzuarbeiten.

Die Stimmung in jenem Lager der Marines, in dem der Protagonist von Jarhead, Swoff (Jake Gyllenhaal), das Ausbildungsprogramm durchläuft, ist von einer Atmosphäre steigender Frustration, die zusehends rohere und brutalere Ausprägungen anzunehmen droht, geprägt. Mendes’ Regie positioniert die Figur des Swoff als einen Charakter, der sich zwar inmitten des Geschehens befindet, gleichzeitig aber auch als kritisch-distanzierte Instanz fungiert. Swoff realisiert, dass die Laufbahn als Berufssoldat ein Fehler war, noch bevor er sich in der Gesellschaft „von Verrückten und Durchgeknallten“ in der Golf-Region wiederfindet. Doch es soll noch schlimmer kommen. Das endlose Herumhängen in der Gesellschaft seiner Kameraden erscheint Swoff zusehends wie das Zusammenleben mit einer Horde infantiler, jugendlicher Neo-Nazis. In einer Schlüsselsequenz von Jarhead löst die Vorführung des von Wagners Walkürenritt unterlegten Hubschrauberangriffs aus Apocalypse Now bei den Soldaten geradezu fanatische Begeisterungsstürme aus – dermaßen aufgeputscht, hält dieser buchstäbliche Blutdurst auch noch an, als die Marines tatsächlich ins Gefecht ziehen müssen.

Jarhead konzentriert sich vor allem auf die Vorbereitungsphase von „Desert Storm“, in deren Verlauf im Herbst und Winter 1990  eine halbe Million amerikanische Soldaten in der Wüste zusammengezogen wurden (was in etwa der maximalen Truppenstärke während des Vietnamkriegs entsprach). In dieser Einöde sehen sich die Truppen mit dem endlosen Warten konfrontiert, müssen den Drill in sengender Hitze ertragen, belang- und geistlose Fragen von Journalisten beantworten, um dabei ihren Aggressionen immer öfter freien Lauf zu lassen. Hinter einer beeindruckenden physischen Präsenz und einem breit vor sich hergetragenem Grinsen macht Jake Gyllenhaal durch sein Spiel jedoch bald deutlich, dass der von ihm verkörperte Swoff innerlich unter diesen Verhältnissen mehr und mehr zu leiden beginnt. Gyllenhaals flehentlich, gequälte Blicke sind in diesem Zusammenhang oft beredter als seine Off-Kommentare, Peter Sarsgaard verleiht der Nebenrolle von Swoffs Kumpel Troy eine unerwartete Vielschichtigkeit. Jamie Foxx liefert in seiner Rolle als Sergeant mit der rauen Schale und dem weichen Kern, hinter der jedoch noch ein unerwartetes Maß an Irrsinn hervorlugt, die erwartet ansprechende Leistung.

Nach 175 Tagen des Wartens finden sich die Protagonisten von Jarhead schließlich mitten auf dem Schlachtfeld wieder. Mendes’ Inszenierung versucht mittels Zeitdehnung und subjektiver Kameraeinstellungen die Kriegseindrücke seiner Charaktere einzufangen, bietet subjektiv-individualistisch geprägte Perspektiven, die durch Szenen, wie etwa den Beschuss durch eigene Kampfflugzeuge, in ihrer Subjektivität noch bestärkt werden. Und die Frustration wächst weiter an. Als der Scharfschütze Swoff Minuten vor dem Kriegsende noch einen Einsatzbefehl erhält, muss er erst noch per Funk die Erlaubnis einholen, einen einzigen Schuss abfeuern zu dürfen. Überhaupt fungieren die Protagonisten von Jarhead in erster Linie als eine Art Beobachter der Kriegsgeschehens, sie stolpern durch eine von ausgebrannten Jeeps, verkohlten Leichen und brennenden Ölquellen gesäumte Umgebung, die in ihrem Ausmaß noch über Coppolas Apocalypse-Now-Szenario hinausgeht.

Mendes treibt den Erzählstrang von Jarhead geradlinig voran, lässt seine Protagonisten den Krieg einfach durch das Dabeisein erfahren. Er versteht es auf meisterhafte Weise, eine lakonische Grundstimmung zu erzeugen und diese auch konsequent beizubehalten. Mendes setzt die Bildsprache bei Jarhead akzentuierter ein als bei American Beauty oder Road To Perdition, die präzise, elegant gelöste Komposition filmischen Raumes wecken dabei Assoziationen zu Stanley Kubrick. Doch letztendlich fehlt Mendes jene bis ins Detail ausgeklügelte formale Gestaltung, die Kubricks filmische Welten auszeichnete, ebenso wie dessen Fähigkeit, Versatzstücke der Popkultur sarkastisch effektvoll einzusetzen. Eine Übung zum Gebrauch der Gasmaske unterlegt Mendes ziemlich einfallslos einfach nur mit Bang A Gong von T. Rex, die Beschwerde eines Soldaten wird einfach buchstäblich durch einen Song der Doors verdeutlicht: „Can’t we get our own fucking music“. So wie „Operation Desert Storm” das Gegenmodell zu Vietnam sein sollte, so knüpft Jarhead immer wieder an jene Vietnamfilme an, die die Phantasien seiner Protagonisten nähren. So wird nicht nur auf Apocalypse Now und Full Metall Jacket, sondern auch explizit auf Oliver Stones Platoon und Michael Ciminos Deer Hunter verwiesen.

Hatte Three Kings (ein weiterer Kriegsfilm, der in Jarhead paraphrasiert wird) wenigstens noch versucht, die verrückt anmutende „We are the World”-Stimmung, die man im Rahmen von „Desert Storm” zu verbreiten suchte, ebenso wie das Genre der Warmovies selbst auf ironische Weise zu hinterfragen, präsentiert sich Jarhead von Anfang an als wesentlich härtere Kost. Selbst wenn der Film versucht, ironische Töne anzuschlagen, bleibt die Grundstimmung doch bedrohlich-düster. Betrachtet man Jarhead jedoch auch als Statement zum zweiten Golfkrieg, kommt Swoffs Schlusssatz das stärkste ironische Gewicht zu: „We never have to come back to this shithole ever again!“

* jarheads = „Topfköpfe”, Spitzname der US-Marines

Der Text erschien erstmals am 1. November in der „Village Voice“.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung.