Paradise Now – Hany Abu-Assads heftig umstrittener Selbstmordattentäter-Film

Nach der Tragödie die Farce

| Gunnar Landsgesell |

Hany Abu-Assads Politdrama „Paradise Now“ löste heftige Kritik aus, dem palästinensischen Regisseur wurden Antisemitismus und sogar Hamas-Propaganda unterstellt. Dieser Text folgt einem weit weniger spektaku- lären Ereignis: der Sichtung des Films.

Paradise Now ist die Geschichte zweier palästinensischer Kfz-Mechaniker, die als Mitglieder einer politischen Gruppe als Selbstmordattentäter nach Israel geschickt werden. Einer der beiden jungen Männer, Said, ist der Sohn eines hingerichteten Kollaborateurs und will so eine Familienschande tilgen. Der zweite, Khaled, lebt bloß unter der Repression israelischer Militärpräsenz, ist aber für schlüssige Argumente über die Sinnlosigkeit der Gewaltspirale aufgeschlossen. Die kommt von der eigentlich zentralen Figur des Filmes: einer Frau, Suha, die außerhalb der besetzten Gebiete aufgewachsen ist und deshalb als minder Befangene dem Irrsinn zwischen israelischer Armee und Palästinensern eine rationale Absage zu erteilen vermag. Zudem, als kleiner Glaubwürdigkeits-Bonus, ist sie die Tochter eines „Märtyrers“.

Distanzierende Darstellungen

Es ist soweit. Khaled und Said stehen vor der Kamera, haben Overall und Schraubenschlüssel gegen Kufiya und Maschinengewehr eingetauscht, und sagen ihren Spruch auf. Bald werden die Selbstmordattentäter Märtyrer sein. Ihre Kampfparolen wie üblich als politisches Testament formulierend, stehen sie ein erstes und letztes Mal vor der Kamera. Wenige Stunden später sollen Khaled und Said, nunmehr geschoren und rasiert, in schwarzen Anzügen wie die Men in Black die Grenze nach Israel übertreten und ihren Auftrag ausführen: sich – und möglichst viele Israelis – in die Luft sprengen. Das Problem ist nur, die Kamera hat eine Panne, es wird nicht die letzte sein. Also die ganze Ansage nochmal von vorne. Das ist nicht sonderlich lustig, erinnert aber an eine dialektische Sicht. Geschichtliche Ereignisse ereignen sich zweimal, einmal als Tragödie, einmal als Farce. In der Tat haben der palästinensische Filmemacher Hany Abu-Assad – und seine Koautoren Bero Beyer und Pierre Hodgson – die Wiederholung ihrer Geschichte im Kleinen mit Elementen der Farce angereichert. Während der Bursche, dem man die Unsicherheit bereits anmerkt, seine Parole erneut aufsagt, holt der Mittelsmann der nicht näher definierten Terrorgruppe, von deren „Listenplatz“ sie eben aktiviert wurden, sein Sandwich hervor und beißt herzhaft hinein, das Geschehen umso anteilsloser verfolgend. Von pathetischer oder gar propagandistischer Aufladung der Bilder durch Abu-Assad ist hier nichts zu sehen. Nur der blank zu Tage tretende Zynismus des wohlgenährten Bartträgers mit dem hellen Anzug fällt als denkbar größter Widerspruch zu dessen vermutlicher ideologischer Rolle in diesem Sozialgeflecht auf. Irgendwann erfährt man, als Draufgabe, der Mann sei Lehrer. Der vorgebliche Freiheitskampf ein Selbstzweck, eine Irreführung, eine Farce, in der das Handeln die Zielsetzung verfehlt.

Abu-Assads Film wurde Hamas-Propaganda vorgeworfen. Eine originelle Idee. In der beschriebenen Szene attackieren die beiden Burschen Israel dafür, die Zwei-Staaten-Lösung nicht akzeptiert zu haben. Wäre das neuerdings eine Hamas-Forderung, wäre das sensationell. Einige Analysen zum radikalen Islam in der Region müssten neu verfasst werden. Viel schlimmer ist, dass die eigentlich säkulär-nationalistische Fatah-Fraktion Arafats bzw. deren Ableger massiv mit der Ikonografie der Märtyrer arbeiten. Selbst in Westbank-Städten wie Betlehem sind die Blechfronten der Geschäfte vollgepflastert mit solchen Postern. Abu-Assads Film arbeitet nicht affirmativ, sondern distanzierend mit diesen Bildern. Die Kamera funktioniert nicht, der Mittelsmann zeigt keine Empathie, der spätere Auftritt des Anführers der Gruppe ist eher technokratisch. Nicht einmal einen arabischen Bruderkuss gibt es für die zwei Helden, was Wunder, sie sind nicht mehr als ein Tauschpfand im Kalkül anderer. Das bestätigt sich auch darin, dass die Helden, nachdem die Aktion außer Kontrolle geraten ist, aus der Sicht des Anführers plötzlich als Feinde denkbar sind. Aber auch das letzte Abendmahl der beiden Burschen als Runde von zwölf Männern an einer langen Tafel – eine der wenigen tatsächlich konkret kritisierten Szenen des Filmes – bleibt in der Narration, aus der Innensicht des Filmes, stimmig; in der Rezeption erhält es durch die Wahl des christlichen Motivs als Mittel einer religiös/ideologischen Verschiebung aber eine andere Akzentuierung. Auch wenn es in der palästinensischen Bevölkerung eine christliche Minderheit gibt, ist im Kontext der Selbstmordattentate noch allemal von den 99 Jungfrauen aus der Überlieferung des Korans die Rede, die die Märtyrer im Jenseits fortan umsorgen. Und, noch eine Bemerkung zur Umdeutung der Zeichen. Es wird in Paradise Now – schon der Titel deutet in einer ironischen Abwandlung auf die israelische Friedensbewegung Peace Now hin – noch einmal eine Abwertung der Heldenikonografie erfolgen. Nachdem der erste Versuch des Attentats gescheitert ist, scheint Khaled vorerst verschwunden. Said sucht ihn, gemeinsam mit der Jugendfreundin Saids, Suha. In einer Trafik sieht Suha Videokassetten mit Fedayeen, palästinensischen Freiheitskämpfern. Auf die Frage nach dem Inhalt erklärt ihr der Besitzer, das seien die Reden der „Märtyrer“ vor der Aktion. Diese wären jetzt besonders preisgünstig, denn es gibt einen neuen Verkaufsschlager: die (gewaltsam erzwungenen) Geständnisse der (verdächtigten) Kollaborateure mit Israel, die wolle jetzt jeder sehen. An den Märtyrern hat man sich also schon satt gesehen. Freilich finden sich immer wieder Burschen und auch junge Frauen, die in so einem Attentat einen Beitrag zum Freiheitsstreben sehen.

Innen- vs. Außenperspektive

Während Said und Suha den verschwundenen Khaled suchen, diskutieren sie im Auto über Sinn und Unsinn von Selbstmordattentaten. Eigentlich ist es verblüffend, wie rasch sich Said von Suha umstimmen lässt. Geht man davon aus, dass er wohl Jahre lang mit seiner „Aktivierung“ gerechnet haben muss, und dass er viel überzeugter von der Notwendigkeit und Wirkung des Attentats war als Said, dann zeugt das doch eher von großer Ratlosigkeit denn von ideologischer Verbohrtheit dieses Protagonisten. Abu-Assad bringt in Paradise Now keine kulturellen Theoreme ins Spiel, ja, er agitiert nicht einmal durch Bilder der Besatzung, militärische Übergriffe oder Szenen der Willkür an Checkpoints, mit denen dutzende Filme auf Festivals präsent sind. Er verzichtet auf Zuspitzungen im Bild. (Man könnte argumentieren, dass er deshalb auch keine Auswirkungen des Sprengstoffanschlages zeigt.) Abu-Assads zwei Protagonisten sind allegorische Figuren, der Fokus liegt nicht auf deren Tat, mit der letztlich auch politisch nichts erklärt wird, sondern auf den Motiven. Bei Said ist das der Freiheits- und Perspektivenraub, im Film in der kollektiven Erfahrung der palästinensischen Gesellschaft verankert. Dass Saids Handlungsbereitschaft Ergebnis eines Defizits an Denkvarianten
ist, zeigt sich an der Begegnung mit Suha. Innen- trifft auf Außenperspektive. Suha, so heißt auch die Witwe Arafats, die seit Jahrzehnten in Frankreich lebt, gelingt es in wenigen Minuten, Said von der Nutzlosigkeit solcher Menschenopfer zu überzeugen. Sollte man der Freiheit einen Schritt näher kommen, indem man sich und andere in die Luft sprengt? Politik wird hier als mühsamer Dialog beschrieben, dessen jeweilige Zielsetzungen von keiner Seite herbeigebombt werden können. Währenddessen irrt Khaled mit Bombengürtel und Anzug umher, den Finger immer wieder an der Schnur zur Zündung. Er lässt keinen Dialog zu, weder mit seiner Mutter noch mit Suha, weil seine Motivation irrationaler, noch individualisierter ist. Er ist der Sohn des Kollaborateurs. Aber, er könnte dem Video in der Trafik ein anderes gegenüberstellen. Khaled führt vor allem seinen eigenen Freiheitsdiskurs. Dramaturgisch geschickt werden schließlich alle drei am Grab des Vaters zusammentreffen. Ihm fehlt das Selbstbewusstsein, das Suha hat. Schon der Beginn von Paradise Now demonstriert deren Stärke. In einem filmischen Zitat von Divine Intervention des palästinensischen Filmemachers Elia Suleiman zeigt Abu-Assad die Frau an einem Checkpoint, wie sie dem Soldaten ihren schwarzen Koffer zur Durchsuchung hinstellt. Während sich beide mit durchdringendem Blick prüfen, liegt Explosionsgefahr in der Luft. Doch Suha kommt von außen, dem Spiel der Gewalt widersteht sie locker.

Analyse des Films verhindern

Und dann ist man wieder bei den Protokollen der Weisen von Zion. Nach der Vorführung von Paradise Now während der Jüdischen Filmwoche in Wien gingen die Emotionen hoch. Anstatt der Bilder des Films wurde auf bekannte Weise der israelisch-palästinensische Konflikt anhand rhetorischer Versatzstücke zu Islamismus, Antisemitismus, Saddam Hussein und zum 11. September abgehandelt. Wieder schien ein seltsames Bemühen im Vordergrund, die Dynamik in Nahost an einem anderen Ort auf rhetorischer Ebene zu reproduzieren. Stellvertreterkriege. Für den Film interessierten sich vor allem die Schweigenden. Manche schienen eigens dafür in die Urania gekommen zu sein, den Organisatoren der Filmwoche Anti-Israelismus und schädliches Verhalten vorzuwerfen. Die Tatsache des globalisierten Antisemitismus eignete sich trefflich dazu, eine Analyse des Films zu verhindern. Auch die Anti-Deutschen durften nicht fehlen. Sie titelten ihr Flugblatt mit „Judenmord für 7 Euro“, das zwar zum Film nichts zu sagen hatte, dafür wirre Aussagen arabischer Gruppen und die unbestrittenen psychischen Folgen der Überlebenden und Angehörigen von Selbstmordattentaten darlegte. Kein Thema in der Diskussion war hingegen das fragwürdige Moment der Komplizenschaft im Film. Allem Anschein nach war dieser Komplize kein Palästinenser, sondern ein jüdischer Israeli, der aus Geldgründen die Attentäter nach Tel Aviv schleust. Eine seltsame Idee. Interessant wären in diesem Zusammenhang die Reaktionen auf Avi Mograbis jüngsten Film Avenge But One of My Two Eyes gewesen. Darin entwirft der Israeli Mograbi die provokante These, dass der erste Selbstmordattentäter der Welt ein Jude war: Samson, eine alttestamentarische Figur, riss vor 3000 Jahren die Säulen eines Tempels nieder und begrub 3000 Philister, die der Mythologie zufolge die Israeliten beherrschten, mit sich unter den Trümmern. Mograbis schöne Idee: festgefahrene Meinungen durch einen Perspektivwechsel einer Lockerungsübung zu unterziehen.