Requiem – Hans-Christian Schmid im Interview

„Christlichen Werten zu folgen, finde ich durchaus erstrebenswert“

| Tiziana Arico :: Dieter Oßwald |

„Requiem“ – Regisseur Hans Christian Schmid über Kirche & Kruzifix, Tod & Teufel, und über die Psychologie des Exorzismus.

Mit der Ehrenbürgerwürde Ihrer Geburtsstadt Altötting dürfte es jetzt wohl vorbei sein?
Man darf die Altöttinger nicht unterschätzen. Auch dort gibt es verschiedene, sogar sehr liberale Strömungen. Wo die Kirche sich öffnet, entsteht immer Gesprächskultur.

Ihr Film spielt in Tübingen, jener Stadt, deren Universität der Papst einst eilig verlassen hat, weil sie ihm wegen des dort lehrenden Hans Küng zu liberal war – da schließt sich fast ein kleiner Teufelskreis …
Wie viele Städte gibt es eigentlich neben Marktl bei Altötting und Regensburg noch, in denen der Papst mal ein paar Jahre seine Lebens verbracht hat? Dass wir in Tübingen gedreht haben, geht vor allem auf Drehbuchautor Bernd Lange zurück, der im Nachbarort Herrenberg aufgewachsen ist und an der Filmakademie Ludwigsburg studiert hat.

Requiem beruht auf einer wahren Begebenheit, auf dem Fall der Anneliese Michel Ende der 70er Jahre, ist aber kein biografischer Film. Hat das auch rechtliche Gründe?
Man muss sich natürlich rechtlich absichern. Man kann die Schauspieler nicht einfach so benennen wie man möchte. Wir haben auch den Ort und bestimmte Konstellationen verändert. Viel wichtiger war uns aber, über eine Fallstudie hinauszugehen und etwas Allgemeingültigeres, über eine bestimmte Konstellation in einer Familie, über eine nicht geglückte Ablösung zu machen. Da schien es uns schon richtig, nur indirekt Bezug zum realen Fall zu nehmen.

Dennoch: Wie haben die Angehörigen der Anneliese Michel auf Ihren Film reagiert?
Mit der Familie habe ich erst nach den Dreharbeiten Kontakt aufgenommen. Ich habe Verständnis, dass die Angehörigen keinen weiteren Rummel um diese schreckliche Sache haben wollen – zumal sich im Juli der Tod Annelieses zum dreißigsten Mal jährt. Es gibt allerdings eine Schwester, die zumindest so offen war, das Drehbuch zu lesen und sich mit mir zu treffen. Sie fand es gut, dass wir uns nicht als Voyeure betätigen und nicht den Ansatz des Spekulativen gewählt haben.

Sie selbst sind vor fünfzehn Jahren aus der Kirche ausgetreten. Wie stehen Sie zur Institution katholische Kirche?
In den letzten Jahrhunderten hat die katholische Kirche verschiedene Wandlungen durchgemacht. Der Grundgedanke, so jemandem wie Jesus Christus, als historisch belegte Figur, und diesen Werten nachzufolgen, das finde ich durchaus erstrebenswert. Dass ich aus der Kirche ausgetreten bin, muss nicht heißen, dass ich keinen Glauben habe. Ich möchte es nur nicht gerne so genau mit der Institution Kirche übereinstimmend haben.

Sind Sie auf Exorzismus-Fälle in der Gegenwart gestoßen?
Wir haben auch in der Gegenwart recherchiert. Man stößt immer wieder auf Fälle, ob das ein Kind in England ist oder eine Nonne in einem rumänischen Kloster. Ich erinnere mich an eine Geschichte einer jungen Frau in einem Dorf bei Linz, die im Wohnzimmer der Mutter verhungert ist. Da wurde zwar kein Exorzismus versucht, aber die Mutter war streng gläubig und hat auch geglaubt, dass Luzifer ihrer Tochter verboten hätte, etwas zu essen. Das ist vor rund eineinhalb Jahren passiert. Exorzismus passiert nicht überall und nicht sehr häufig, sondern eher versteckt, aber es ist schon immer noch ein Thema.

Die Hauptfigur Michaela hat psychische Probleme, die von der Kirche in den 70er Jahren, in denen der Film spielt, ja anders erklärt wurden. Wie sieht das heute aus?
Ich glaube, die Kirche ist sehr vorsichtig geworden, nicht nur wegen des Falls Anneliese Michel, sondern einfach, weil eine moderne Glaubensauslegung in der Kirche durchaus sagt: „Lass uns einen Arzt hinzu ziehen“. Exorzismus ist wirklich das allerletzte Mittel, da sind jetzt auch psychologische Aspekte wichtig. Ich bin mir nicht sicher, wie sehr die Psychiatrie oder die Psychotherapie jemandem wie Michaela helfen kann. Denn alles, was sie da so mitbringt im Gepäck, ihre Ängste, Schuldkomplexe, das ist sehr schwer zu behandeln. Sie hat ja eigentlich eine Psychose.

Vieles an Requiem erinnert an Ihren Film 23 – von der realen Vorlage über die Außenseiterrolle des Hackers Karl Koch bis zum Verfolgungswahn.
Es scheint an diesen beiden Figuren irgendetwas zu geben, was mich interessiert. Wobei mich die Frage, ob es so etwas wie dämonische Besessenheit gibt oder nicht, gar nicht besonders beschäftigt. Interessanter finde ich Menschen, die den Bezug zur Wirklichkeit verlieren und an einen Punkt kommen, an dem sie das selbst nicht mehr erkennen und ihnen nicht gelingt, einen Weg zurück zu finden.

Wie groß ist Ihr Verständnis für das Verhalten Ihrer Heldin?
Michaela ist in einer sehr extremen Situation. Sie verprellt ihre Umgebung und macht es anderen Leuten ganz schwer, an sie heranzukommen. Dennoch funktioniert dieses abgeschottete System Familie, wenngleich diese Abschottung am Ende auch zum Tod führt. Die Familie findet Trost in der Vorstellung, dass es bei Michaelas Tod um ein Sühneopfer geht – und sie glaubt fest daran, dass diese Prüfung von Gott kommt.