Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman über Truman Capote als Selbstdarsteller und Mann mit Talent zum Geschichtenerzählen.
Haben Sie gezögert, die Rolle des Truman Capote zu übernehmen, der nicht nur ein Autor ohne Skrupel, sondern auch jemand mit anstrengenden, selbstverliebten Manierismen und einem seltsamen Sprechrhythmus war?
Ich hatte Zweifel und wusste auch: Sollte ich in dieser Geschichte die Hauptrolle übernehmen und wirklich daran arbeiten, dann würde ich das in einer sehr persönlichen und gefühlvollen Weise tun, so dass all das technische Rundherum, wie ich ihn spiele, für die Zuseher des Films sekundär sein sollte.
Sie haben als bebrillter, eleganter Capote eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht.
Man kann natürlich recherchieren. Kann alles lesen, was man lesen muss, kann mit allen Leuten reden, die einem helfen, die Dinge klarer zu machen. Man kann sich Video- und Audiokassetten besorgen, all diese Dinge. Ich hatte all das zu meiner Verfügung, war allein in einem Zimmer und zwang mich, täglich ein bis zwei Stunden mit diesem Material zu verbringen.
Capote war ein sehr kleiner Mann, ein winziger Mann. Er war viel kleiner als ich, mit diesem fast schmutzigen blonden Haar und den weichen Gesichtszügen. Ich meine, es gab etwas an ihm, das entscheidend anders war: seine Art sich zu kleiden und dass jeder ihn mochte, dass jemand wie er es schaffte, in jeden Zirkel, jedes Umfeld hineinzupassen. Das war sein ganz spezielles Talent. Ich wurde von diesem gewissen Etwas, diesem Funken, erfasst. Mich faszinierte seine Art, jemanden kennen und in sehr kurzer Zeit verstehen zu lernen. Damit gewann er das Vertrauen der Menschen, so dass sie wussten, es ist okay, offen mit ihm zu reden. Außerdem hatte er das Talent, eine Geschichte so zu erzählen, dass sie einen wirklich packt, und das hatte viel mit seiner Stimme, seinem Sprechrhythmus, auch mit seiner Persönlichkeit zu tun, glaube ich. Letztendlich war er ein sehr tief empfindender Mann. Deswegen konnte man auch seine ganz eigene nackte Verletzlichkeit sehen.
Wie gut kannten Sie Capote, bevor Sie ihn spielten?
Ich erinnere mich, ihn in seinen späteren unproduktiven
Jahren gesehen zu haben, in TV-Shows der 70er Jahre. Aber an sein damaliges Auftreten erinnere mich nicht wirklich. Erst vor kurzem machte ich mich wieder mit Capotes Erscheinung vertraut, indem ich mir Interviews und Albert und David Maysles’
Dokumentarfilm A Visit with Truman Capote aus dem Jahr 1966 ansah. Die ganze Zeit vor dem Dreh dachte ich: „Wer zum Teufel ist dieser Kerl? Das ist nicht zu fassen, wie der spricht!“ Aber aufgrund seiner Intelligenz, seines Witzes und seines Einfühlungsvermögens verflogen meine Zweifel. Ich wusste, wenn ich das im Kopf habe und das authentisch rüberbringe, würden die meisten Zuseher genauso empfinden.
Der Film konzentriert sich auf die schrecklichste Periode in Capotes Leben, als er über fünf Jahre damit verbrachte,
für seinen Roman In Cold Blood zu recherchieren. Zu dieser Zeit war er von den Mördern besessen und nicht der „soziale Schmetterling“, der Breakfast at Tiffany’s schrieb.
Er besuchte vor allem Perry Smith im Gefängnis, der ja mit Dick Hickock die Clutters abgeschlachtet hatte, nach einem Raub, der nur ein paar Dollar einbrachte. Anfänglich fühlte er sich sexuell zu Smith hingezogen, aber Capote war auch seinem lebenslangen Partner Jack Dunphy zugeneigt. Aber schlussendlich hatte er den Wunsch, die zwei Mörder hingerichtet zu sehen, damit er ein passendes Ende für sein Buch hätte. Das war moralisch ohne Zweifel fragwürdig.
Übersetzung: Elena Messner
Philip Seymour Hoffman
Philip Seymour Hoffman, geboren am 23. Juli 1967 in Fairport, New York, studierte Theater an der Tisch School of the Arts der New York University. 1989 schloss er das Studium ab. Zwei Jahre später feierte er sein Filmdebüt in Amos Poes „klassischem“ New-York-Independent-Film Triple Bogey on a Five Par Hole. Wie sein Freund Steve Buscemi war und ist er vor allem ein Star der Indie-Filmszene, trotz gelegentlichen Auftritten in großen Mainstream-Produktionen. Besonders bemerkenswert sind seine markanten Darstellungen in den Filmen von Paul Thomas Anderson und in Todd Solondz’ Happiness (1998), ebenso wie in Cameron Crowes Almost Famous (2000) als Rockkritiker-Legende Lester Bangs und in Spike Lees 25th Hour (2002). Hoffman ist auch ein begnadeter Theaterschauspieler on und off Broadway und ein erfolgreicher Regisseur. Für seine Rolle als Truman Capote wurde er soeben mit dem Oscar als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Demnächst ist er neben Tom Cruise in dem Actionspektakel Mission: Impossible III zu sehen.
