In einem Tribute präsentiert Crossing Europe die dokumentarischen Arbeiten der finnischen Filmemacherinnen Susanna Helke und Virpi Suutari.
Wie beschreibt man in knapp 25 Minuten einen Tag, an dem scheinbar nichts passiert? Man stelle sich einen Sonntag im Leben einer finnischen Familie vor, der in etwa so aussieht: Der Vater arbeitet als Vertreter für Vita-mine und Reinigungsmittel, seine Frau erwartet ihr viertes Kind. Die Familie verbringt den Tag zu Hause, und dieser ist bestimmt von scheinbar bedeutungslosen Tätigkeiten des Alltags: Einkäufe werden im Kühlschrank verstaut, das Mittagessen zubereitet, zwischendurch weinende Kinder beruhigt oder belehrt. In dazwischen montierten Einstellungen übt sich der Vater in wenig überzeugenden Werbereden und erklärt sein nächsten Ziel: den Umtausch seines Honda Accord gegen einen Toyota Carina.
Wie alle Arbeiten von Susanna Helke und Virpi Suutari ist auch A Soapdealer’s Sunday (1998) gekennzeichnet von der Frage nach der Dauer, nach dem Unterschied zwischen realer und empfundener Zeit. Natürlich ist der Kurzfilm auch eine sozialkritische Bestandsaufnahme (Zwischenschnitte auf Schildkröten im Aquarium und Außenansichten des weißen Gebäudes mit gepflegtem Rasen stilisieren die Wohnung deutlich als Gefängnis), doch die wahre Qualität des Films, die auch den leeren Alltag der Familie spürbar werden lässt, sind sein Rhythmus und die Dauer der Einstellungen in Verbindung mit seinem Sujet: Noch lange, nachdem die Familie im Lift verschwunden ist, verharrt die Kamera auf der Tür; unendlich scheinen die banalen Tätigkeiten und kleinen Vorkommnisse zu dauern.
Susanna Helke und Virpi Suutari richten ihr Augenmerk stets auf einzelne Menschen, eingebettet (man könnte auch sagen: gefangen) in soziale oder ökonomische Systeme. Bereits in ihrer frühen Dokumentation Sin (1996), basierend auf den sieben Todsünden, rücken die Filmemacherinnen gewöhnliche Leute an gewöhnlichen Orten buchstäblich in den Mittelpunkt: Allein oder in Gruppen starren die Menschen in die Kamera und legen ihre „Beichte“ ab: Eine Sammlung alltäglicher, banaler Eingeständnisse, die bei weitem quälender sind als es die sieben Todsünden je sein können. Texttafeln vor dem Hintergrund der Gewalten der Natur (Wasser, Gewitter, …) strukturieren die Geständnisse und leidvollen Erfahrungen. Unter dem straffen stilistischen Korsett wird das spürbar, was die Arbeiten der Filmemacherinnen auch in Folge prägen wird: Vergänglichkeit und Erinnerung als menschliche Erfahrung.
Im 1998 entstandenen White Sky blicken sie über die Grenze in den Norden Russlands, wo die Kleinstadt Montšegorsk unter den Schwermetallen der Industrie leidet. Wenn der Wind hier aus der falschen Richtung weht, müssen die Fenster geschlossen werden, während sich die Natur längst in eine Giftwüste verwandelt hat: In langen Einstellungen tastet die Kamera die bleichen, skelettartigen Äste der toten Bäume ab. Die Kleinfamilie, deren Alltag Helke und Suutari begleiten, lebt ein Leben im Wartezustand: auf das neue deutsche Auto, auf die nächste medizinische Untersuchung, auf die nächsten Ferien. White Sky verdeutlicht exemplarisch den Zugang der Filmemacherinnen, die subjektiv empfundene Dauer und das scheinbar objektive Verstreichen der Zeit zusammenführen. Niemand kann sagen, wie lange es dauert, bis sich die Natur hier regeneriert; die Menschen aber leben in ihr in ihrer eigener Zeit, mit ihren ganz individuellen Wünschen und Erwartungen.
Es ist der das Leben bestimmende Moment, der die Filme von Helke und Suutari dominiert, der sich wie eine zweite Ebene unter die Filme legt. Im Mittelpunkt ihrer vielleicht bekanntesten Arbeit, The Idle Ones (2001), stehen drei arbeitlose Jungendliche in einer nordfinnischen Kleinstadt, die ihre Tage zwischen Faulenzen, Autofahrten und Besuchen beim Arbeitsamt verbringen. Wenn man viel Zeit hat, erlangen scheinbare Nebensächlichkeiten große Bedeutung, und das Nichtstun verlangt nach einer Methode. So wie die Kinder in A Soapdealer’s Sunday am Ende in der Früh aufwachen – ein melancholisch-bitteres Schlussbild – und ihre Zukunft kein bisschen rosiger aussieht, so wachen die drei Jungendlichen in The Idle Ones an einem neuen Tag auf, der sich vom vergangenen durch nichts unterscheidet. Die Zeit, die Helke und Suutari mit den Jugendlichen verbringen, wird nur durch das Verstreichen der Jahreszeiten und äußeren Begebenheiten erfahrbar, wenn etwa einer der drei jungen Männer, gerade Vater geworden, im nächsten Moment bereits die drei Tage aufzählt, an denen er das Kind bei der Mutter besuchen darf. Dem entsprechen auch die eingestreuten Inserts („Three days a week“), die weniger eine zeitliche Struktur schaffen als eine solche der Befindlichkeit. The Idle Ones ist kein Dokumentarfilm über Arbeitslosigkeit und gibt erst gar nicht vor, Ursachen zu erforschen oder bestimmte Umstände zu erklären. Angesichts des Erfolgsmodells des jüngsten Dokumentarfilmbooms erscheinen die Arbeiten von Helke und Suutari beinahe schon anachronistisch: Hier gibt es keine vorgefertigte Botschaft, auch nichts, das die eigene Meinung bestätigen würde, sondern nur eine spürbare Affinität zum dem, was vor der Kamera passiert.
In ihrer jüngsten Arbeit, Along the Road Little Child (2005), gibt es diese Form der Anverwandlung in spielerisch leichter Form: Zwei Gruppen von Kindern, die eine aus Finnland, die andere aus Somalia, verbringen am Stadtrand von Helsinki ihre Freizeit gemeinsam mit dem Bau einer kleinen Hütte im Wald. Die Kamera heftet sich ihnen förmlich an die Fersen, ist ständig in Bewegung, so als ob sie nur ja nichts versäumen wollte. Dazwischen: Gräser, Äste, Blüten, ein den Film dominierendes Grün des Blattwerks. Man kann Along the Road Little Child als Studie eines Mikrokosmos lesen und darüber, wie Grenzen zwischen Erwachsenen hier ihre Gültigkeit verlieren. Kleine Streitereien über Gott und Allah sind im nächsten Moment schon wieder vergessen, wenn es darum geht, wer die größeren Schachteln in den Wald schleppt. Doch wie in allen Arbeiten von Helke und Suutari ist es auch hier nicht die Thematik, die den Film bestimmt, sondern die Erfahrbarkeit von Zeit: Denn es ist nicht wichtig, die buchstäblichen Schauplätze der Welt aufzusuchen, sondern die Stunden der Wahrheit. zu erfassen – jene Momente die uns alle ein Leben lang begleiten.
Crossing Europe
Das Festival Crossing Europe findet dieses Jahr zum dritten Mal statt. Von 25. bis 30. April sind im O.K Centrum für Gegenwartskunst (wo sich auch das Festivalzentrum befindet), im Moviemento und im City-Kino sowie in der KAPU rund 140 Filme aller Formate, Stilrichtungen und Längen zu sehen. Kernstück ist der Wettbewerb Europäisches Kino: Dort laufen acht bis zehn europäische Kinofilme junger Regisseure und Regisseurinnen, die ihre Debüt- oder zweiten Filme präsentieren – mit Mut zum Unkonventionellen und mit Aufmerksamkeit für gesellschaftspolitisch relevante Themen. Der Crossing Europe Award European Competition ist mit 10.000 Euro dotiert und wird von einer internationalen Jury vergeben. Im Europäischen Panorama sind Spiel- und Dokumentarfilme zu sehen, die in der laufenden Saison international Beachtung gefunden haben, aber im regulärem Kinoalltag kaum mehr Platz finden. Ein besonderes Augenmerk dabei gilt Filmen aus und über verschiedene(n) Musik- und Jugendkulturen. Weitere Programmpunkte sind u. a. der Tribute an Susanna Helke und Virpi Suutari, das schon traditionelle Special zum Thema Arbeitswelten und der mit 6.000 Euro dotierte Wettbewerb „Local Artists“ für oberösterreichische Filmemacherinnen und Filmemacher. Die Reihe „Artist in Residence“ ist diesmal dem 33-jährigen russischen Künstler Viktor Alimpiev gewidmet, dessen Oeuvre gleichermaßen in Malerei, Theater und Film wurzelt. Alimpiev studierte Malerei und Kunsterziehung und war Teilnehmer der Biennale 2003 und der Theater Biennale 2005 in Venedig sowie der Manifesta San Sebastian 2004.
Diskussionen mit den anwesenden Filmschaffenden und eine spektakuläre Nightline im O.K Centrum, in deren Rahmen auch die deutsche Schauspielerin Julia Hummer mit ihrer Band Too Many Boys auftreten wird, runden das Programm ab.
