Inside Man – Das Richtige getan

| Andreas Ungerböck |

Mit faszinierender Souveränität entwickeln Regisseur Spike Lee und Drehbuchautor Russell Gewirtz in Inside Man einen Thriller der Extraklasse.

Die Ausgangssituation ist binnen Minuten etabliert. Über 100 Jahre Filmgeschichte helfen dabei, es ist alles klar: Eine Gruppe von maskierten, als Malertruppe getarnten Räubern, die eines Morgens eine Bank mitten in Manhattan überfallen, Kunden und Angestellte als Geiseln nehmen und geradezu darauf warten, dass sich die Polizei in breiter Phalanx vor dem Bankgebäude aufbaut. Gesagt, getan. Eben noch haben Keith Frazier (Denzel Washington) und sein Partner Bill Mitchell (Chiwetel Ejiofor) im Büro müde gescherzt, und schon heißt es: „Christmas comes early this year.“ Ein spektakulärer Bankraub: die perfekte Chance für Frazier, seine angeschlagene Reputation (er steht unter dem Verdacht, Geld aus einem Drogendeal veruntreut zu haben) wiederherzustellen. Die Hüte aufgesetzt, und los geht’s.

Dann Stillstand, das Warten auf die Forderungen der Räuber, angeführt von einem Mann namens Dalton Russell (Clive Owen), das gegenseitige Belauern, die zähen Verhandlungen am Telefon, die Freilassung einzelner Geiseln, der Pizza-Service mit dem Ziel, Abhörgeräte in die Bank einzuschleusen, verängstigte Geiseln hier, angespannte Polizisten da, die sich mit Zynismus behelfen, wo die Logik versagt. Im Hintergrund: die Medien auf der Jagd nach der Quote, die Chance auch für Frazier, seine Freundin via Fernsehauftritt zu beeindrucken.

Something’s not right

Russell nennt Frazier am Telefon „Serpico“ und beweist seine filmische Bildung: Polizeifilme wie Sidney Lumets Serpico (1973) oder Dog Day Afternoon (1975) standen Pate. Aber irgend etwas stimmt nicht. Die Forderungen der Bankräuber klingen nicht echt, die Stimmen, die aus dem Bankgebäude abgehört werden, schon gar nicht (Ist es Russisch? Nein, Albanisch, wie eine eigens herbeizitierte Albano-Amerikanerin zweifelsfrei feststellt – die Bankräuber spielen eine Rede des Ex-Großen-Vorsitzenden Enver Hodscha ab, haben gewusst/gewollt, dass Wanzen im Pizzakarton sind, narren die Polizei). Hier biegt Inside Man ab und nimmt Wendungen, die noch kein Film dieser Art genommen hat. Schon sehr früh sehen wir immer wieder Fraziers Gespräche mit Geiseln, die offenbar alle (?) heil die Bank verlassen haben, ein Vorgriff, der irritiert, sich am Ende aber als wahres dramaturgisches Wunderwerk erweist. Frazier setzt den Geiseln zu, unterstellt jedem/jeder in recht drastischen Worten, die Bankräuber unterstützt zu haben oder selbst dazuzugehören. Hier beweist Autor Russell Gewirtz schon in seinem ersten verfilmten Drehbuch wahre Meisterschaft. Statt Routine Innovation: Nicht der bestens bekannte Hollywood-Räuber-und-Gendarmen-Plot läuft hier ab, sondern Gewirtz baut Irritationen und Brüche ein, die man so noch nicht gesehen hat: Was wollen die Bankräuber? Geld ist es offenbar nicht. Warum wird der jüdische Bankbesitzer Arthur Case (Christopher Plummer) so nervös und schaltet die knallharte Brokerin Madeliene White (Jodie Foster) ein, die gerade noch mit einem Neffen Osama Bin Ladens über einen Immobiliendeal verhandelt hat? Und: Wer sind die Bankräuber überhaupt?

Dazu kommen verbale Duelle (zwischen Washington und Owen, Washington und Foster, Owen und Foster) und one-liner, wie man sie aus Hollywoods besten Screwball Comedies kennt. Obwohl im Kern des Plots ein dunkles, ernstes Geheimnis nistet, ist Inside Man auch wahnsinnig komisch – die Szene, in der die Polizisten zu eruieren versuchen, welche Sprache die Geiselnehmer sprechen, ist purer Slapstick und ein böser Seitenhieb gegen die mangelnde geopolitische Bildung der Amerikaner. Diese äußert sich auch in der Festnahme eines aus der Bank frei gelassenen Angestellten, eines Sikh, den die Polizisten offensichtlich für den leiblichen Bruder Bin Ladens halten, so hysterisch sind sie. Man nimmt ihm, pietätlos, ignorant, den Turban ab. Spike Lee hat sich erst kürzlich in einem Interview über den wachsenden Rassismus „aus Ignoranz“ geäußert, darüber, dass man Angehörige verschiedenster Ethnien respektlos camelfuckers und towelheads nennt und kollektiv für Araber = Terroristen hält. Mit solchen kleinen, gelungenen Szenen heben Gewirtz und Lee das Katz-und-Maus-Spiel auf eine neue, eine politische Ebene: Sie sind Indizien der allumfassenden Paranoia, die die USA seit 9/11 gepackt hat und die Lee schon in der Aufsehen erregenden hate speech von Monty Brogan (Edward Norton) in 25th Hour (2002) dokumentiert hat: „Ich habe nie an diesen Schmelztiegel-Scheiß geglaubt“, sagt Lee im erwähnten Interview, und jetzt brechen die alten Vorurteile mit Vehemenz wieder aus.

Ungeahnte Leichtigkeit

An den Schmelztiegel-Scheiß nicht geglaubt hat Lee schon 1989, in seinem vielleicht bekanntesten und pointiertesten Film, Do the Right Thing, in dem es um das prekäre Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen in einem afroamerikanischen Viertel in Brooklyn geht, wo ein Italoamerikaner (Danny Aiello) mit seinen beiden Söhnen eine Pizzeria betreibt. Das mühsam unterdrückte gegenseitige Misstrauen explodiert, als weiße Polizisten einen jungen Schwarzen beim Versuch der Festnahme töten. Mookie (Lee selbst) wirft in hilfloser Wut eine Mülltonne durch die Auslagenscheibe der Pizzeria, und dann bricht die Hölle los. Man warf Lee damals umgekehrten Rassismus vor und dass er zur Gewalt aufrufe – ein absurder Vorwurf, denn politisch und gesellschaftlich motivierte Gewalt sind, wie man tagtäglich in den Medien lesen kann, Konstanten des US-amerikanischen Alltags. Lee hat die Problematik des alltäglichen Rassismus immer wieder thematisiert, von Jungle Fever (1991) über Malcolm X (1992) und Clockers (1995) bis hin zu seiner Mediensatire Bamboozled (2000). Dass er dabei des öfteren den pädagogischen Zeigefinger mehr als nötig ausgefahren hat, mag eine Tatsache sein, das ändert aber nichts an der Relevanz vieler seiner Positionen. Auch in Inside Man gibt es solch eine didaktische Szene, als Russell/Owen bei einem schwarzen Jungen, der sich in der Gewalt der Geiselnehmer befindet, ein Videogame findet, dessen Inhalt ausschließlich darin besteht, dass einander schwarze Männchen brutal abknallen („Kill dat nigga“),  aber selbst sie ist vergleichsweise humorvoll abgefedert.

Spike Lee hat auch nicht auf seine stilistischen Markenzeichen  verzichtet, die in manchen seiner Filme unfreiwillig grotesk wirken, hier aber fast schon ironisch zitiert werden: ein oder mehrere Schauspieler, die sich, auf einem Dolly gegenüber der Kamera „fixiert“, quasi gleitend fortbewegen oder die notorische sich um die Protagonisten drehende Kamera. Aber Lee demonstriert hier eine formale und erzählerische Gelassenheit und Souveränität, die vielen seiner mitunter angestrengten und anstrengenden politischen Parabeln fehlt. Nicht nur der US-Kritiker Kent Jones monierte in seinem sehr aufschlussreichen Aufsatz The Invisible Man (1997), Lee stehe sich mit seinem selbst auferlegten politischen und volksbildnerischen Anspruch und seinem unbedingten Willen, jede Zehntelsekunde seiner Filme unter Kontrolle zu haben, selbst im Weg. Von der Bürde befreit, das Geld für seine bisweilen recht teuren Spike Lee Joints aufstellen zu müssen (siehe auch das folgende Interview), entwickelt sich hier so etwas wie eine ungeahnte Leichtigkeit, eine Meisterschaft, die seine Kritiker – und davon gibt es nicht wenige – ihm seit Beginn seiner Karriere (1986 tauchte er mit dem Überraschungs-Indie-Filmhit She’s Gotta Have It kometengleich auf) absprechen. Dazu gehört auch sein Umgang mit Schauspielern, die er, so Kent Jones’ Kritik, beständig an die Kette lege, damit sie ihm nicht die Show stehlen. In Inside Man ist nichts davon zu spüren. Vor allem Denzel Washington spaziert buchstäblich und metaphorisch durch den Film und erweist sich nach allerlei durchwachsenen Rollen in den letzten Jahren einmal mehr als einer der begnadetsten Entertainer Hollywoods.

Spike Lee did the right thing, karrieretechnisch: Der Protagonist des New Black Cinema, der mangels Mitstreitern die Festung Hollywood fast im Alleingang für sich und seine afroamerikanischen Kollegen und Kolleginnen gestürmt hat (Halle Berry, Wesley Snipes, Samuel L. Jackson, Denzel Washington, Giancarlo Esposito und Angela Bassett haben alle schon früh bei Lee gespielt; Regisseure wie Antoine Fuqua oder F. Gary Gray verdanken ihre Hollywood-Laufbahn indirekt auch seinem Engagement), ist im intelligenten Mainstream angekommen. Er hat sich nicht verkauft, er hat sich neu erfunden.

Möglicherweise ist nun endlich der fast utopisch scheinende Punkt erreicht, an dem zumindest in Hollywood, das sich dieser Tage wieder betont liberal gibt, nicht mehr zwischen Black Cinema und dem angeblich vorherrschenden Kino unterschieden wird. Dass Spike Lee sich im Mainstream nicht untätig suhlen wird,davon kann man ausgehen. Das beweist schon sein nächstes Projekt: ein TV-Dokumentarfilm über den Hurrikan „Katrina“ und die katastrophalen Versäumnisse der Regierung und der lokalen Behörden, der, soviel ist sicher, für reichlich Gesprächsstoff sorgen wird.