Sprachlose Trauer: Die stumme Hanna pflegt den blinden Josef. Langsam entsteht eine Beziehung. Und plötzlich bricht das Grauen hervor.
Hanna ist allein mit sich und der Welt. Eine Welt, die aus stumpfer Fabrikarbeit besteht, aus Routine, aus dem täglichen, immergleichen Mittagessen (Huhn, Reis, ein halber Apfel), kurz: aus Einsamkeit. Andere Menschen gibt es nicht in dieser Welt. Kollegen, klar, die schon, aber mit denen spricht Hanna nicht, und nicht nur, weil sie fast taub ist. Nein. Weil sie mit Menschen nichts mehr zu tun haben will, nichts mehr zu tun haben kann. Denn noch etwas gibt es, in Hannas Welt: einen Schmerz, der alles verzehrt. Kein Mensch sei eine Insel, hat jemand einmal behauptet.
Hanna beweist mit jeder Faser ihres Daseins das Gegenteil.
In dem reichlich melodramatischen Film My Life Without Me (einer tränenreichen Etüde übers Zu-früh-Sterben) bewies die katalanische Regisseurin Isabel Coixet schon vor zwei Jahren ihr großes Gespür für die kleine Geste: Nicht zuletzt dank ihrer kongenialen Hauptdarstellerin Sarah Polley gelang Coixet ein bescheidener, zutiefst humaner Film, der ohne Effekte ausgesprochen effektiv war. Mit ihrem zweiten englischsprachigen Langfilm, Das geheime Leben der Worte, geht Coixet noch einen Schritt weiter. Einen entscheidenden Schritt. Wieder brilliert Polley in der Hauptrolle, diesmal steht ihr jedoch ein ebenbürtiger Filmpartner zur Seite: Tim Robbins als Josef, Arbeiter auf einer Bohrinsel vor der irischen Küste, der nach einem schrecklichen Unfall erblindet ist und schwer verletzt darniederliegt. Über einige Umwege wird Hanna, von ihren Kollegen aus der Fabrik gemobbt, zu seiner Krankenpflegerin. Noch immer spricht sie kaum ein Wort, ganz im Gegensatz zu ihrem Patienten, der unablässig versucht, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Eine Beziehung entwickelt sich, langsam, und plötzlich brechen tatsächlich die Worte aus Hanna heraus. Kaum fassen sie den Schrecken, den sie beschreiben. Und plötzlich geht ihr Schmerz uns alle etwas an. Plötzlich wird aus dem (meisterhaften) Melodram ein (gnadenlos) politischer Film. Das individuelle Trauma erweist sich als Teil einer kollektiven Geschichte. Hanna mag immer noch allein sein mit sich und der Welt. Und doch, und das ist das Entscheidende: diese Welt ist nicht die einer Filmfigur. Es ist unsere. Dafür gibt es kaum Worte. Aber es gibt diesen Film, und das macht ihn so wertvoll.
