Einer von 2000 Menschen wird intersexuell, also mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren. In Tintenfischalarm erzählt einer von ihnen seine Geschichte.
Sonderbar eigentlich, dass ein „Zwitter“ zu sein eine solche Katastrophe sein soll. Als Mensch zwischen den Geschlechtern hat man doch viel mehr Möglichkeiten, viel mehr Freiheit, wird nicht im selben Umfang eingeengt von Rollenerwartungen und Verhaltenszwängen wie jemand, der zweifelsfrei nur Mann oder nur Frau ist. Sollte man meinen. Doch wie immer: weit gefehlt! Das duale Denken duldet kein Sowohl-als-auch, das Geschlechterverhältnis keine Wanderer zwischen den Welten. Gesehen wird nur der Mangel, nicht der Gewinn, und die Unmöglichkeit einer Zuordnung wird als Drohung wahrgenommen. Also greift man zum Messer. Obwohl medizinisch in den meisten Fällen gar nicht notwendig, wird dem intersexuell geborenen Säugling operativ ein eindeutiges Geschlecht verpasst. Meist ist es das weibliche, weil sich damit „bessere Ergebnisse“ erzielen lassen, was immer das heißen soll. Ob die physisch hergestellten Geschlechtsmerkmale später mit der psychischen Geschlechtsidentität zusammenpassen, interessiert dabei nicht. Die persönlichen Dramen, die das zur Folge hat, kann man sich vorstellen.
Tintenfischalarm schildert die Lebens-/Leidensgeschichte des Intersexuellen Alex Jürgen, den eine engstirnig nur in den Kategorien männlich-weiblich denkende Gesellschaft seiner Möglichkeiten beraubt hat. Als Kind zur Frau umoperiert, fühlt er sich in diesem Körper niemals wohl und entschließt sich im Herbst 2003, sein Leben als Mann fortzusetzen. Drei Jahre lang begleitete Elisabeth Scharang Alex Jürgen mit ihrer Kamera und dokumentierte geduldig und mitunter etwas langatmig den schwierigen Prozess einer allmählichen Identitätsklärung. Dabei wechseln eher traditionell aufgebaute Interview-Situationen, in denen Scharangs Wortbeiträge des öfteren reichlich banal bleiben, sich ab mit geradezu herausfordernd intimen Szenen, in denen Alex Jürgens unbedingte Offenheit einen mitreißt. Nicht nur gelingt es der konfrontativen Kraft dieser Szenen, die Dringlichkeit des Anliegens unmittelbar einleuchten zu lassen, auch das Drama dieses an Leib und Seele verstümmelten Menschen wird in seiner ganzen erschreckenden Tragweite deutlich. Allerdings versetzt es einen Stich, wenn am Ziel des langen, gewundenen Wegs durchs Zwischenreich der Geschlechter doch wieder nur die Entscheidung für das Eine oder das Andere steht.
