Für seine Berichterstattung über die WM 2002 bekam er den renommierten Grimme-Preis, viele halten ihn für den besten Fußballkommentator Deutschlands: 11 Fragen an Premiere-Anchorman Marcel Reif.
Jetzt mal ehrlich, Herr Reif, kann Deutschland Weltmeister werden?
Wenn ein Wunder passiert, ja. Zu Hause zu spielen, kann beflügeln oder ein Druck sein, dem man nicht standhält. Von einer nüchternen Betrachtung der Qualität gibt es vier, fünf Mannschaften, die einfach besser sind als die deutsche.
Das Match gegen die Fifa haben einfache deutsche Fans und gewöhnliche deutsche Unternehmen schon verloren, Stichwort Vermarktungs-Exklusivität. Wie sehen Sie das?
Das zu beweinen, fällt mir manchmal schwer. Da gibt es sicher alberne und groteske Auswüchse, aber wenn Sponsoren so viel Geld rein tun, dann haben die einen Anspruch auf Exklusivität.
Ich kann nicht von Unternehmen, die zwei- bis dreistellige Millionenbeträge zahlen, verlangen, dass sie Konkurrenten zulassen. Vom Grundsatz her habe ich das zu akzeptieren.
Welche Auswüchse erscheinen Ihnen grotesk?
Dass man einen Titel wie „WM 2006“ schützen lässt, finde ich lächerlich. Da überdrehen die gewaltig.
Viele Kommentatoren meinen, die Fifa habe sich zu einer Art Fußballweltregierung entwickelt.
Die halten sich alle vier Jahre für den absoluten Nabel der Welt und überreagieren in marketingtechnischer Hinsicht. Am Ende wird aber doch Fußball gespielt, und am Ende werden doch Fans im Stadion sein.
Manche Fans nicht, die sich nämlich Karten aus diversen Sponsorenkontingenten nicht leisten können, die zu aberwitzigen Preisen auf dem Schwarzmarkt landen.
Das ist eine bedauerliche Tatsache, aber das ist schon länger so und es lohnt sich nicht, darüber zu diskutieren. Dass der Fußball ein großes Geschäft geworden ist, damit muss man leider leben. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie man die Schraube zurück drehen soll.
Sie kommentieren unter anderem das Eröffnungsspiel Deutschland – Costa Rica und das Finale. Ihre Tipps?
Wenn Deutschland Costa Rica nicht schlägt, brauchen wir gar nicht weiterreden. Aber es wird schwer, denn für Costa Rica wird das der Auftritt vor der Weltöffentlichkeit, den sie in tausend Jahren nicht wieder haben werden. Mein Weltmeistertipp ist nicht originell: Brasilien oder Argentinien.
Manche meinen, Sie seien ein „Stimmungsmoderator“, so wie es „Stimmungsspieler“ gibt. Stimmt das?
Ist mir neu. Ich gebe mich keinen Stimmungen hin außer jenen, die das Spiel hergibt. Wenn ein Spiel gut ist, bin ich euphorisch, wenn nicht, bin ich nicht euphorisch. Entscheidend ist, was da unten passiert, und da habe ich noch immer große Demut davor.
Von welchen Mannschaften erwarten Sie, dass sie für gute Stimmung sorgen werden?
Ich glaube, dass die Holländer einen sehr guten Fußball spielen. Ich glaube, dass die Engländer einen sehr guten Fußball spielen, schade nur, dass Rooney nicht dabei sein wird. Italien ist für mich der ungeheimste Geheimfavorit, und dann gibt es natürlich die notorisch Verdächtigen, wie schon gesagt: Argentinien, Brasilien.
Für das Fernsehen wird jedes Spiel mit 25 Kameras produziert. Übertrieben?
Wenn man damit verantwortlich umgeht, nein. Natürlich, wenn man Kindern zu viele Spielzeuge gibt, wird es schwierig. Aber wenn man sich bewusst macht, wofür man da ist, nämlich die Distanz zwischen dem Stadion und Zuhause so gut es geht zu verringern, habe ich kein Problem mit vielen Kameras. Nur dem Zwang, alle permanent zu nutzen und damit zu viel zu inszenieren, sollte man entgehen.
Ein Chip im Ball könnte heute ein Wembley-Tor verhindern. Wie sehen Sie den technischen Fortschritt?
Grenzwertig. Alles, was uns nützt, ist gut. Aber alles, was dem Spiel die Seele nimmt, ist nicht gut. Über die WM 1966 würden wir ohne das Wembley-Tor, außer in Rückblicken, nie mehr reden. Wenn ein Schiedsrichter dauernd das Spiel unterbricht und auf einen Videobeweis wartet, dann nehme ich dem Spiel die Seele. Dass ein Chip im Ball mir sagt, ob der Ball hinter der Linie ist, dagegen habe ich nichts.
Das wird ihre sechste WM. Denken Sie schon gelegentlich ans Aufhören?
Mein Vertrag läuft bis 2008, bis zu Ihrer Heim-EM. Da können wir dann weiter darüber reden. Mein einziger Plan ist: Ich möchte derjenige sein, der sagt „Jetzt höre ich auf“, und zwar bevor Sie es mir sagen.
