Fünf Filme von Catherine Breillat neu auf DVD.
Das weibliche Begehren und der männliche Blick. Das schreibt sich schnell und liest sich leicht. Es bedeutet aber etwas Kompliziertes, an dem sich bereits zahllose kluge Köpfe abgearbeitet haben und abarbeiten. Einer dieser klugen Köpfe gehört Catherine Breillat. Das Werk der 1948 geborenen französischen Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin ist umstritten. Nicht zuletzt wegen der expliziten Darstellungen von sexuellen Akten, die darin selbstverständlicher Bestandteil der Handlung sind. Beziehungsweise vielmehr als Grund und Motiv, Alpha und Omega dessen dienen, was erzählt wird.
„Pornografie“ lautet ein Breillat gern und oft gemachter Vorwurf, dem freilich ein übereilter Kurzschluss zugrunde liegt. Der wiederum nicht verwundert, denkt man an die hitzigen Debatten zwischen PorNO- und FemPorn-Verfechterinnen, deren Ergebnis sich einstweilen so zusammenfassen lässt: Der Blick der Frau auf das sexuell explizite Bild kann nie ein simpel voyeuristischer sein, weil er im politischen Kontext des herrschenden Patriarchats geworfen wird. Also gilt es, das Bild aus diesem Kontext zu befreien und sich anzueignen. Leichter gesagt als getan. Nicht wenige Feministinnen auch sehen in Breillat eine Verräterin, weil sie sich der schlichten Dichotomie von guter Frau und bösem Mann verweigert und ihre Untersuchungen der Geschlechterspannung von einem anderen Blickwinkel aus betreibt.
Breillat nimmt sich diesen Konflikt – der an vielen Orten der Welt und in vielen Bereichen eben tatsächlich jener sprichwörtliche Krieg der Geschlechter ist – auf der Ebene des Konkreten, also der der Geschlechtsteile vor. In ihrem Werk geht sie von Sexualität als einer schlicht menschlichen Praxis aus. Einer Praxis, die sich in einem gesellschaftlichen Projektionsraum mit Zuschreibungen von Weiblichkeit respektive Männlichkeit auflädt und dadurch kompliziert, verzerrt und erschwert wird. In der sexuellen Interaktion, sowie den meist hochkomplexen Präliminarien zwischen den Frauen und Männern, die ihre Geschlechtsteile gegen- und miteinander in Stellung bringen, drückt sich die Politik der Differenz unmittelbar aus. Hier lassen sich Unterdrückungs- und Manipulationsmechanismen in ihrer ganzen verhängnisvollen, wechselseitigen Bedingtheit zeigen.
Langer Vorrede kurzer Sinn: Das DVD-Label Pierrot Le Fou veröffentlicht fünf Filme von Catherine Breillat, die zusammen genommen einen repräsentativen Querschnitt ergeben. Eine schöne Möglichkeit, sich mit den vielfältigen thematischen Ansätzen und dem Formenreichtum des Breillat‘schen Kinos erstmals bekannt oder erneut vertraut zu machen.
Gleich mit ihrem Debüt Une vraie jeune fille (Ein wirklich junges Mädchen, Frankreich 1976), dessen Drehbuch sie nach ihrem eigenen Roman „Le Soupirail“ schrieb, sorgte Breillat in Frankreich für einen Skandal. Der Film, der auf eine schwer zu beschreibende, aufsässige Weise vom sexuellen Erwachen und der Erkundungslust der Titelheldin handelt, wurde jahrzehntelang kaum gezeigt. Die darin begonnene éducation sexuelle findet ihre Fortsetzung in À ma soeur! (Meine Schwester – Ihr erstes Mal, Frankreich/Italien 2001), wieder nach eigenem Drehbuch. Aus Neugier wird Trieb: Die 15-jährige, schöne Elena verhandelt ihr „Erstes Mal“ mit einer Urlaubsbekanntschaft, einem älteren Studenten. Ihre dickliche Schwester Anaïs, 12, wird Augen- und Ohrenzeugin von Lüge und Verführung, (Selbst)Betrug, Drängen und Nötigung, schließlich von Gewaltsamkeit. Der Bogen spannt sich weiter mit dem im Jahr darauf gleichfalls selbst geschriebenen Sex Is Comedy (Frankreich/Portugal 2002), der auch als Making-of von À ma soeur! gesehen werden kann. Alles dreht sich hier um die Schwierigkeiten der ruppigen Filmemacherin Jeanne, ihren Schauspielern vor der Kamera ein glaubwürdiges „Erstes Mal“ zu entlocken. Wie den Akt, um den soviel Gewese gemacht wird, in Bilder bannen, die ihm angemessen sind? Im Kontext der Herstellungsbedingungen des Expliziten wirft Breillat mit der als Alter Ego konzipierten Figur der Jeanne auch einen ungerührten und ziemlich schonungslosen Blick auf sich selbst. Ungerührt und ziemlich schonungslos ist auch der Blick, der in Anatomie de l’enfer (Romance 2 – Anatomie einer Frau, Frankreich 2004), mit dem Breillat ihren 2001 erschienenen Roman „Pornocratie“ adaptiert, zwischen die Beine einer Frau geworfen wird. Diese nämlich bezahlt einen homosexuellen Mann dafür, dass er ihr Geschlecht betrachtet, mit geradezu wissenschaftlicher Akribie und in unterschiedlichen zyklischen Phasen und Zuständen der Erregung. Die Rolle des Mannes besetzt Breillat in einem meisterlichen Schachzug erneut mit dem Pornodarsteller Rocco Siffredi – bekannt für seine eher grobschlächtigen Rammeleien – und zwingt ihn brutal ausgebremst zu einer Zeitlupen-Konfrontation mit dem Arbeitsmaterial. Drei Jahre später dreht Breillat mit Une vieille maîtresse (Die letzte Mätresse, Frankreich/Italien 2007) ihren ersten Historienfilm und verfilmt erstmals auch keinen eigenen Stoff, sondern den gleichnamigen Roman von Jules-Amédée Barbey d’Aurevilly aus dem Jahr 1851. Angesiedelt in der Pariser Oberschicht, lässt sich an einem Beziehungs-Triangel aus Libertin, reicher Erbin und Kurtisane der Widerstreit der theoretischen Konzepte von romantischer Liebe und Wollust eskalieren. Nicht wenig zum Vergnügen bei trägt Asia Argento, die sich mit der Rotzigkeit eines Rockstars die Rolle der Kurtisane Vellini aneignet. Und dann die Kulissen ins Schwanken bringt. Wie es sich gehört in einem Werk von Breillat.
Die Filme der Catherine Breillat sind Filme über Verlangen und Verführung und darüber wie in deren Kontext Liebe als Propagandabegriff eingesetzt wird, um die körperliche Leidenschaft (vor allem der Frau) zu legitimieren. An ihrem Ende erwartet die Zuschauer des öfteren eine Überraschung, meist ist es keine erfreuliche, nie ist es eine klärende. Es ist eben, wie es ist: das Geschlecht hat nichts zu verbergen – ausser sein tiefes Geheimnis.
Ein wirklich junges Mädchen
Meine Schwester – Ihr erstes Mal
Sex Is Comedy
Romance 2 – Anatomie einer Frau
Die letzte Mätresse
Pierrot Le Fou
