Stoker

| Alexandra Seitz |

Todschicker Genrefilm macht sich lustvoll in sumpfigen Abgründen schmutzig.

Von der ersten Einstellung an ist klar, dass hier ein umfassender ästhetischer Gestaltungswille am Werke ist. Dass die Bilder nicht lediglich der Narration dienen, sondern Wirkung erzielen sollen. Bewunderndes Staunen erzeugen, Ablenkung. Denn die äußerst stilvolle visuelle Oberfläche von Park Chan-wooks englischsprachigem Debüt Stoker fungiert als Nebelschleier, der den Blick auf die im Grunde sehr simple Geschichte erschwert. Einerseits. Andererseits bietet die extravagante Form natürlich auch extravaganten Inhalten Raum. Die sind hier vor allem atmosphärischer Natur und fordern, um umfassend goutiert werden zu können, ein auf Details und Nuancen justiertes Sensorium. Die Aufmerksamkeit auf die Feinheiten gerichtet, lässt sich sodann mit den statthabenden Perversionen, Übergriffen und Entgrenzungen eine Menge Spaß haben und Grausen erleben. Stoker mag zwar nicht ganz so brutal und sadistisch sein wie beispielsweise Parks in Korea entstandene Rache-Trilogie – Sympathy for Mr. Vengeance (2002), Old Boy (2003), Lady Vengeance (2005) –, weichgespült aber ist hier nichts, und geschont wird auch keiner.
Die Rede ist von Mutter Evelyn (Nicole Kidman) und Tochter India Stoker (Mia Wasikowska), die vor kurzem erst den Ehemann respektive Vater verloren haben und nun mit der Haushälterin allein sind im weitläufigen Herrenhaus mit Park in Nashville, Tennessee. Da erscheint mit einem Mal Onkel Charlie, ein Bruder des Verstorbenen, von dem keiner wusste. Charlie sieht gut aus und hat unwahrscheinliche Lichtreflexe in den Augen, die künstlich erzeugt sein müssen und darauf hinweisen, dass da irgendetwas nicht stimmt. Dass da etwas ist, wovor man besser auf der Hut ist. Erst recht wenn man, wie die jungfräuliche India, gerade erst 18 Jahre alt geworden ist. Evelyn freilich sieht nur den gut aussehenden Kerl und ihr leeres Bett – so nimmt das Unheil seinen Lauf. Am Ende wird India erwachsen geworden sein.
Eine Spinne kriecht den nackten Oberschenkel hinauf. Ein Bleistift bohrt sich in eine Handfläche. Seidene Nachthemden flattern in der Abendbrise, Füße gleiten zögernd in Highheels. Unter der Dusche lässt sich die Spannung abbauen, die ein knackend brechendes Genick hat entstehen lassen. Es ist schwülfeucht zwischen den Beinen der Frauen und schwülheiß ist die Landschaft; aber die Oberfläche von Stoker ist so kalt wie die Kühltruhe im Gespensterkeller, in der eine Leiche lagert. Nicht bloß metaphorisch.