59. Kurzfilmtage Oberhausen

| Sirkka Möller |

Zum Glück nicht (nur) flat: Die diesjährige Festivalausgabe bestach durch thematische Vielfalt, auch wenn nicht jeder Programmpunkt zu überzeugen vermochte.

Eigentlich will jedes Festival, dass seine thematischen Reihen zu Diskussionen anregen und das Publikum bewegen. Das ist den Kurzfilmtagen Oberhausen dieses Jahr gelungen, allerdings leider nicht nur im Positiven. Die sehr ambitionierte Themenreihe „Flatness – Kino nach dem Internet“ ließ die Zuschauer überwiegend kopfschüttelnd zurück. Der Kuratorin Shama Khanna gelang es nicht, ihr Konzept der „Flatness“ zu vertiefen oder gar zu erläutern. Trotz einer Reihe starker Filme wie Harun Farockis Ein neues Produkt (2012) oder Herman Asselberghs Speech Act (2011) und historischen Arbeiten aus der Prä-Internet-Ära wie Richard Serra und Nancy Holts Boomerang (1974), fügten sich die Programme nicht zu einem Ganzen. Sie wirkten wie zufällig zusammengestellt, voller vielgeklickter YouTube-Fundstücke, die statt Provokation nur Langeweile erzeugten. Wenn die Absicht war, die zufällige und oft enttäuschende Natur des Bewegtbild-Guckens im Internet abzubilden, dann ist das gelungen, aber als Filmreihe war „Flatness“ leider bei Weitem nicht radikal genug.

Dass ein Festival durch ein klares Bekenntnis und konsequente Unterstützung eine Filmform auch weiterentwickeln kann, wurde an anderer Stelle deutlich. Als die Kurzfilmtage 1999 den MuVi-Preis für Musikvideos einführten, unkten Pessimisten, dass das Festival nun geradewegs auf die Kommerzialisierung und damit den sicheren Tod zusteuere. 15 Jahre später hat sich stattdessen das Musik-TV als Hort der Musikvideos selbst abgewickelt und die Festivalleinwand ist zum festen Abspielort für künstlerisch interessante Clips geworden. 2013 war beispielsweise Heinz Emigholz unter den MuVi-Preisträgern. Die abwechslungsreiche und ambitionierte Auswahl zeigte, dass das Genre keineswegs nur leicht konsumierbar sein will – was manch verstörtes Gesichter unbedarfter Filmstudenten nach der Präsentation illustrierte.

Zu den Highlights in Oberhausen gehören die Profile, ein Dégustationsmenü aus der Filmografie einer Filmemacherin oder eines Filmemachers, die in der kurzen Form arbeiten. Dieses Jahr war die Auswahl reichhaltig und vielfältig: Es gab die in der Kamera entstandenen Super-8-Gedichte von Helga Fanderl; die installativen Digitalarbeiten von Ho Tzu Nyen, der sich mit seiner Heimat Singapur auseinandersetzt; und die verspielten Filme der mehrmaligen Oberhausen-Preisträgerin Laure Prouvost. In den eigenen Filmarchiven hat das Festival die großartigen Dokumentarfilme der kroatischen Hikokovci (Petar Krelja, Krsto Papić und Zoran Tadić) entdeckt, die durch 35mm-Kopien aus kroatischen Archiven ergänzt wurden. Die ehemaligen Filmkritiker und Hitchcockfans versuchten, in ihren Filmen der sozialistischen Utopie in Titos Jugoslawien mit schwarzem Humor und Beobachtungen des Lebens auf dem Lande beizukommen. In Papićs Nek se čuje i naš glas / Let Our Voices be heard too (1971) wird deutlich, dass YouTube nur eine globalisierte Fortsetzung regionaler Piratenradiosender ist – hier gilt „broadcast yourself“. Und sein Mala seoska priredba / A Little Village Performance (1972) nimmt den Boom der diversen Superstar-TV-Formate mal eben um mindestens 35 Jahre vorweg. Höhepunkt der Profile war unbestritten die erste Präsentation der Filme von Luther Price in Europa, darunter eine Super-8 Doppelprojektion von Sodom (1989–94), der Szenen aus billigen Schwulenpornos mit gregorianischen Gesängen als Höllenvision bis zur Schmerzgrenze wiederholt und meilenweit entfernt ist von konsensfähiger Darstellung queeren Lebens. Der extrem produktive amerikanische Experimentalfilmer bearbeitet das Material seiner Super 8 Filme stark, und er arbeitet sich darin auch immer wieder an seiner eigenen, traumatischen Familiengeschichte ab. Seine neuesten Arbeiten sind aus Filmschnipseln zusammengeklebte Dias, ergänzt durch Dreck und Glitter – sie wirken wie Kirchenfenster für eine Kathedrale des Experimentalfilms.