Fallen – Gabi Hegedüs über eine Schauspielarbeit

Rollenstudium am Karlsplatz und in der Justizanstalt

| Gabriela Hegedüs |

Gabriela Hegedüs, eine der fünf Hauptdarstellerinnen von „Fallen“, über ihre Erfahrungen bei den Vorbereitungen, den Proben und den Dreharbeiten zu Barbara Alberts Film.

Alles begann mit den Filmfestspielen in Venedig 2004. Ich kannte Barbara Albert damals seit einem Jahr. Sie rief mich an und fragte mich, ob sie mich als eine der Hauptfiguren in ihr neues Drehbuch hineinschreiben darf. Bisher hatte ich ausschließlich am Theater gearbeitet. Die Unterschiede zum Film sind groß, von hier nach dort zu kommen, ist gar nicht so leicht.

Ich bin ein Mensch, der immer etwas zu tun haben muss. Jeder, der dieses Geschäft kennt, weiß, dass das hierzulande gar nicht leicht ist. Also begann ich, um beim Warten darauf, dass jemand beim Besetzen seines neuen Stücks genau an mich denkt, nicht durchzudrehen. Eigene Projekte zu entwerfen, unter anderem einen Workshop in einer Wiener Justizanstalt, die sich auf drogensüchtige Insassinnen spezialisiert hat. Ich wollte mit den Frauen etwas Neues schaffen, mit dem Werkzeug des Schauspiels: Mit Sprache, mit Ausdruck – bis zum einfach mal wieder ausgiebig Lachen. Als Abschlussarbeit stellte ich mir vor, dass es schön sein müsste, gemeinsam ein Theaterstück zu entwickeln. Von den 20 Frauen war nur eine davor jemals in einem Theater gewesen, und das Interesse daran war äußerst gering. „Drah ma halt an Fülm“, war der allgemeine Tenor. Ich habe dann mit einer Freundin gemeinsam eine Geschichte entwickelt, aber wer sollte die inszenieren? Meine erste Idee war Barbara Albert, wegen ihrer bisherigen Filme und weil sie so nahe an den Menschen dran ist. So rief ich blauäugig in der coop 99 an, am nächsten Tag rief mich Barbara zurück, und wir haben mit den Häftlingen Paradise Inn gedreht. Durch diese lange intensive Arbeit hatte ich ein gutes Werkzeug, einen sehr intensiven Erfahrungshintergrund, um die Rolle der Nicole in Fallen spielen zu können.

Bei der öffentlichen Leseprobe lernten wir fünf Schauspielerinnen uns dann kennen. Ich war sehr nervös. Nicht nur, dass ich außer Uschi Strauss niemand kannte – es waren gleich etwa 50 Zuhörer da. Fragen wie „Wie werde ich als kompletter Neuling akzeptiert?“, „Kann ich technisch mithalten bzw. werde ich abfallen?“ spiegelten meine Gefühlswelt. Beim Lesen bekam ich dann so eine Lust und so eine Freude an der doch eher düsteren Rolle, weil mir hier die ganze Breite ihrer Emotionalität erst bewusst wurde. Bei der Publikumsdiskussion danach habe ich gar nichts mehr mitgekriegt. Ich weiß nicht mehr, ob es Einwände gab, Lob oder Änderungsvorschläge – keine Ahnung! Ich schwamm zu sehr in dem eben mit Bildern und Visionen gespickten Erlebten.

Es folgte eine sehr kompakte Zeit mit Proben, und ich begann die Figur der Nicole zu entwickeln. Wir saßen oft stundenlang beisammen und diskutierten über den Text und den Inhalt, änderten viel und gingen dann zum Durchspielen über – etwa drei bis fünf Mal pro Szene. Ich verbrachte viel Zeit am Karlsplatz, studierte Körperhaltungen und Gesten und baute aus diesen Beobachtungen und eigenen „Erfühlungen“ eine immer lebendiger werdende Nicole. In dieser Zeit wurde mir die Tiefe der Rolle bewusst, ich lernte diese tragische Frauenexistenz immer besser verstehen. Besonders intensiv war ein Probentag mit Fritz Hammel, an dem wir die Verhaftungsszene durchspielten und ich schlussendlich mit blauen Flecken nach Hause ging.

Der erste Drehtag begann um etwa 5 Uhr. Ich wurde vom Fahrer abgeholt und fuhr gemeinsam mit Uschi Strauss und Simon Hatzl zu unserer ersten Location, dem Friedhof in Horn. Ich bekam erstmals meine „Graue Star“-Tropfen, mit denen ich überhaupt nichts sehen konnte (sie machen die Pupillen ganz klein, wie bei Drogenabhängigen). Ich hatte meine erste „peinliche“ Szene, in der ich alleine und betont falsch singen musste. Das machte mir großen Spaß, auch weil unser Kamaramann, Bernhard Keller, mir dabei so ein angenehmes Gefühl gab. Vor jedem Dreh war noch eine kurze Probe, in der er, mit seinen Fingern eine Kamera simulierend, alles einmal durchtanzte.

Mit Barbara zu arbeiten ist etwas ganz Besonderes. Sie schafft am Set eine Atmosphäre der höchsten Konzentration, die auf das ganze Team übergreift und uns Schauspieler, vor allem in schwierigen Szenen, sehr hilft. Man hat das Gefühl, als stünden alle hinter einem und spielten mit einem mit. Ihre sehr konkreten Regieanweisungen, gemeinsam mit dieser echten, natürlichen Sprache, die sie in ihren Drehbüchern verwendet, gaben mir Halt und Sicherheit, als wären es Situationen, die man jeden Tag selbst mehrmals durchlebt.

Die Woche in Horn, wo wir auch alle ein Hotelzimmer hatten, erwies sich dann als doch viel anstrengender als zuerst gedacht. Fast immer waren wir alle fünf gleichzeitig am Set. Ich hatte zwar so ein romantisches Schulskikurs-Feeling, merkte dann aber recht schnell, dass ich nach etwa 16 Stunden Dreh in einer komplett dunklen Disco doch gerne nach Hause in „mein“ Leben zurückgekommen wäre. Es war nämlich gar nicht so leicht, diese Rolle wieder abzulegen. Mit meinen deprimierend gefärbten Haaren (dunkelbrauner Haaransatz zu orangegelben Haaren) war ich ja auch rein optisch nicht wirklich ich. In dieser Zeit merkte ich sogar, dass sich meine Umgebung mir gegenüber anders verhielt als sonst.

Die anderen vier bei der Arbeit zu sehen, das kannte ich so auch nicht. Welch unterschiedliche Vollprofis Nina Proll und Birgit Minichmayr zum Beispiel sind. Faszinierend, mit welcher Natürlichkeit, Leichtigkeit und mit welchem Selbstverständnis Nina in unterschiedliche Szenen einfach einsteigt. Birgit ist da ganz anders. In der Vorbereitungszeit hatte sie einmal ihren Walkman auf, ich hatte dabei das Gefühl, als ob sich ein Glaskegel um sie legte. Sie war wie in Trance, registrierte das, was um sie herum geschah, nicht mehr. Dann nahm ihr die Kostümfrau den Walkman ab, und wir beide stiegen direkt in die Szene ein.

Fünf Frauen, fünf Schauspielerinnen fast immer gleichzeitig über mehrere Wochen am Set. Für mich hieß das: jeden Tag 16 Stunden lang die Außenseiterin spielen, das ist schauspielerisch eine unglaubliche Herausforderung. Die Rolle bin ich ja privat nicht unbedingt gewohnt. Diese toughe Erfahrung erarbeitete ich mir sozusagen gruppendynamisch am Set mit den anderen. Uschi Strauss und Kathi Resetarits sind privat gute Freundinnen, Birgit Minichmayr gibt mit ihrer unvergleichlichen Kraft und ihrem Selbstbewustsein meist den Ton mit an. Und dann Nina Proll, die sich schnell zurückzieht, sich perfekt professionell abgrenzen kann. In dieser Konstellation war ich als Neuling sehr gefordert, diese Erfahrung als Schauspielerin überhaupt machen zu dürfen, das ist ein echtes Privileg.

Die zwei Monate des Fallen-Drehs waren fantastisch, die intensivste Zeit, die ich bislang erlebt habe. Die Arbeit mit Barbara, den anderen Schauspielerinnen und dem ganzen Team. Ich freue mich auf Venedig.