Grob gestrickt

| Roman Scheiber |

Auf DVD: Die finale Staffel der düsteren dänischen Erfolgsserie „Kommissarin Lund“.

Das Einzige, was nach der dritten und letzten Staffel dieser Serie noch ungeklärt ist, wird für immer in ihrer Hauptfigur verborgen bleiben. So klar das Strickmuster ihrer Fälle und ihrer dicken, schneekristalldekorierten Pullover, so unklar erscheint, wie die analytisch versierte, unterkühlte Ermittlerin selbst gestrickt ist. Warum drängt sie alle ihr nahe stehenden Menschen aus ihrem Leben, sogar den eigenen Sohn? Warum scheint diese verschlossene Person ausschließlich in manischer Arbeit aufgehen zu können?

Kommissarin Lund (der Originaltitel Forbrydelsen heißt übersetzt „Verbrechen“) ist die quotenträchtigste Serienproduktion der dänischen Fernsehgeschichte. Fast die Hälfte aller Dänen saß vor den Fernsehgeräten, als im März 2007 das Finale der ersten Staffel ausgestrahlt wurde. Europaweiter Export, großer Anklang in Großbritannien, ein erfolgreiches US-Remake (The Killing läuft seit 2011 bei AMC), renommierte Preise (beim britischen BAFTA-Award 2011 schlug Kommissarin Lund die hochdekorierten US-Serien Mad Men und Boardwalk Empire) und wohlwollende bis begeisterte Zustimmung des TV-Feuilletons folgten. Die von Soren Sveistrup entwickelte und geschriebene Show wurde zu einem weiteren Meilenstein des spätestens seit der Verfilmung von Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie notorischen „skandinavischen Krimi-Wunders“.

Warum nun eignete sich gerade diese (vom ZDF koproduzierte) Serie so trefflich als Gegenstand zahlreichen Whodunit-Gezwitschers im Web und als Eisbrecher-Smalltalk bei Dinnerpartys zwischen London, Kopenhagen und Berlin? Da wäre zunächst ihre eingangs erwähnte, enigmatische Hauptfigur Sarah Lund (Sofie Grabol wurde durch die Rolle in Dänemark zum Star). Sie mag schnelles Essen und reibungslose Abläufe, geht mit ihren Lieben denkbar ungeschickt um – und kriegt natürlich immer zur falschen Zeit einen wichtigen Telefonanruf –, hat aber ein hochsensitives und –intuitives Gespür für scheinbar unwesentliche Details. Ein weiteres Wesensmerkmal ist das düstere Setting der Show. Ein Grau in Grau getränktes Kopenhagen, Industrieruinen und Hafenanlagen, ein havariertes Schiff, Baracken, Brücken und Durchzugsstraßen sind neben dem Polizeihauptquartier die Schauplätze und stehen in hübschem Kontrast zu den verglasten Vorstandsetagen und gedimmten Politikerkanzleien, wo sich die Nebengeschichten entspinnen, die naturgemäß im Verlauf der Staffel zur Hauptgeschichte werden. Denn das ist das dritte und vielleicht entscheidende Kennzeichen der Serie: Ein über die gesamte Staffel zerdehnter Kriminalfall (in der ersten die Vergewaltigung und Ermordung einer Schülerin, in der zweiten ein Serienmord) verknüpft sich zusehends mit korrupten Mauscheleien zwischen Politik, Justiz, Wirtschaft und Medien.

Die dritte Staffel setzt zehn Tage vor den dänischen Parlamentswahlen ein und erstreckt sich in fünf Doppelfolgen bis zu eben dieser. Premier Kristian Kamper (Olaf Johannessen) befindet sich im Intensiv-Wahlkampf, als am Hafen eine Leiche gefunden und am selben Abend die kleine Tochter des Wirtschaftsmagnaten Robert Zeuthen (Anders W. Berthelsen) entführt wird. Das kommt Kamper ebenso wenig zupass für seine Wiederwahl und die Koalition seiner „Neuen Liberalen“ mit der Zentrumspartei wie der Umstand, dass Zeuthens Firma Zeeland, Dänemarks prestigeträchtigstes Unternehmen, steuersparende Standortverlagerungen andenkt. Die Folgen der globalen Finanzkrise, mittlerweile ein beliebtes Thema für Wirtschaftskrimis, finden also auch hier ihren Niederschlag. Kommissarin Lunds vorerst lethargisches Interesse an dem Fall wird geweckt, als sich Querverbindungen der Verbrechen mit Vorgängen bei Zeeland ergeben, und noch verstärkt, als ihr alter Freund Mathias Borch (Nikolaj Lie Kaas) Neuigkeiten zu einem damit zusammenhängenden, einst offenbar vertuschten „Cold Case“ liefert. Und weil alte Liebe nicht einmal bei Lund rostet, kommen die beiden im Zuge der Ermittlungen einander wieder näher.

Es ist ein Vorzug der Serie, ausreichend Augenmerk auf die persönlichen Dramen der von den Verbrechen Betroffenen zu legen. Die Folgen der Entführung für Zeuthen und seine Familie werden genau untersucht; dass währenddessen auch einige falsche Fährten ausgelegt werden, gehört zur Natur des Genres. Dennoch gilt es über weite Strecken der ersten Staffelhälfte, sich in Geduld zu üben, sowohl auf der Ebene der Lösegeldverhandlungen (der Entführer gibt sich geheimniskrämerisch und lässt Geldübergaben mit Knalleffekten platzen), als auch auf der Ebene des Wahlkampfes: Ein Techtelmechtel Kampers mit der Zentrums-Kandidatin oder Informationsvorsprünge des Oppositionsführers lenken von der Frage ab, was Zeeland mit den wachsenden Kollateralschäden der Jagd nach dem Entführer zu tun haben könnte. Eine Zeit herrscht die Meinung, das Mädchen sei längst tot, indessen beschäftigt sich ein weiterer Nebenstrang mit dem jung verstorbenen Sohn Kampers. Spannender wird es, als Zeugen beseitigt oder zum Sprechen gebracht werden, der Wahlkampf die moralische Spreu vom Weizen trennt und sogar Kampers treue persönliche Assistentin in Verdacht gerät. An der nachgerade trivialen Lösung des Falls gemessen, wirken all diese Volten jedoch ein wenig verkünstelt, fast wie verdecktes Zeitschinden. Und was die Kommissarin ganz am Ende macht, darüber sollte man nicht nur aus Spoiler-Gründen den Mantel des Schweigens breiten.