Cannes Tag 1

| Pamela Jahn :: Thomas Abeltshauser |

ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.

Noch scheint die Sonne über dem Festivalpalais, noch herrscht die übliche Unruhe vor dem Eröffnungspremierenabend, und noch immer stehen hunderte akkreditierte Journalisten und Filmmarkt-Besucher ungeduldig und an ihre Smartphones gefesselt in der Schlange, um sich ihre Festivalausrüstung (Badge, Katalog, Spielplan) zu besorgen. Nebenan im Salle Debussy, dem kleineren der beiden Premierenkinos in Palais, läuft bereits die 3D-Neuverfilmung von F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby, unter der Regie des australischen Regisseurs Baz Luhrmann, mit der die 66. Ausgabe des Festivals offiziell eröffnet wird. Und auch wenn die Zahl der Presse- und Markt-Vorführungen am ersten Tag noch angenehm überschaubar ist, kommt man nicht umhin, sich von der allgemeinen Aufregung, Vorfreude und Anspannung einnehmen zu lassen, die in diesen Stunden bis in die verlegensten Ecken der Filmstadt an der Cote d’Azur zu spüren ist.
Nach einer mäßigen Berlinale waren die Erwartungen im Hinblick auf das Line-up mal wieder doppelt so groß, aber so richtig begeistert schien zunächst keiner, als die diesjährige Auswahl bekannt gegeben wurde. Trotzdem dürfte es wie immer spannend werden im Wettbewerb,  bei dem diesmal insgesamt 19 Filme um die Goldene Palme konkurrieren, darunter Alexander Paynes Nebraska, Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive, Jia Zhangkes A Touch of Sin, Arnauld Desplechins Jimmy P. (Psychotherapy of a Plains Indian), Asghar Farhadis Le Passé, James Gray’s The Immigrant, Mahamet-Saleh Harouns Gris-Gris sowie der neueste Streich der Coen Brothers, Inside Llewyn Davis. Altmeister Polanski meldet sich mit Venus in Fur zurück, während Steven Soderbergh sich mit Behind the Candelabra zum xten Mal vom Filmemachen verabschieden dürfte. Mit Valeria Bruni-Tedeschis Un Château en Italie ist nach der heftigen Kritik an mangelnder weiblicher Präsenz diesmal zumindest eine Frau mit von der Partie. Warum allerdings Claire Denis mit ihrem neuen Film Bastards nicht im Wettbewerb läuft, sondern in die Nebenreihe Un Certain Regard verbannt wurde, bleibt fraglich. Und dass es nach dem großen Erfolg für Michael Hanekes Goldene-Palme-Gewinner Amour und Ulrich Seidls Paradies-Trilogie-Festival-Tour in diesem Jahr kein einziger österreichischer Beitrag in die Hauptauswahl geschafft hat, ist zwar schade, aber bei dem Aufgebot auch leicht zu verschmerzen, zumal Christoph Waltz nach seinem zweiten Oscar nun in die Jury von Cannes berufen wurde.
Wenn es eine nationale Tendenz gibt, dann scheint Japan in diesem Jahr die Nase vorn zu haben. Dabei könnten die beiden Wettbewerbsbeiträge unterschiedlicher kaum sein: Koreeda Hirokazu  Like Father, Like Son erzählt die Geschichte eines Mannes, der ohne sein Wissen das falsche Kind aufgezogen hat, Miike Takashi dagegen kehrt mit einem heftigen Thriller nach Cannes zurück (Shield of Straw). Der begehrteste Film des Festivals dürfte allerdings Nicolas Winding Refns Only God Forgives sein, der am kommenden Mittwoch Premiere feiert.
Alles in allem sieht es also gar nicht so schlecht aus (was man von der Wettervorhersage leider nicht behaupten kann, und wer schon einmal in Cannes war, weiß, welche dramatischen Folgen das für das Festivalgeschehen haben kann), und da die besten Filme erfahrungsgemäß sowieso meist die sind, mit denen keiner gerechnet hat, stürzen wir uns nun wie immer voller Vorfreude ins Getümmel.