C.R.A.Z.Y

| Walter Gasperi |

Zac, der in einer katholischen Familie in Québec aufwächst, wird zwischen Vaterliebe und Selbstfindung hin- und hergerissen: Coming-of-Age-Drama, Familiengeschichte und Zeitbild der 60er und 70er Jahre.

Das Kreuz hängt nicht nur in der Geburtsstation, im Einfamilienhaus und in der Kirche, sondern sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinn um Zacs Hals. Wer an Weihnachten geboren wird, hat es nicht leicht: Denn erstens bekommt man weniger Geschenke – in diesem Fall auch noch die falschen – und zweitens wird man im katholischen Milieu leicht zu einem zweiten Jesus hochstilisiert.

Von der Mutter wird Zac deshalb über alles geliebt und behütet, die Anforderungen des stolzen Vaters sind so groß wie die Ablehnung seiner vier gegensätzlichen Brüder. Eine zerbrochene Schallplatte der Countrysängerin Patsy Cline, die der Vater verehrt, ist der erste Protest, gleichzeitig aber ein mehrdeutiges Bild. Risse gehen durch die Familie und Clines Song Crazy spielt nicht nur auf die Verrücktheit dieser Familie an.

Der 1963 geborene Jean-Marc Vallée erzählt mit Leidenschaft, und man spürt, dass ihm Zeit und Milieu bestens vertraut sind. Er hakt nicht Episode für Episode ab, sondern fokussiert auf drei zentrale Momente. Von der Kindheit (1966) springt er zur Pubertät (1975) und lässt seinen Helden mit zwanzig (1980) schließlich sich selbst finden.

Konzentriert aufs Private vermittelt Vallée durch Kleidung, Frisuren und vor allem durch die Musik von David Bowie, Pink Floyd oder den Stones, mit der Zac seinen Protest gegen den Vater ausdrückt, bestechend die Stimmung der Zeit. Gleichzeitig spiegelt sich im Wandel der Familie auch der gesellschaftliche Wandel von Konservativismus zu Offenheit und Toleranz.

Zusammengehalten wird C.R.A.Z.Y durch die konsequente Einhaltung der Perspektive Zacs, der als Off-Erzähler von der ersten Einstellung an Identifikation schafft. Dieser subjektive Blick gestattet Vallée eine befreite und dynamische Erzählweise, in der Realismus und Traumsequenzen, Momente in Zeitraffer und Zeitdehnung, lange ruhige Einstellungen und schnell geschnittene Szenen, Komisches und Berührendes sich zu einem harmonischen Ganzen fügen.

Gerade in diesen Gegensätzen vermittelt C.R.A.Z.Y. ebenso einfühlsam wie vielschichtig die Komplexität und Widersprüchlichkeit familiärer Beziehungen. Immer an der Kippe zwischen Geborgenheit und Konfrontation stehen die Familienfeste, prallen doch hier Vorstellungen und Anforderungen der Eltern und die Bedürfnisse der Kinder – oder eben Gesellschaft und Individuum – aufeinander, aber Vallée schafft es, allen Figuren gerecht zu werden. Gewidmet hat er den Film bezeichnenderweise seinem Vater.