Über neue Gehwerkzeuge für media-analytisch befragte Damen, über Fellners, „Krone“ und den ORF: Harald Fidler, Medienexperte des „Standard“, im Gespräch.
Du bist seit gut 15 Jahren Medienjournalist. Hat sich Österreichs Medienlandschaft in dieser Zeit verbessert oder verschlechtert?
Beides. Einerseits verschlechtert: Damals war der Zusammenschluss von Krone und Kurier zur Mediaprint gerade zwei Jahre her. In dachte damals, dass ein solcher Super-Gau in Sachen Medienkonzentration nicht mehr zu übertreffen ist, und habe das auch 1999 in meinem ersten Buch Sendepause mit Andreas Merkle geschrieben. 2001 war ich dann bass erstaunt, wie es möglich ist, dass sich auch noch die Magazine zu einer so marktbeherrschenden Stellung zusammenschließen.
Eine Verschlechterung – aus öffentlich-rechtlichem Blickwinkel – war sicher auch die Programmreform des ORF 1995 von Gerhard Zeiler. Auch wenn das ein hoch professionelles Unterfangen war – mir eben zu kommerziell.
Eine Verbesserung im Sinne europäischer medienpolitischer Standards war zweifellos, dass ÖVP und FPÖ 2001 österreichisches Privatfernsehen über Antenne zugelassen haben. Das haben SPÖ und ÖVP als Regierungsparteien ja über Jahrzehnte zu verhindern versucht. Verbesserung im Umgang mit unabhängigem Journalismus bedeuteten Schwarz-Blau und Schwarz-Orange aber sicher nicht.
Grundsätzlich positiv für die Medienpluralität ist, dass es eine neue Tageszeitung gibt: Was die international nahezu einzigartige Dominanz der Kronen Zeitung in normalere Bahnen lenken könnte, muss man begrüßen. Auch wenn einem beileibe nicht alles an den Geschäftsprinzipien der Brüder Fellner gefällt.
Ein neues Medium mit neuem Publikum hat sich auch herausgebildet. Wie gut schaffen es die „Alten Medien“, die Internetgeneration abzuholen?
Einigen gelingt es ganz gut, dabei muss ich auch das eigene Haus loben. Der Standard schafft es mit seiner Internetschwester derStandard.at, mehr und jüngere Leser für die Zeitung zu gewinnen. Gut gelingt es auch dem ORF. ORFon zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Seiten, nicht alleine auf Österreich bezogen. Er bedient zum Beispiel mit oe3.at sehr junge Communities.
Alle österreichischen Ambitionen waren deutlich billiger als jene Rupert Murdochs, der 580 Millionen Dollar hingelegt und sich myspace.com gekauft hat – auch eine Variante.
Andererseits: Nicht alle schaffen es. Die Plattform der Kronen Zeitung hätte bei aller Größe wahrscheinlich noch mehr Potenzial. Die Presse tut sich bisher sehr schwer, sie arbeitet gerade wieder an einem neuen Re-Re-Relaunch im Onlinebereich. Auch Kleine Zeitung und Kurier sind etwas zäh unterwegs.
Die von dir schon angesprochene Zeitung Österreich ist nun zwei Monate auf dem Markt. Was hältst du journalistisch davon?
Am Abend des 31. August bin ich ein wenig ratlos dagestanden. Von den Brüdern Fellner haben wir eineinhalb Jahre lang gehört, dass sie die Zeitungswelt revolutionieren und als Erste Zeitung und Internet verschmelzen werden. Das einzig Neue ist nun Bewegtbild im Internet, wobei anfangs beträchtliche Serverprobleme aufgetreten sind. Helmuth Fellner hat eine Qualitätszeitung angekündigt. Das Produkt hat schon seine Qualitäten, aber nicht im klassischen Genrebegriff: Optisch eine Mischung aus verstaubten Lettern britischer Midmarketpapers und so dünnen Hochglanzheften, dass man praktisch durchschauen kann. Sie dürften überschätzt haben, dass eine Tageszeitung 365 mal im Jahr erscheint. Sie reiten Themen zu Tode und haben die Produktion anscheinend nicht im Griff. In derselben Ausgabe kommt Anna Wintour in Prada zur Premiere von Der Teufel trägt Prada, und 15 Seiten später kommt sie nicht zur Premiere. Mein Eindruck ist, dass die Mannschaft überfordert ist, warum auch immer. Überrascht bin ich von der relativ übersichtlichen Zahl von Inseraten, von Vertriebsproblemen ganz zu schweigen.
Was will Wolfgang Fellner eigentlich mit dem Ding? Wen greift er wirklich damit an?
Leute, die ihn kennen, sagen: Es geht ihm um den geschäftlichen Erfolg, aber auch darum, dieses Land zu regieren. Hans Dichand sozusagen im Vorhof der Macht abzulösen. Österreich ist also ein Frontalangriff auf die Kronen Zeitung, mit dem Kurier als Kollateralschaden. Seit 6. Oktober hat Fellner auch eine Immobilienbeilage, damit greift er den Kurier an.
Das Konzept von Österreich setzt mit allen Marketingmätzchen darauf, möglichst rasch eine hohe Leserzahl zu erreichen und in die Media-Analyse zu kommen. Mit der können die Media-Agenturen Zielgruppen unter den Lesern berechnen. Wenn man so will, bis hin zu den Blondinen mit Holzbein, die Fellners Produkt konsumieren und möglicherweise in einem Jahr ein neues Gehwerkzeug brauchen.
Zum Problem könnte allerdings werden, dass Fellner einen beträchtlichen Teil seiner Auflage kostenlos verteilt. Eine halbe Gratiszeitung ist mit Kaufzeitungen in der Media-Analyse nicht fair vergleichbar.
Wenige Tage nach dem Start von Österreich hat Fellner in typischer Eigenlobhudelei bereits von fast einer Million Lesern deliriert.
Das erinnert mich ein bisschen an den Start von Antenne Wien am 1. April 1998, wo Gallup im Auftrag der Fellners erhoben hat, dass Antenne Wien aus dem Stand am ersten oder zweiten Tag Ö3 überholt hat. Was jetzt Österreich betrifft, hört man zumindest von der Konkurrenz, dass die Verkaufszahlen kontinuierlich runtergehen. Aber um einmal was Positives zu sagen: Auch wenn Fellners Methoden nicht immer die schönsten sind, wäre ein Gegengewicht zur Kronen Zeitung durchaus wünschenswert. Immerhin kann man ihnen nicht vorwerfen, das rechte Lager zu bedienen.
Und die Vermischung von redaktionellem und Anzeigeninhalt beherrschen sie perfekt, nicht?
Ein Naheverhältnis zwischen journalistischer und kommerzieller Praxis ist durchaus gegeben. Diese Tradition pflegen die Fellners, auch Wolfgang Fellner, offenbar schon seit Beginn ihrer Karriere beim Rennbahn-Express. Wolfgang soll Interviews für diese seine erste Zeitschrift und spätere gern mit dem Hinweis beschlossen haben, dass sein so wichtiges Blatt doch nur mit Anzeigen überleben könnte, berichten Menschen, die ihn kennen.
Es kann auch weniger freundlich ablaufen, habe ich zumindest gehört, aber jedenfalls liegt der Verdacht nahe, dass es da eine Verknüpfung gibt.
Weniger freundlich soll auch der Umgangston mit seinen Mitarbeitern sein.
Nach allem, was ich höre, legt er bisweilen einen Ton an den Tag, der im ORF wahrscheinlich zu einer Untersuchungskommission führen würde.
Zum ORF in Verbindung mit Österreich: Wie kam es, dass Fellner eine Woche vor der Wahl zu Offen gesagt eingeladen wurde?
Meine Vermutung ist, diese Sendung hätte es nicht gegeben, gäbe es nicht einen Herrn Fellner, der jede Publicity für sein Blatt braucht wie einen Bissen Brot. So gesehen bot diese Runde ihm ein kleines Podium. Werbung von Printmedien, mit denen er spätestens seit News alle seine Gründungen groß machte, schränkt das ORF-Gesetz seit 2001 stark ein. Da wird aber die SPÖ, so sie Volkskanzlerpartei wird, gehörig Druck machen, um Wolfgang Fellner diese Möglichkeiten wieder einzuräumen.
Wie neu wird eigentlich der neue ORF?
Die Latte hat sich Alexander Wrabetz selbst jedenfalls sehr hoch gelegt, indem er die größte Programmreform aller Zeiten ankündigt. Zeiler hat ‘95 den ORF schon recht gründlich überarbeitet. Wrabetz hat seine etwas vollmundigen Ankündigungen dann auf die Zeitzone um die ZiB herum bezogen, wobei nicht klar wurde, ob er die Durchschaltung wirklich aufgeben wird. Ich fände das vernünftig, da bin ich ausnahmsweise mit Elmar Oberhauser einer Meinung, ich sehe das ebenso als Anachronismus. Wrabetz ist als bisheriger kaufmännischer Direktor wahrscheinlich auf einer Linie mit seinem Freund Gerhard Zeiler zu sehen. Mein Problem daran ist halt, dass ich mich so schwer von der Überzeugung trenne, dass sich ein gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Sender grundsätzlich von den Privaten zu unterscheiden hat.
Wäre eine mögliche Wunschvision von Wolfgang Fellner ein privatisierter Kanal ORF1 mit, sagen wir einmal, fünf Stunden Österreich-TV?
Fellner träumt ja seit mindestens 20 Jahren vom Fernsehen. Soweit ich das beurteilen kann, würde er mit Handkuss ORF1 als Ganzes nehmen und mit Zeilers RTL oder einem anderen deutschen Privatsender betreiben. Information auf diesem Sender wäre dann eben Österreich-TV. Dazu von RTL oder Pro7 übernommene Inhalte, mit Pro7-Österreich haben sie ja jetzt eine Kooperation.
Wobei sich die Programmänderungen wohl in Grenzen halten würden: ORF1 ist ja schon jetzt über weite Strecken eine Art Best of Deutsches Privatfernsehen.
Harald Fidler (37) ist seit Anfang 1995 Medienredakteur des STANDARD. 1999 konzipierte er den Onlinedienst derStandard.at/Etat, den er seither mit betreut. Im selben Jahr schrieb er zusammen mit Andreas Merkle (APA) mit Sendepause sein erstes Buch über Medien und Medienpolitik in Österreich. 2004 verfasste er mit Im Vorhof der Schlacht (Falter Verlag) sein zweites, das er mit einem Weblog unter http://haraldfidler.at regelmäßig aktualisiert. Schreibt regelmäßig für in- und ausländische Zeitungen und Zeitschriften.
