ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Montag bedeutet Halbzeit in Cannes – Zeit also, für eine kurze Zwischenbilanz. Ein Blick auf die Punktevergabe der Kritikerjury, die das Branchenblatt „Screen International“ alljährlich zusammenruft, bestätigt die allgemeine Stimmung: Von den neun bisher gelaufenen Wettbewerbsfilmen haben die Coen Brüder mit Inside Llewyn Davis momentan die Nase vorn, allerdings ziemlich dicht gefolgt von Jia Zhangkes A Touch of Sin und Asghar Farhadis Le Passé, die beide von der internationalen Presse gelobt und durch die Bank positiv besprochen wurden. Der letzte Neuzugang von heute Morgen, Miike Takashis Shield of Straw, ist zwar in der aktuellen Bewertung noch nicht berücksichtigt, aber wenn man den Buh-Rufen zum Abspann Glauben schenken darf, ist der Film weit davon entfernt, am kommenden Wochenende die Goldene Palme zu holen.
Tatsächlich kann man sich bei Miike schon lange nicht mehr sicher sein, was man zu erwarten hat. Ähnlich wie Landsmann Kitano Takeshi wurde der japanische Regisseur in den Neunzigern mit eine Reihe von stilistisch eigenwilligen, kompromisslosen Thrillern bekannt, die ihrer Zeit damals weit voraus schienen. Auch seine Motive galten zumeist den diversen Fehden und Machenschaften japanischen Gangster-Syndikate, die von Film zu Film blutiger ausgetragen wurden. Doch im Gegensatz zu der relativen Gelassenheit, mit der Kitano an seine Filmprojekte herangeht, produziert Miike gern en masse und verzettelt sich dabei immer häufiger in mittelmäßigen bis grottenschlechten Filmen, die wenig von dem Talent seiner frühen Jahre aufweisen. Auch Shield of Straw gehört in diese Kategorie, und die große Frage, die sich nach der Pressevorführung stellte, war, was dieser Film im Wettbewerb zu suchen hat. Die Geschichte um einen unberechenbaren Kindermörder, auf den ein trauernder Großvater ein horrendes Kopfgeld ausgesetzt hat, und der deshalb von einem Spezialkommando der Polizei lebend und heil von A nach B gebracht werden soll, ist so schwammig wie unglaubwürdig, dass einem bereits nach wenigen Minuten Hören und Sehen vergeht. Da helfen auch die technischen Raffinessen nichts, mit der die gewaltigen Handlungslöcher aneinandergeklebt sind. Und wer heute Morgen nach den zwei Stunden, die das hohle Spektakel dauert, noch im Kino saß, hatte spätestens dann selbst jeglichen Willen zu leben verloren.
Unterhaltsamer war da schon Borgman, seit 38 Jahren der erste niederländische Film im Wettbewerb. Mit einer verstörenden Mischung aus Fassbinder (in Bezug auf Mise-en-scène) und Haneke (in Bezug auf die lehrstückhafte Geschichte über eine Hand voll merkwürdiger Charaktere, die eine Kleinfamilie psychisch und physisch zu Tode quälen), und angereichert mit Witz und einer ordentlichen Portion Skurrilität, hat Regisseur Alex van Warmerdam eine bitterböse, wenn auch sperrige Parabel über unsere Konsumgesellschaft und autoritäre Strukturen im Privaten wie im Politischen geschaffen, die lediglich gegen Ende hin an Tempo und Stringenz verliert. Mit den Coens kann auch er demnach nicht mithalten, aber den Versuch war es in dem Fall zumindest wert.
