Ein Abbild aus Splittern und Fragmenten:„ Babel“, Alejandro González Iñárritus filmische Vermessung der Welt.
Irgendwo im Atlasgebirge: Zwei rivalisierende Brüder benutzen das Gewehr des Vaters nicht nur dazu, um Kojoten von ihrer Ziegenherde fernzuhalten. Der Schuss, den einer von ihnen auf einen in der Ferne fahrenden Reisebus abgibt, durchschlägt die Scheibe und trifft eine amerikanische Touristin. Eine dumme Idee und ein furchtbarer Zufall. Der Schlag, mit dem sich alles ändert.
Rasch droht sich das Ereignis zum internationalen Zwischenfall auszuwachsen und zieht eine ebenso hektische wie unzimperliche Suche nach den Verantwortlichen für das vermeintliche Attentat nach sich, an deren Ende für den Vater der beiden Jungen die Welt zusammenbricht. Währenddessen werden die verletzte Touristin und ihr zunehmend verzweifelter Mann von den Mitreisenden in einem entlegenen Dorf zurückgelassen und sind dort auf die Hilfe von Fremden angewiesen, deren Sprache sie nicht verstehen – seit 9/11 die ultimative traumatische Situation für US-Bürger. Zuhause in Kalifornien beschließt derweil die mit den beiden Kindern des Paares allein gelassene Haushälterin, diese zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko mitzunehmen; auf dem Rückweg geraten sie in eine Grenzkontrolle und landen schließlich orientierungslos im Wüsten-Niemandsland. Unterdessen kämpft ein taubstummes Mädchen im urbanen Dschungel Tokyos auf drastische Weise um Aufmerksamkeit und Zuneigung. Über den Zusammenhang zwischen ihrer Geschichte und dem Rest des Geschehens herrscht lange Unklarheit, doch handelt auch sie vom Ausgesetztsein in einer plötzlich fremd und feindlich gewordenen Welt.
Babel zu sehen, ist wie die Entstehung eines Teppichs im Zeitraffer zu verfolgen. Jede Szene ist ein geknüpfter Faden, ist Bruchteil eines Musters, das erst am Ende zur Gänze erkennbar wird, vielleicht sogar ein Bild ergibt. Ein Bild, das weit mehr ist als die Verbindung von Farbe und Struktur, Montage und Rhythmus. Oder Schicksal und Zufall. Nach Amores Perros (2000) und 21 Grams (2003) ist Babel die dritte Kollaboration des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu mit seinem Landsmann, dem Schriftsteller und Drehbuchautor Guillermo Arriaga, und wie die beiden Vorgänger breitet auch dieser Film ein Geflecht von Ursachen und Wirkungen aus, das mit seinem gewaltigen und gewalttätigen Eingreifen in das Leben der Protagonisten an das Walten einer übergeordneten Macht gemahnt. Es ist, als würde in diesen komplexen und bis in die kleinste Verästelung nachvollzogenen Geschichten ein alttestamentarischer Gott hernieder fahren und den Glauben seiner Geschöpfe auf die Probe stellen. Doch keine der Figuren in Babel definiert sich über ihre Religion, und keine wird am Ende erlöst. Manche aber erfahren Trost, ja, Trost im Angesicht der Katastrophe – Trost, der von Mitmenschen gespendet wird.
Wovon also handelt Babel?
Der Turm
Die biblische Geschichte des Turmbaus zu Babel findet sich im Ersten Buch Mose, der Genesis, und ist in ihrer Aussagekraft über das Verhältnis zwischen Mensch, Welt und Gott von fundamentaler Bedeutung. 1. Mose 11, 1–9, erzählt von der Hybris der Menschheit und ihrer schrecklichen Folge: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen“, so sprachen die Menschen, die damals „einerlei Volk“ waren und „einerlei Sprache“ hatten. „Da fuhr der HERR hernieder“ und zur Strafe für ihr überhebliches Tun verwirrte er ihre Sprache und zerstreute sie in alle Länder. Den Ort ihrer Selbstüberschätzung nannte er Babel (Wirrsal), und Wirrsal bestimmte fortan das Dasein der Menschen in der Welt. Der Bibelexegese gilt die Erzählung vom Turmbau als Beispiel für den Zusammenbruch einer Hochkultur, die ohne Bindung an Gott auszukommen können glaubt und erfahren muss, dass ohne Verankerung im Glauben Zivilisation die Menschen einander nicht näher bringt, sondern entzweit. Erst im Neuen Testament – Dokument der von Christus gestifteten Religion des Mitgefühls – wird die Wunde der Verständnislosigkeit und Vereinzelung der Menschen geheilt werden: mit dem in der Apostelgeschichte (Apg. 2, 5–12) geschilderten Sprachwunder des ersten Pfingstfestes.
Der Schmetterling
Ein Theorem der Chaosforschung besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings an dem einen Ende der Welt einen Wirbelsturm an ihrem anderen verursachen könne. Ein beinah poetisches Bild dafür, dass ein Strukturwandel namens Globalisierung eben diese Welt in den Griff genommen und auf Stecknadelkopfgröße hat zusammenschrumpfen lassen. Seither sind die Zusammenhänge zwischen Ursachen und ihren Wirkungen nicht mehr ohne weiteres zu überblicken, geschweige denn zu beherrschen. Je komplexer die Strukturen sind, die das alltägliche Überleben des Einzelnen bedingen, und je komplizierter miteinander verflochten, desto geringer auch wird die Möglichkeit individueller Selbstbestimmung. Wenn alles mit allem in permanenter kausaler Relation steht, dann existiert nichts mehr für sich allein. Dann dehnt sich der Begriff der Verantwortung ins Unendliche aus: Von Japan, wo ein Geschäftsmann erkennen muss, dass es ein Fehler war, seinem Jagdführer ein Gewehr zu schenken, bis nach Kalifornien, wo eine Haushälterin ihre Existenz verliert.
(W)Ortlosigkeit
Von einer Sekunde auf die andere wird den Protagonisten in Babel die eben noch bekannte Welt zum Feindgebiet. Niemand mehr versteht ihre Sprache. Verzweiflung, Angst und Schmerz bestimmen ihre Situation im gleichen Maße, wie Hoffnung und Zuversicht schwinden. Das einzig verbleibende und letztlich rettende Mittel der Kommunikation ist der Ausdruck von Gefühl – das solcherart erkennbar wird als Konstante der Humanität.
Die ganze Zuversicht von Iñárritu und Arriaga liegt in der alle kulturellen Schranken überwindenden Vermittelbarkeit von Emotionen, sie ist es, die die Menschheit immer wieder vor der Auslöschung bewahrt. Diese Zuversicht sentimental oder vielleicht sogar kitschig zu finden, übersieht die Konnotierung der Schauplätze von Babel. Was zu Beginn wie eine archaische Landschaft wirkt, verliert mit einem Schuss die Unschuld. Politik übernimmt die Herrschaft über den Raum: Das Territorium zeigt sich von Machtverhältnissen determiniert. Das Geschehen im Atlasgebirge und das daraus folgende im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet ist politisch bestimmt, ist das Ergebnis von Paranoia und Terror, die sich, in einem Teufelskreis gefangen, immer wieder gegenseitig hervorrufen.
Es ist folgerichtig, dass am Ende die Opfer dieser Struktur die Armen sind. Diejenigen, die keine Macht über das Land haben und keine Worte, um es zu besetzen.
