DVD Edition österreichischer Film – Austria Top Fifty-Fifty

Austria Top Fifty-Fifty

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Eine ehrgeizige DVD-Edition des österreichischen Films vermählt nicht nur Kunst und Kommerz, sondern auch Archiv und Großmarkt.

Die Herausgeber vermeiden tunlich, von einem Kanon des österreichischen Films zu sprechen. Der jüngst bei Hoanzl, Standard und Filmarchiv Austria erschienenen „Edition Der Standard“ wäre die Quadratur des Kreises gelungen, hätte aus drei auseinanderdriftenden Sammlungsansätzen ein homogenes Gesamtprojekt geformt werden können. Die Schnittmenge des kommerziell erfolgreichen Kinos und Fernsehens, der zur „Klassik“ gerechneten Filmkultur und der filmhistorischen Kostbarkeit ist naturgemäß eine kleine. Einstige Kassenschlager wie Müllers Büro oder Indien reihen sich neben Schlüsselwerke (Die Ausgesperrten), dokumentarische Zeitzeugenbefragungen (Im toten Winkel) stehen neben bildmächtigen Betrachtungen des Globus (Megacities), eine Auswahl avantgardistischer Arbeiten mit Schwerpunkt Found Footage (Recycling Film History) hat ebenso Platz wie Kurt Palms schräge Flann O’Brian-Hommage In Schwimmen-zwei-Vögel. So findet sich unter dem Motto „50-mal Austrofilm für die private Cinemathek“ Kraut neben Rüben, aber es gehe eben darum, so die Kuratoren Claus Philipp, Kulturchef des Standard, und Filmarchiv-Leiter Ernst Kieninger, „auf einen lebendigen Umgang mit der Vielfalt einer nationalen Mentalitäts-, Gesellschafts- und Filmgeschichte Lust zu machen.“ Dementsprechend wird der Bogen gespannt: Von Barbara Alberts großem Festivalerfolg Nordrand (1999), der Geburt der jüngsten „nouvelle vague viennoise“, bis zu Franz Novotnys 1977 mit Massenklagen bedachter, Heimat und Kirche verarschender Staatsoperette als ironischem Schlusspunkt der Reihe.

Dem Markt auf die Sprünge helfen

„Dem filmischen Gedächtnis auf die Sprünge helfen“ nennen die Kuratoren eines der Ziele der Edition. Ein anderes ist, das heimische Filmschaffen der vergangenen 50 Jahre für jeden zugänglich zu machen. Ohne die Rechts- und Sachzwänge des grundsätzlich löblichen Projekts im Auge zu haben, könnte man einwenden: Für diese Ziele hätten zum Beispiel ein jahrelang auf Video vertriebener Kabarettfilm wie Hinterholz 8, Michael Glawoggers ebenso witzige wie belanglose Pornoklamotte Nacktschnecken (gerade einmal zwei Jahre alt) oder die erst jüngst aus den Lichtspieltheatern entlassene Provinzposse Kotsch nicht ediert werden müssen. Dem filmischen Gedächtnis wiederum hätten aussagekräftige Bonusmaterialien nicht geschadet.

Doch Film ist eben auch Unterhaltungsindustrie, und nicht umsonst gibt es zwei weitere Ziele der Edition, die mehr mit dem Markt als mit dem Gedächtnis zu tun haben. Der Marktanteil heimischer Produktionen soll gehoben und der Kulturexport Österreichs angekurbelt werden. Berichtet Standard-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann: „Wir haben mit dem Vertrieb der Editionen der Süddeutschen Zeitung beste Erfahrungen gemacht. Diese Kooperation haben wir bisher nur für den Kultur-Import genutzt, mit der Standard-Edition werden wir auch Kultur-Export betreiben.“

Die Mischung macht’s

Wenn ein Verleger und Vertriebsprofi wie Georg Hoanzl als Initiator einer DVD-Reihe zwei Jahre Arbeit investiert, verzwickte Urheberrechtsprobleme löst und viele Partnerschaften und Kooperationen vereinbart, ist das ein Indiz dafür, dass er an den kommerziellen Erfolg des Projekts glaubt. Förderungen von Bundeskanzleramt und Filmfonds Wien ermöglichen niedrig gehaltene Einzelverkaufspreise trotz fescher Gestaltung der Verpackungen samt Booklets. Großhändler verstärken den Werbe- und Gelegenheitskaufeffekt. Ein interessantes Experiment: Greift der „Saturn-Geiz-ist-geil“-Kunde zu, sagen wir einmal, Postadresse 2640 Schlöglmühl, weil die DVD nur 9,99 Euro kostet? Nimmt jemand, der sich für die „Kultklassiker“ interessiert, filmhistorische Fundstücke mit und kauft die Gesamtedition?

Wir wünschen es dem Filmarchiv Austria, dem Standard und auch Georg Hoanzl. Denn bis auf ein paar Ausnahmen freuen auch wir uns, wie die Kuratoren, über die besondere Mischung: „Häuslbauer, Ministranten, Ausgesperrte und Verwundbare – Erfolge des heimischen Spiel- und Dokumentarfilms treffen auf Glanzlichter der neueren Avantgarde, viel zu wenig beachtete Frühwerke und historische Neuentdeckungen.“
Mal sehen, wie die Mischung ankommt.