Die Duisburger Filmwoche, das wichtigste deutsche Dokumentarfilmfestival, feierte unter dem Motto „Sehen ist Denken“ ihr 30-jähriges Jubiläum.
Zum runden Jubiläum der Duisburger Filmwoche gestaltete sich das Programm multiperspektivisch wie erhofft: Mit dem diesjährigen Motto „Sehen ist Denken“ war der breitest mögliche Ansatz zum Verstehen von und Reden über den „künstlerischen“ Dokumentarfilm in der Schweiz, Österreich und Deutschland gemeint. Die präsentierten Arbeiten erfüllten die Aufgabe unterschiedlichster Standortbestimmungen, von denen sich Verbindungen zu (und Abgrenzungen von) ästhetischen und inhaltlichen Modediskursen ablesen ließen, im Übermaß.
Einmal mehr ragt ein Film von Thomas Heise heraus. Im Glück (Neger), ein enigmatisches Langzeitprojekt, das 1999 als Porträt einer handvoll Jugendlicher begann, mit denen Heise im selben Jahr Heiner Müllers Anatomie Titus Fall of Rome am Berliner theater 89 inszenierte, verweigert notgedrungen eine herkömmliche Dramaturgie, um das Fragmentarische der Lebensläufe der Protagonisten (oder das an Fragmentarischem, was Heise – und wir mit ihm – an den Leben anderer zu begreifen im Stande sind) zum Prinzip der filmischen Erzählung zu erklären. Nie ist man sich über die Wertigkeit des Gezeigten ganz im Klaren. Die ephemeren Beziehungen zwischen dem bulligen, doch feinnervigen Sven – demjenigen, der am stärksten mit (und auf) Heise reagiert – und Svens Freunden und Freundinnen aus Jugendtagen findet Entsprechung in einer gedankenschnellen Montage, die schon mal eine alles versengende Großaufnahme der dunkel vor der Sonne vorbeiwandernden Planetenscheibe der Venus zu Hilfe nimmt, um Liebesschmerz zu versinnbildlichen. Bevor aber Heises Porträt einer verlorenen Generation mehr zu sein beginnt als ein Prolog zu einer Art deutschen Menschheitsgeschichte – der Film beginnt mit dem Schwenk über eine Schultafel, auf der eine aus Buntpapier gebastelte Zeitlinie zehntausende Jahre, doch deprimierend wenige Großtaten des menschlichen Geistes und seiner Erfindungsgabe kursorisch erfasst – oszilliert Svens und Heises Beziehung im Big Crunch: Mittels eines „Videobriefes“ richtet Sven dem Filmemacher aus, dass er, Sven, den gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen auf die Schliche gekommen ist.
Nikolaus Geyrhalters Unser täglich Brot weiß sowohl von der menschlichen Erfindungsgabe ein maschinenhaft präzises Loblied zu singen, als auch ebendiese Genialität in der Urbarmachung der Natur anzuprangern: Ein großes Verdienst dieses beredten, doch sprachlosen (und Sprachlosigkeit verursachenden) Werks. Ohne erklärende Worte reiht Geyrhalters „Maschinenfilm“ schockierende Bilder der Nahrungsmittelproduktion in Europa aneinander; gnadenlose Ernteverfahren folgen auf ebenso gnadenlose Tötungsarten. Der filmische Blick hinter die Kulissen und Begrifflichkeiten der Werbung, die von „nativem Olivenöl“ oder „Eier aus Bodenhaltung“ spricht, vergewaltigt den Zuschauer und weist ihm so dieselbe Position in einem grotesk vernünftigen Tötungs(bilder)reigen zu, wie dem Vieh vor seinem Schlächter. Mit dem Verzicht auf eine „zweite Ebene“, wie zum Beispiel Interviews (die ursprünglich gedreht, dann aber nicht verwendet wurden) oder Texttafeln, die das Mitangesehene „globalisierungskritisch“ kontextualisieren würden, gewinnt Unser täglich Brot beträchtlich an ambivalenter Schönheit. Geyrhalters nächster Film wird die Rallye Paris–Dakar zum Thema haben. Nach der Seherfahrung von Unser täglich Brot, der das menschliche Maß auf so eigentümliche Weise in der Welt der Maschinen feiert, darf man auf weiteres „Maschinen-Kino“ gespannt sein.
Romuald Karmakars mit dem 3sat-Preis ausgezeichneter Film Hamburger Lektionen blickt neugierig hinter die Nebelwand internationaler Medienberichterstattung, die dem Hamburger Imam Mohammed Fazazi das Prädikat „Hassprediger“ verlieh: Wie stellt man einem westlichen Publikum die Reden desjenigen (mittlerweile verurteilten) Mannes zur Verfügung, aus dessen engsten Umfeld die Attentäter von 9/11 kamen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, den Ideen eines radikalen Volksverhetzers eine Plattform zu bieten? In der Machart gleicht Hamburger Lektionen Karmakars 2000 entstandener Arbeit Das Himmler-Projekt: Da wie dort rezitiert Schauspieler Manfred Zapatka Textmaterial, da wie dort interessieren sich die Filme mehr für eine Rekonkretisierung, als für eine Rekonstruktion. Erreicht wird diese durch die Zuspitzung der Ästhetik, die man im audiovisuellen Jargon „Talking Heads“ nennt. Anstatt der hektischen Aneinanderreihung von „sprechenden Köpfen“ im TV, die uns – mal mit Expertenmiene, mal mit Augenzeugendringlichkeit – ein Bild der Lage zu vermitteln suchen, regiert bei Karmakar das Primat der Sprache. Zapatka trägt zur Gänze zwei Reden des Imams vor, die dieser ein Jahr vor 9/11 an seine Hamburger Gemeinde richtete – und dabei auf deren Fragen auch im Dialog einging. Der Binnenlogik von radikalem Gedankengut, wie es Fazazi vertritt, kommt man durch Karmakars Inszenierung und Zapatkas Interpretation der Worte des Imams auf jeden Fall näher – und oft näher, als einem lieb ist – als durch Zeitungsartikel oder an-deren Formen medialer Aufbereitung.
Die Menge gelungener Filme muss die Ermittlung der Preisträger heuer besonders schwer gemacht haben. Viele Arbeiten überzeugten allein schon durch ihre solide ästhetische Umsetzung, wie etwa Karmakars und Geyrhalters Filme, in denen rigider Gestaltungswillen Politisches polemisch zuspitzt. Oder Tizza Covis und Rainer Frimmels fabelhafte Reisebeschreibung eines italienischen Wanderzirkus in Babooska und Thomas Arslans in gemessenen Tempo artikulierendes, superbes türkisches Doku-Roadmovie Aus der Ferne, zwei insistierend direkte Filme, die aus kleinen Ereignissen maximale Wirkung erzeugen. Dass Katharina Copony für Il Palazzo, einer unaufgeregt knappen Architektur-Doku über die Moloch-Siedlung Corviale vor den Toren Roms, der arte-Preis verliehen wurde, setzte den Akzent, der die Duisburger Filmwoche zu dem macht, was sie ist: immer für eine Überraschung gut.
