ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Irgendwann setzt er immer ein, dieser Moment auf einem Festival, in dem sich die Fiktion auf der Leinwand und das Geschehen draußen vermischen und aus einer Mischung aus Übermüdung und Reizüberflutung skurrile oder surreale Situationen entstehen. Dem hat das Filmfest Cannes diesmal selbst ein wenig nachgeholfen und mit Seduced and Abandoned einen Dokumentarfilm ins Programm gehoben, der sich um das Filmfest Cannes dreht. Regisseur James Toback und Schauspieler Alec Baldwin versuchten vor genau einem Jahr hier, für einen erotischen, im Irak angesiedelten Politthriller Finanziers zu finden und dokumentieren ihre teils absurden Treffen mit Produzenten, Milliardären sowie Regie- und Schauspielkollegen. Selbstreferenzialität galore. Auf der Leinwand tauchen dann jene Gestalten auf, denen man eh schon den ganzen Tag im Kinosaal, im Filmmarkt oder in den Hotels und Restaurants über den Weg läuft. Festivalleiter Thierry Frémaux etwa, oder die Kritiker vom „Hollywood Reporter“ oder Stars, die man im letzten Jahr in genau denselben Hotelsuiten auch interviewt hat. Zum Glück hat der Film mit Baldwin und Toback zwei Protagonisten, die dem ganzen Treiben mit Selbstironie und einer gesunden Distanz gegenüberstehen, während trotzdem in jedem Moment die Liebe zum Kino im Allgemeinen und zu Cannes im Speziellen spürbar ist.
Sehr viel weniger Freude bereitete der neue Film von und mit Hollywoodstar James Franco, der sich ja nun schon eine ganze Weile als Tausendsassa präsentiert, mal Filme dreht, mal Bücher schreibt, mal Ausstellungen mit eigener Kunst eröffnet. Nach Berlin und Venedig hat er es mit seinen prätentiösen Regieversuchen jetzt auch nach Cannes geschafft. As I Lay Dying ist die Verfilmung des gleichnamigen William Faulkner Romans über eine Redneck-Familie, die den Leichnam der Mutter mit der Pferdekutsche überführt. Franco zeigt das in flachen Digitalbildern und mit endlosen Splitscreen-Mätzchen, die weder inhaltlich noch formal einen Sinn ergeben. Und immer wieder lässt er Figuren ganze Passagen des Romans direkt in die Kamera sprechen, sich selbst eingeschlossen. Junge, mach mal ne Pause…
Sehr viel hübscher anzuschauen war heute Morgen der wohl auf längere Zeit wirklich letzte Film von Stephen Soderbergh, Behind the Candelabra, über das geheime Privatleben von Liberace. Der Film schwelgt im Pomp des schrillen Entertainers, der sich nicht ganz zu Unrecht wie ein Wiedergänger des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. fühlte. Die Einrichtung seines Palastes in Las Vegas, die Phantasiekostüme aus Glitter und Pelz, der Goldschmuck, die Siebziger-Fönfrisuren – alles so kitschig und durchgeknallt, dass man auch in den zäheren Momenten des Films immer genug Schauwert hat, um sich bestens zu amüsieren. Michael Douglas ist seiner ersten Rolle nach der Krebserkrankung verkörpert Liberace mit einer fast beängstigenden, hinreißenden Ähnlichkeit. Liberace, der Zeit seines Lebens jeden verklagte, der ihn homosexuell nannte, wird hier aus der Sicht seines langjährigen Liebhabers, Ziehsohns und Assistenten Scott Thorson geschildert, der erst 16 Jahre alt war, als er den über 50 Jahre älteren Liberace kennenlernte, bei dem er bald darauf einzog. Matt Damon spielt ihn vom anfangs unschuldig-naiven Boy bis zum schönheitsoperierten, drogenabhängigen Wrack – sicher eine der besten Leistungen seiner Karriere. Der Film erzählt die Phase von 1977 bis zu Liberaces AIDS-Tod 1987 und schafft es in zwei Stunden, nicht nur eine Ära auferstehen zu lassen, die wie eine andere Welt wirkt, sondern auch aus einer öffentlichen Witzfigur einen dreidimensionalen Charakter herauszuschälen. Produziert wurde der Film für den Bezahlsender HBO, wo er bereits am kommenden Sonntag ausgestrahlt wird. Alle Studios hatten zuvor abgewunken, trotz Starbesetzung. Manche Dinge haben sich eben immer noch nicht geändert.
