In den Süden

| Andrea Florentin |

Haiti, Ende der Siebziger Jahre: Mehrere Nordamerikanerinnen um die 50 suchen jedes Jahr in dem gleichen Hotel nach jungen Männern, welche ihnen für ein paar Dollar wieder das Gefühl geben, schön und begehrenswert zu sein. Einer von ihnen ist Legba.

Dem ersten Anschein zum Trotz bietet Laurent Cantet nicht einfach nur einen Film über Sextourismus, und auch kein politisches Pamphlet über die Ausbeutung von Entwicklungsländern. Dabei wäre es leicht gewesen, diese Touristinnen einfach nur zu stigmatisieren. Stattdessen schildert In den Süden sehr viel nuancierter und subtiler die Identitätssuche von Frauen, denen es die Gesellschaft ihrer Herkunftsländer nicht erlaubt, ihre Sehnsüchte ohne Scham auszuleben.

Der Regisseur porträtiert einige von ihnen und bietet dabei einen auch heute noch ungewohnt offenen Einblick in die weibliche Sexualität. Nicht zuletzt durch den Einsatz von Monolog-Szenen gelingt es ihm, tiefer in ihre wahren Beweggründe, ihre Träume und Ängste vorzudringen. Die scheinbare Härte Ellens (Charlotte Rampling) und ihr zynischer Blick auf die Liebe, die falsche Sanftmut Brendas, der emotionelle Abstand Sues – alle drei vertreten einen Aspekt dieser Prostitution, die für sie keine ist, sondern eine mehr oder weniger gelungen verleugnete Liebe.

Doch das Spiel erweist sich jedes Mal dann als Illusion, wenn die wirklichen Lebensbedingungen der Männer hereinbrechen. Die Szenen in den Strassen von Port-au-Prince bieten einen brutalen Gegensatz zu der unbeschwerten Atmosphäre des Hotels. Auch der latente Rassismus wird immer dann deutlich, wenn sich die beiden streng getrennten Welten zu eng berühren. So ist dem Hotelbesitzer die Präsenz der jungen Prostituierten in seinem Etablissement ebenso unerträglich wie für Legba der Anblick der weißen Touristin, die wie eine Haitianerin tanzt. In diesen Szenen lässt sich die ganze Widersprüchlichkeit und Perversität der Situation ermessen. Und wenn Eddy, der eigentlich noch ein Kind ist, die Älteren imitiert und versucht, ebenfalls Touristinnen zu verführen, dann wird das Unbehagen fast unerträglich.

Laurent Cantet lässt den Zuschauer subtil, ohne Zeigefinger oder übermäßigen Voyeurismus, in die Komplexität der unterschiedlichen Sichtweisen eintauchen. Mit stilistischem Feingefühl, einem unerbittlichen, aber nie urteilenden Blick wagt er sich an ein riskantes Thema.  In den Süden ist ein atypischer, anspruchsvoller Film mit bitterem Beigeschmack – einen Einblick in ein Urlaubsparadies, das der Hölle näher nicht sein könnte.