Winterreise

| Maya McKechneay |

Als sein kleiner Betrieb in finanzielle Schwierigkeiten gerät, lässt sich Franz Brenninger zu einem dubiosen Geschäft hinreißen. Eine fatale Entscheidung mit ungeahnten Folgen für sein Leben.

Hans Steinbichlers Film übernimmt seinen Titel von jenem traurigen Liedzyklus, den Franz Schubert kurz vor seinem Tod schrieb. „Es sind nicht einfach Lieder. Es ist die Beschreibung einer Depression“, heißt es über diesen einmal im Dialog. Und Ähnliches ließe sich über Winterreise, den Film, sagen: Wenn Steinbichler vom Besitzer eines mittelständischen Handwerksbetriebes erzählt, dem Brenninger, und seiner Verzweiflung, als er merkt, dass die Zeiten sich geändert haben. Dass ihm der „Holger Sparkasse“, der mit seinem Sohn auf der Schule war, keinen Kredit mehr gibt. Dass die Kunden von früher jetzt zum Baumarkt fahren, statt bei ihm Schmieden zu lassen. Wenn also Winterreise von der Depression dieses Mannes erzählt, erzählt er zugleich von der Depression einer ganzen Generation, die sich mit ihrem Arbeitsplatz identifiziert hat und nun, kurz vor der Pensionierung zusehen muss, wie ihr Lebenswerk seinen Wert verliert.

„An unsere Väter“ lautet die Widmung des Films.  Josef Bierbichler stellt die Figur des Brenninger als eine Naturgewalt dar. „Oaschloch-Post,  Oaschloch, Oaschloch“ murmelt und brüllt er beim Postsortieren, als ließen die Rechnungen, Mahnungen, Forderungen sich einschüchtern.

Steinbichlers Film hat Größe, vor allem dann, wenn er schildert, was er kennt: Die Codes einer Kleinstadt, subtile Zeichen, die Hierarchien spiegeln: wen man wie lang warten lässt, zum Beispiel, bei der Bank. Auch zeigt er Brenningers Milieu nicht als kleinbürgerlich, wie man es erwarten könnte. Im großzügigen 60er-Jahre-Haus hört der Handwerkermeister Klassik, voll aufgedreht, auch nachts. Bis irgendwann seine Frau (Hanna Schygulla) bei aller Liebe nicht mehr kann. „Franz, du musst gehen“, sagt sie nur. Und damit ist alles klar.

Man hätte sich gewünscht, dass der Film bleibt, wo er so viel sieht: In Wasserburg am Inn. Stattdessen gibt es etwa ab der Hälfte einen Bruch. Eine krude Wendung, die mit einem Spam-Brief und mehreren zehntausend Euro zu tun hat, schickt Brenninger und seinen mühsam etablierten Sidekick (Kekilli) nach Kenia, wo die Kamera esoterische Schönheit sucht und findet.

Allein die Szene, in der Bierbichler vielleicht gespielt, vielleicht ehrlich besoffen in einer Hotellobby das Lied vom „Leierkastenmann“ singt, jenes letzte und traurigste von Schuberts Vierzehn, ist hier noch einmal so kraftvoll, dass man mitsaufen, -singen und aus dem Stand Baumärkte zertrümmern will.