Der Schweizer Thomas Imbach dreht unschweizerische Filme von großer visueller Kraft und Direktheit: ausgetüftelte Dokumentationen ebenso wie emotionsgeladene Spielfilme. Seine Arbeiten sind jetzt bei einer Retrospektive in Wien zu sehen.
Das Werk des 45-jährigen Autodidakten aus Luzern ist in knapp 20 Jahren Filmarbeit schmal geblieben: Nach einigen kürzeren Arbeiten entstand 1994 der Dokumentarfilm Well Done, 1997 folgte Ghetto, 2001 der Spielfilm Happiness Is a Warm Gun (samt begleitender, reflexiver Doku happy too); 2005/2006 schließlich zwei weitere Spielfilme, Lenz und He Was a Swiss Banker; letzterer wird dieser Tage bei den Filmfestspielen in Berlin uraufgeführt.
Dass dem so ist, hat zum einen mit der Schwierigkeit zu tun, in der Schweiz Filme zu finanzieren – eine Problematik, die sich nicht wesentlich von der österreichischen unterscheidet, zumal wenn man, wie Imbach, beharrlich einen eigenen Weg abseits des Mainstream gehen will. Er ist Autor, Regisseur und Produzent seiner Filme, dazu noch Editor und gelegentlich auch Kameramann – zusammen mit seinem langjährigen Mitstreiter Jürg Hassler. Imbachs Filme jedenfalls haben mit dem, was man – ohnehin nur sporadisch – als „Schweizer Film“ zu sehen bekommt, wenig bis nichts zu tun: keine bedächtigen Reflexionen über das Leben im Gebirg, keine Mainstream-Komödien. Seine Arbeiten siedeln im Hier und Heute, auch wenn sie auf historischem oder literaturhistorischem Material beruhen. Dass die Filme mehrheitlich englische Titel haben, ist kein Modegag, sondern Konsequenz eines modernen, rastlosen, zunehmend vernetzten Lebens, in dem Englisch unabdingbar geworden ist. Deutlich wird das etwa in Well Done, Imbachs spannender Dokumentation über ein scheinbar nichtssagendes Thema: Der Filmemacher hat monatelang in einer Telebanking-Firma in Zürich „gelebt“ und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei ihrer Tätigkeit, die sich fast ausschließlich am Computer und/oder am Telefon abspielt, beobachtet. Zwischen all das Schwyzerdütsch hat sich eine Menge Englisch eingelagert; die seltsame Sprachmelange ist für die Manager und die Angestellten Alltag geworden.
Imbach hat keinen konventionellen Interviewfilm gemacht, er hat das Material zugespitzt. Der Filmemacher erläutert seine Arbeitsweise sehr plastisch in einem Interview, das auf der DVD von Well Done enthalten ist: In einer Fülle von gedrehtem Material suchte er „Themen“, die er minuziös in einem Zettelkasten katalogisierte. Dank einer rasanten Montage entstand daraus eine beeindruckend strukturierte Collage von Händen, Telefonhörern, Schuhen, Stimmen – optischen und akustischen „Leitmotiven“. Ähnlich verfuhr Imbach auch bei Ghetto, einer intensiven Studie über und mit Züricher Jugendlichen im letzten Schuljahr, kurz vor dem Übergang zum Berufsleben. Hier sind die Gespräche, die der Filmemacher mit den Kids bzw. diese untereinander führten, in sechs Kapiteln strukturiert, es ergibt sich ein dichtes Gewebe, das mit Naturaufnahmen vom Zürcher See konterkariert ist.
Dass er mit konventionellem Erzählen nichts anfangen kann, demonstrierte Imbach dann vor allem in Happiness Is a Warm Gun, einer Art Collage-Spielfilm mit einem faszinierenden Thema. Es geht um das Leben und um den Tod der deutschen Grün-Politikerin Petra Kelly, die im Oktober 1992 von ihrem Geliebten, dem ehemaligen Bundeswehrgeneral Gert Bastian, erschossen wurde, ehe dieser Selbstmord beging. Ausgangspunkt des Films ist die Sekunde, in der die Kugel aus Bastians Waffe in den Kopf Petra Kellys eindringt. Die „nackten Tatsachen“ der bis heute nicht restlos geklärten Tragödie, so Imbach, hätten ihn wenig interessiert, also lässt er eine fulminante Mischung aus Spekulationen (die auch nicht wilder sind als jene, die von den Medien seinerzeit angestellt wurden), biografischen Notizen, dokumentarischen Aufnahmen, Rück- und Vorausblenden folgen. Es ist eine Methode, die einem nach dem Ansehen des Films verblüffenderweise als die einzig legitime erscheint, an ein solches Thema zwischen Tod, Politik, Kitsch und Mythos heranzugehen. Es ist ganz gewiss kein Zufall, dass man sich nicht nur durch das Leben und den Popstar-Tod Petra Kellys, die lange Zeit Ikone, Sympathie- und Hoffnungsträgerin der Grün-Bewegung war, sondern auch durch ihr Aussehen bzw. durch das der Schauspielerin Linda Olsansky an Prinzessin Diana erinnert fühlt. Die Parallelen sind überdeutlich. Imbach schafft es aber auch, notwendige historische Klammern zu finden – ein Großteil des Geschehens ist im Transitbereich eines Flughafens angesiedelt, in den schon mal auch die Gegenwart von 2001 einbricht, in Gestalt abgewiesener afrikanischer Asylwerber, um die sich die engagierte Politikerin Kelly kümmert. Breiten Raum nimmt natürlich die Beziehung zwischen Kelly und dem um 24 Jahre älteren Bastian ein. Dass vieles davon erst von Imbach, der kein Freund elaborierter Skripts ist, und den Darstellern (Olsansky und Herbert Fritsch) beim Drehen erarbeitet wurde, lässt die Dokumentation happy too erkennen, die mehr ist als ein bloßes „Making of“, sondern eher eine Art Arbeitstagebuch für einen schwierigen Film mit sehr fordernden Rollen. Wie in seinen beiden Dokumentarfilmen ist Imbach in Happiness Is a Warm Gun sehr nahe an seine Protagonisten dran, im metaphorischen Sinn und buchstäblich. Die Schusswunde an Kellys Kopf, deutlich als gelungenes Werk der Maskenbildnerin zu erkennen, Petras Mund, ihr Hals, Details ihrer Kleidung, die Kamera ist unablässig bei ihr.
Distanz ist Imbachs Sache nicht, dazu ist er zu sehr infiziert von den Themen, die er wählt. Sechs Jahre lang beschäftigte er sich mit dem Kelly-Bastian-Stoff, ehe er 1998 daran ging, den Film zu machen; seit seinem 19. Lebensjahr, so der Regisseur, trug er das Reclam-Heft von Georg Büchners Fragment Lenz mit sich herum, das er schießlich im Herbst/Winter 2005 in den Vogesen, dem Originalschauplatz, und in Zermatt, dem ikonografischen Schweizer Wintersportort, verfilmte. Wobei „verfilmte“ den Kern der Sache nicht trifft: Imbach selbst spricht davon, von Büchner „inspiriert“ worden zu sein.
Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) war ein deutscher Sturm-und-Drang-Dichter von beachtlichem Talent, der unter zunehmenden psychischen Störungen und einer Rastlosigkeit litt, die sich u. a. in hektischen Reisen manifestierte. Um eine dieser Reisen, in die Vogesen zum väterlichen Pfarrer Oberlin, geht es bei Büchner; doch statt die ersehnte Ruhe zu finden, wird Lenz während der drei Wochen immer verstörter. Thomas Imbach lässt seinen Film in den Vogesen beginnen, wohin der Berliner Filmemacher Lenz (Milan Peschel) reist, um für ein Projekt zu recherchieren. Doch Lenz, Ende 30, befindet sich in einer tiefen künstlerischen und privaten Krise. Er ist ausgebrannt und leer; mit seiner blonden Perücke, die er gelegentlich trägt, erinnert er nicht von ungefähr an das Grunge-Idol Kurt Cobain im Endstadium, vor allem aber auch den Blake/ Cobain, den Gus Van Sant in Last Days porträtiert.
Lenz sehnt sich nach seinem neunjährigen Sohn Noah, der mit seiner Mutter Natalie, die sich von Lenz getrennt hat, in Zürich lebt. Er erfährt, dass Noah mit dem Kindermädchen in Zermatt ist, und begibt sich umgehend dorthin. Natalie trifft kurz darauf ein. Die beiden Frauen sind – anders als Noah – wenig begeistert von Lenz’ Ankunft, doch kurzfristig entsteht zwischen Natalie, Lenz und Noah eine Art „neue Vertrautheit“, ein fragiles Glücksgefühl, das allerdings nicht von Dauer ist. Lenz ist zwischen Euphorie und tiefster Verzweiflung hin- und hergerissen, vor allem, als die Frau und das Kind wieder nach Zürich zurück müssen. Ein Besuch seiner Produzentin, die ihn auffordert, mit „dem Scheiß hier oben“ (Lenz lebt inzwischen in einem Iglu) aufzuhören und endlich an seinem Film zu arbeiten, macht die Sache nicht besser.
Auch in diesem Film „klebt“ Thomas Imbach (die Innenaufnahmen wurden auf Video gedreht) permanent an seinen Figuren. So entsteht ein Film von hoher emotionaler Dichte, der Lenz‘ fatalem Gemütszustand entspricht. Daran ändern auch seine Spaßattacken auf harmlose Skitouristen nichts (ähnliche Interventionen gegen Unbeteiligte gibt es auch in Happiness Is a Warm Gun) und auch nicht seine verzweifelten Ausbrüche in die Natur. Die Enge im Leben seines Protagonisten wird durch den blauen Himmel, die Schneemassen und das unerschüttlich über allem dräuende Matterhorn nur noch deutlicher. So nebenbei ist Lenz aber auch eine Art gegen den Strich gebürsteter „Heimatfilm“ – Zermatt, so Imbach, sei ein Ort seiner Kindheit, ein Ort der Hassliebe, und inzwischen ist er vom globalen Tourismus-Wahnsinn völlig vereinnahmt. Hier ist alles „falsch“, so falsch, wie Lenz sein Leben empfindet. Schlüssigere Bilder zu einem existenziellen Drama sind im Kino noch selten gefunden worden.
