Gerard Depardieu brilliert als alternder Provinz-Schnulzensänger, der das Herz einer jungen Frau zu erobern versucht.
Wie einfach wäre es gewesen, Häme auszuschütten über das Milieu, in welches sich dieser Film versenkt: die Welt der Ballhaussänger in der französischen Provinz, die ihr gesetztes Publikums mit Schlagern von Michel Delpech, Mike Brant und Julio Iglesias auf eine sentimentale Reise in ihre Jugend mitnehmen. Es wäre ein Leichtes gewesen, diesen Beruf als zynischen Handel mit Kitsch und Illusionen aus zweiter Hand zu denunzieren. Wie angreifbar für Argwohn und Spott wäre die Hauptfigur gewesen, deren Metier unter dem Vorzeichen der Zweitklassigkeit steht.
Aber Alain Moreau (Gerard Depardieu) verleiht dieser Zweitklassigkeit erstaunliche Würde. Er ist ein sorgsamer Treuhänder der Sehnsüchte seines Publikums, spricht ohne Verächtlichkeit von ihnen. Denn er ist eins mit sich und seinem Beruf, er liebt diese Musik, sie ist sein Lebenselement. Er sieht aus, als sei er aus der Zeit gefallen, wie ein gealterter Teenager hält er den modischen Exzessen der 70er Jahre wacker die Treue. Bei seinen Auftritten im dunklen Samthemd und weißen Blazer ist er noch ganz dem Glanz früherer Epochen des Showgeschäfts verpflichtet. Er ist einer, der an der Vergangenheit festhalten will; seine Exfrau umsorgt ihn als Managerin und gelegentliche Geliebte. Die Begegnung mit der drei Jahrzehnte jüngere Immobilienmaklerin Marion wird für ihn zur romantischen Wiedergeburt, beharrlich trotzt er ihrer Ablehnung und Skepsis. Er ist eine entschieden untragische Figur, besitzt eine Robustheit, die ihn Demütigungen und Enttäuschungen klaglos hinnehmen lässt. Darin wird Chanson d’amour insgeheim zu einem Schlüsselfilm über seinen Hauptdarsteller, den Peter Pan des französischen Kinos, der es regelmäßig versteht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Xavier Giannolis Film ist die liebevolle Studie eines Berufes (eigentlich zweier Berufe: Das Immobiliengeschäft dient ihm als Metapher, um von unterschiedlichen Lebensentwürfen und dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu erzählen). Giannoli, seit seinem Kurzfilm Das Interview fasziniert von der Unerreichbarkeit in der Liebe, hat für sein Drehbuch Jacques Fieschi zu Rate gezogen, der für Claude Sautets Nelly und Monsieur Arnaud schon einmal die Begegnung zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau als Terrain berückender Vieldeutigkeit ausgelotet hat. Wie bei Sautet gemahnt eine herzzerreißende Umarmung zum Abschied daran, wie viel zwei Menschen einander geben können, ohne sich wirklich ganz zu geben.
