Was Sie schon immer über die Anfänge von Dr. Hannibal Lecter wissen wollten.
Wie wird man eigentlich zum Serienmörder, ein sehr kultivierter und gebildeter zwar, der aber die etwas degoutante Angewohnheit hat, seine Mordopfer nach vollbrachter Tat auch noch zu verspeisen? Man verlebt zunächst bis zum Alter von zehn Jahren als Sohn eines litauischen Aristokraten eine unbeschwerte Kindheit. Die endet schlagartig, als in den Wirren des Zweiten Weltkriegs nicht nur die Eltern ums Leben kommen, sondern man auch noch mit ansehen muss, wie die kleine Schwester von einer marodierenden Bande getötet und verspeist wird. Nach reichlich unerfreulichen Jahren in einem sowjetischen Waisenhaus schlägt man sich nach Frankreich durch, wird dort von seiner begüterten, angeheirateten japanischen Tante freundlich aufgenommen. Und da sich die litauischen Marodeure zufällig ebenfalls in Frankreich niedergelassen haben, unternimmt man einen ebenso blutigen wie grausamen Rachefeldzug, in dessen Verlauf sich schon einmal Gefallen am Kannibalismus entwickeln kann.
Das klingt doch zu sehr nach einem Erklärungsmuster der vulgärpsychologischen Sorte? Ist es natürlich auch, muss aber als Plot für einen Film wie Hannibal Rising herhalten, der sich mit den Anfängen von Dr. Hannibal Lecter beschäftigt, jenem diabolisch-sinistren Serienkiller, der seit seinem Auftritt in The Silence of the Lambs zu den festen Größen im populärkulturellen Universum zählt. Einen Status, den Regisseur Peter Webber ungeniert ausnützt, inszeniert er doch Hannibal Rising in bester B-Movie-Exploitation-Manier und beutet dabei den um „Hannibal the Cannibal“ entstandenen Kult unverfroren und unverhüllt aus. Dieser B-Movie-Tradition bleibt der Film auch ziemlich konsequent verpflichtet, operiert dabei mit dramaturgischen Überhöhungen und ein wenig stereotyp anmutenden Charakteren ebenso wie mit den von der Fangemeinde erwarteten Zitaten und Querverweisen auf bereits bekannte Details aus Dr. Lecters späterer Biografie. Natürlich reicht Hannibal Rising damit nicht an brillant in Szene gesetzte Thriller wie Jonathan Demmes The Silence of the Lambs oder Ridley Scotts Hannibal heran, doch ein gepflegtes Maß an routiniertem, wenngleich auch ein wenig simplen Spannungskino samt dazugehörigen blutigen Schocksequenzen, wird allemal geboten. Immerhin wissen wir nun, dass seine französische Erziehung dafür verantwortlich ist, dass Hannibal Lecter so großen Wert darauf legt, den richtigen Wein zum Verzehr menschlicher Leber zu genießen.
