ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Eine der willkommensten Traditionen in Cannes ist der alljährliche Bürgermeister-Lunch auf dem Platz vor dem Kastell-Museum (Musée de la Castre) in der Altstadt, der immer am Freitag vor Festivalschluss stattfindet. Dabei hat man nicht nur einen herrlichen Blick über die Stadt und aufs Meer, sondern kann auch mit der Jury auf Tuchfühlung gehen, wenn man nicht gerade noch von einem Interviewtermin zum nächsten hetzen muss oder versucht, doch noch in die letzte Wiederholungsvorstellung des angeblichen Gewinnerfilms reinzukommen, dem man zuvor fatalerweise weniger Beachtung schenkte. Allerdings hatte bei der heurigen starken Konkurrenz aus Hollywood tatsächlich kaum einer damit gerechnet, dass das dreistündige lesbische Drama des aus Tunesien stammenden französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche schließlich die Herzen sämtlicher Kritiker erobern würde und sich plötzlich alle einig sind, dass, wenn es im Spielbergschen Universum noch Gerechtigkeit gibt, dieser Film die Goldene Palme gewinnen muss. La vie d’Adèle – Chapitre 1&2, wie Kechiches feinsinnige Charakterstudie im Original heißt (der englische Titel lautet Blue Is The Warmest Colour), hält sich dabei ziemlich genau an das, was der Titel verspricht. Mit einer einfühlsamen, auf Close-ups und Details ausgerichteten Kamera folgt der Film seiner Hauptdarstellerin, gespielt von der bezaubernden Adèle Exarchopoulos, über einen Zeitraum von zirka zehn Jahren. Wenn wir Adèle zum ersten Mal begegnen, ist sie 15 Jahre alt und noch gänzlich unentschlossen ob ihrer sexuellen Vorlieben und Neigungen. Aber mit den Jungs, selbst wenn sie noch so verschossen sind in das kluge, coole Mädchen mit den Wuschelhaaren, will es so recht einfach nicht klappen. Dafür ist Adèle umso mehr angetan von der sichtlich älteren und offensichtlich lesbischen Kunststudentin Emma (Léa Seydoux), mit der sie schließlich ihre erste große Liebe erfährt. Blue (wie der Film bereits liebevoll in Kritikerkreisen genannt wird) ist ein unendlich zärtlicher, kluger und romantischer Film, der nicht nur so große Themen wie Kunst, Philosophie, Literatur und Politik mit atemberaubender Leichtigkeit behandelt, sondern in dem zugleich Leidenschaft, Genuss und sexuelle Identität erforscht und bis ins höchste der Gefühle ausgelebt werden.
Liebhaber des anspruchsvollen Dramas, ob historisch oder modern, freuten sich Freitag morgen dann noch auf James Grays The Immigrant, der bis dato als der geheime Favorit im Wettbewerb galt. Allerdings wurde schnell klar, dass es wohl eher die Liebesbeziehung des Festivals zum Regisseur war als die Qualität seines neuen Werks, die Gray erneut in den Wettbewerb katapultierte. The Immigrant handelt von der jungen Polin Ewa (Marion Cotillard), die mit ihrer Schwester Magda in Amerika ein neues Leben anfangen will, nachdem sie beide Eltern im Krieg verloren haben. Als das Schiff in New York anlegt, wird Magda jedoch aus gesundheitlichen Gründen in Quarantäne genommen, und Ewa kann der Abschiebung ins Heimatland nur durch großes Glück und mit Hilfe eines adretten Herrn namens Bruno Weiss (Joaquin Phoenix ) entgehen, der ihr zwar eine Unterkunft und Arbeit anbietet, aber das nicht ohne einen Preis: Ewa soll in seinem zwielichtigen Theater als Tänzerin und Prostituierte arbeiten. Zunächst sträubt sich Ewa und versucht, dem cholerischen Bruno zu entkommen. Doch sie weiß auch, dass sie ihn und das Geld braucht, um ihre Schwester aus dem Sanatorium zu befreien. Verkompliziert wird die unentspannte Beziehung der beiden, als Brunos Cousin, der Magier Orlando (Jeremy Renner), die Bühne betritt und sich, wie bei Bruno längst geschehen, in die schöne, kriegerische Ewa verliebt. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass Gray seinen Stoff so klassisch und schwerfällig inszeniert, wie es auf dem Papier klingt und selbst ein tolles Ensemble wie Phoenix, Cotillard und Renner sichtliche Probleme hat, dem Ganzen eine glaubwürdige, innige Darstellung abzugewinnen. Am Ende herrschte dementsprechend große Enttäuschung im Publikum angesichts der verlorenen Liebesmüh. Das Schöne daran ist jedoch, dass zwei Filme wie diese einmal mehr beweisen, wie wenig auf Spekulationen, Stars und Sternchen Verlass ist und warum Cannes noch immer auch ein Ort für Überraschungen und Wunder jenseits des Glamours ist.
