ray berichtet aktuell von den 66. Internationen Filmfestspielen von Cannes.
Mit den letzten beiden Wettbewerbsfilmen schwang sich das Festival noch einmal zu einer Größe auf, wie man sie vom wichtigsten Filmfest der Welt erwarten darf. Beides sind Regiearbeiten von Altmeistern, beide haben etwas Artifizielles an sich, in beiden spielen die Figuren Rollen innerhalb der Narration – und doch könnten sie unterschiedlicher kaum sein.
Roman Polanski kehrte mit der Adaption der Broadwaystück Venus in Furs an die Croisette zurück, einem Zweipersonenkammerspiel über einen Theaterregisseur (Mathieu Amalric), der die perfekte Besetzung für die Rolle der Vanda in der Bühnenversion von Sacher-Masochs Skandalklassiker sucht und dabei eine Frau findet, die mehr dem Original entspricht, als er sich das erträumt hat. Die plötzlich aus dem Regen aufgetauchte Kandidatin und der Regisseur spielen das Stück probeweise durch, immer wieder unterbrochen durch ihre Auseinandersetzungen darüber. Ein permanentes Rollen-Raus- und Reinschlüpfen, ein Reden über Sex, Unterwerfung und Verlangen. Zugleich beobachten und kommentieren sie sich dabei gegenseitig. Eine Psychosexkomödie, die Polanski mit seiner eigenen Frau, der französischen Schauspielerin Emmanuelle Seigner besetzte, was der ohnehin schon verspielten Perversion zusätzliche Ebenen verleiht. Das Ergebnis ist eine höchst vergnügliche Reflexion über Obsessionen, SM und das Theater.
Als letzter Film des Wettbewerbs lief heute Jim Jarmusch Only Lovers Left Alive, eine melancholisch-morbide Vampirstory, die mindestens ebenso smart und dabei weitaus verschrobener unterhielt als Polanskis Film. Eine Art Hipster-Update des Vampirgenres mit Tilda Swinton und Tom Hiddleton als Blutsauger-Paar, dem man die Jahrhunderte nicht ansieht. Ihre Körper wirken ebenso frisch wie ihre Liebesbekundungen. Dass sie Eve und Adam heißen und ihr Mentor und Blutspender Christopher Marlowe ist, erweist sich nur als einer von zahlreichen charmanten Späßen über Kunst, Kultur und Konsumgesellschaft macht. Sie leben unter uns, zeigt uns Jarmusch, aber sie haben dabei weit mehr Spaß als wir, die untoten Zombies des ausgehenden Kapitalismus.
Die Pressevorführung des Abschlussfilms Zulu fand Samstagmittag dann bereits vor halbleeren Rängen statt. Und viele der Kritiker, die sich noch eingefunden hatten, flüchteten angesichts der reichlich abgeschmackten Geschichte um zwei ungleiche Cops (Forest Whitaker und Orlando Bloom), die in Kapstadt im Falle eines brutalen Mordes an einer 20-jährigen weißen Südafrikanerin ermitteln und dabei auf eine straff organisierte neue Drogengang stoßen. Regisseur Jérôme Salle lässt kaum ein Polizeifilmklischee aus, vom saufenden Weiberhelden (den Bloom wenig überzeugend verkörpert), über brutalstmögliche Gangster bis zum dröhnenden Soundtrack ist alles dabei. Alles um einiges zu dick aufgetragen in seiner sinnlosen Gewaltdarstellung, aber vielleicht will uns das Festival auch einfach den Abschied nicht so schwer machen. Zumindest lief der Film außer Konkurrenz. Die Preise des Wettbewerbs werden dann Sonntagabend um 19 Uhr vergeben.
