Schwerpunkt Crossing Eastern Europe – Entdeckungsreisen

Entdeckungsreisen

| Günter Pscheider |

Junges Kino aus dem Osten bereichert erneut das vielfältige Crossing Europe Festival. Eine ausgesuchte Vorschau auf das Spielfilmprogramm.

Bereits im vierten Jahr seines Bestehens ist das Festival „Crossing Europe“ unter der Leitung der ehemaligen Diagonale-Intendantin Christine Dollhofer ein Fixpunkt in der europaweiten Festivallandschaft. Das offene Konzept mit dem Fokus auf innovativem Kino von jungen Filmemachern lässt immer wieder Entdeckungen zu, die den schwierigen Weg in die heimischen Kinos nur mit Hilfe der zusätzlichen medialen Aufmerksamkeit und des positiven Publikumsfeedbacks in Linz schaffen können.

Wer kompromisslos die geografischen und kommerziellen Ränder des filmischen Europa ins Zentrum rücken will, kommt derzeit am aufregenden neuen Kino des ehemaligen Ostblocks nicht vorbei. Dass zum Osteuropaschwerpunkt der vorliegenden ray-Ausgabe ausschließlich Filme aus dieser Region vorgestellt werden, heißt aber natürlich nicht, dass im heurigen Programm nicht auch jede Menge interessanter Produktionen aus dem restlichen Europa laufen.

Im weiten Gebiet von Ex-Jugoslawien hat sich in den letzten Jahren auch abseits des poetischen Realismus eines Emir Kusturica eine lebendige Filmszene entwickelt. Der Krieg ist eine dunkle Wolke in den Köpfen der Menschen, direkten Einfluss auf das Leben im heutigen Serbien des Filmes Sutra Ujutru (Tomorrow Morning) hat er keinen mehr. Ein Mann kehrt nach 12 Jahren zurück, um zu heiraten. Er trifft seine alten Kumpels, besucht das Grab seines besten Freundes und verliebt sich wieder in seine mittlerweile alkoholabhängige Ex-Freundin. Ein klassischer Plot, der überall spielen könnte, aber in Serbien scheint alles ein wenig extremer zu sein, sowohl die Herzlichkeit als auch die innere Leere der Protagonisten. Nichts hat sich verändert, die schon etwas in die Jahre gekommenen Rabauken treiben ihre derben Späße, Drogen aller Art werden bis zum Exzess konsumiert und doch ist alles anders geworden, weil die Träume einer ganzen Generation zerstört worden sind. Selbst die Liebe bietet keinen sicheren Zufluchtsort. Schnell auf den Punkt hin inszeniert ist der Film ein gelungenes Beispiel für eine allgemeingültige Story mit starker lokaler Färbung.

Reality Show, Generation Gap

Im bosnischen Film Mama i Tata (Mum n´Dad) ist der Ort des Geschehens viel austauschbarer: Wir verlassen die Wohnung eines betagten Ehepaares kaum, die kommunikativen Fähigkeiten von Papa sind nach einem Schlaganfall stark eingeschränkt, aber er scheint sowieso immer eher ein Mann der Tat gewesen zu sein. Die Zeit vergeht quälend langsam mit Kartenspielen, Kaffeetrinken, Fernsehen und Wohnungputzen, nachdem er wieder einmal den Teppich voll gepinkelt hat. Das Ganze ist als grausame Reality Show inszeniert, mit eingeblendeten Telefonnummern zum Abwählen und langen Einstellungen des Alltags der einander hassenden Eheleute, die vielleicht einmal bessere Zeiten gesehen haben, jetzt aber nur mehr immer absurder werdende Machtkämpfe austragen. Man erfährt kaum etwas über die Vergangenheit der beiden, einzig das unerbittliche Vergehen der Zeit und das lange Warten auf den Tod werden sichtbar wie selten zuvor in einem sehr langsamen Film über das Altsein in einer inhumanen Gesellschaft.

Der Humor von Armin ist deutlich optimistischer angelegt, fast so als wollte Regisseur Ognjen Svilicic endlich das Missing Link zwischen Kaurismäki und Jarmusch finden. Mit stoischer Gleichmut erduldet der junge Armin die Demütigungen, die er für ein Casting eines deutschen Films, für den bosnische Darsteller gesucht werden, hinnehmen muss. Hier prallen zwei Welten aufeinander, die bodenständige Sichtweise des eher simpel gestrickten Vaters und die freundliche, aber oberflächliche Geschäftigkeit der künstlichen Filmwelt. Mit lakonischem Witz wird mit wenigen Gesten und Blicken ein komplexes Vater-Sohn-Verhältnis beschrieben, das sich von gegenseitigem Misstrauen zu tiefem Verständnis füreinander wandelt. Man schaut den exzellenten Darstellern gerne bei ihrer Reise durch das fremde Universum eines Fünf-Sterne-Hotels zu sich selbst zu. Generell fällt auf, dass in allen gesichteten osteuropäischen Werken die Schauspieler in der Lage sind, die Filme allein durch ihre starke Präsenz zu tragen.

Ebenfalls mit subtilem Humor erzählt der ungarische Film Friss levego (Fresh Air) der 25-jährigen Debütantin Agnes Kocsis eine ganz ähnliche Geschichte eines Generationenkonflikts. Die einsame Mutter putzt Toiletten und sucht bei Lonely Hearts Tanzveranstaltungen nach dem Mann fürs Leben, während die Teenagertochter sich für Modedesign interessiert und von einer Reise nach Rom träumt. Das einzig verbindende Element scheint die gemeinsame Vorliebe für die Daily Soap zu sein, die die beiden zusammen auf dem Sofa verfolgen. Gedehnt, aber mit beeindruckendem Sinn fürs Detail beschreibt die Regisseurin die langsame Annäherung der einander fremd scheinenden Menschen.

You won’t fool the children of the revolution

Dass sich gleich drei Werke aus dem aufstrebenden Filmland Rumänien mit der dramatischen jüngeren Vergangenheit ihres Landes beschäftigen, ist nicht weiter verwunderlich: Neben dem hoch gelobten tragikomischem A fost sau n-a fost? (12.08 east of Bucharest) hat auch der erste Langfilm des viel versprechenden Talents Catalin Mitulescu den Sturz von Ceaucescu zum Thema. Atmosphärisch dicht wird in Cum mi-am petrecut sfarsitul lumii (The Way I Spent the End of the World) die Perspektive eines Kindes und einer rebellischen Heranwachsenden eingenommen, um den Alltag einer Durchschnittsfamilie im Revolutionsjahr 1989 zu beschreiben. Hinter der erzählerischen Leichtigkeit und den poetischen Bildern lauert immer der Schrecken der Diktatur. Vorauseilender Gehorsam, lähmender Opportunismus und der Wille, dem Regime zu entfliehen oder sich nicht anzupassen, spalten die Gesellschaft bis in jede Familie. Aber gerade die Jugendlichen erweisen sich mit ihrer Kraft zur Veränderung als Hoffnungs-sträger für die Zukunft.

Die tragischen Ereignisse während der chaotischen Zustände unmittelbar nach dem Umsturz auf den Straßen von Bukarest werden in Hirtia va fi albastra (The Paper Will Be Blue) behandelt. In düsteren klaustrophobischen Bildern verfolgen wir den Weg einer Nachrichtendiensteinheit in einem kleinen Panzer durch die Wirren der Revolution. Niemand weiß, was eigentlich wirklich im von den Rebellen besetzten Fernsehstudio passiert, die Fronten sind unklar wie in kaum einem Krieg zuvor. Anhand dieses unkonventionellen Kriegsfilms wird deutlich, wie vielfältig die Filmlandschaft des ehemaligen Ostblocks derzeit ist, wie man sich an Hollywood-Dramaturgien und gleichzeitig beim traditionellen europäischen Autorenkino bedient und dennoch eigenständige Geschichten vom Leben in der Region erzählen kann.

Die vierte Ausgabe von Crossing Europe findet von 24. bis 29. April statt. Herzstücke des Festivals sind das Panorama Europa und der Wettbewerb Europäisches Kino um den mit 10.000 Euro dotierten Crossing Europ Award European Competition, powered by Linz09, sowie der ray-Publikumspreis im Wert von 6.000 Euro.
Crossing Europe 07 eröffnet am Dienstag, 24. April mit der Vernissage der Präsentation von O.K Artist in Residence Šejla Kameriˇc (siehe nächste Seite) sowie drei Eröffnungsfilmen: der Uraufführung der Musikdokumentation Attwenger Adventure von Markus Kaiser-Mühlecker (A 2007), dem epischen Film The End of the Neubacher Project von Marcus J. Carney (A 2006/Österreichpremiere) und Dies d’ Agost/August Days (Spanien 2006/Österreichpremiere) von Tribute-Regisseur Marc Recha.