Wie auf einer dünnen Eisfläche, die jederzeit einbrechen könnte, hat Alain Resnais in „Cœurs (Herzen)“ einen schwerelosen Winterreigen konstruiert.
Drei Zimmer sollte die Wohnung haben, die Nicole schon so lange sucht, denn nach geplanter Heirat mit Dan möchte sie endlich eine größere Bleibe mit ihm beziehen. Was ihr Thierry, der Immobilienmakler, jedoch zum Besichtigungstermin anzubieten hat, sind zwei halbe Räume und ein Wohnzimmer. Quer durch ein geräumiges Zimmer hat jemand eine Wand gezogen, die mitten im Fenster endet und schon vorab das Wohngefüge zerstört. Die Trennung von Nicole und Dan steht schon im Raum, bevor man irgendetwas vom einzigen echten Paar im Film erfahren hat. Das ominöse dritte Zimmer war nicht als Kinder-, sondern als Arbeitszimmer gedacht. Dan besteht darauf, auch wenn er vor nun schon sechs Monaten in guter Position beim Militär den Hut nehmen musste und selber nicht weiß, wozu ihm ein Schreibtisch in den eigenen vier Wänden dienen könnte. Um wie vor vielen Jahren zärtliche Zeilen an Nicole zu verfassen, ist es jedenfalls zu spät, das wissen sie beide und tun dennoch so, als gäbe es für sie eine gemeinsame Zukunft.
Das mit der Wahrheit nehmen sich alle sechs Protagonisten nicht besonders zu Herzen. Von den kleinen Notlügen zu den subtilen Lebenslügen schwindeln sie sich hinter halb transparenten Vorhängen, halb geöffneten Türen, mit falschen Namen oder im bigotten Doppelspiel durchs Dasein und tun alles, um ihre Umwelt, vor allem aber sich selbst darüber hinwegzutäuschen, was in ihrem verletzten und verleugneten Inneren vor sich geht.
Private Fears in Public Places ist der Titel der fürs Theater geschrieben Vorlage des britischen Dramatikers Alan Ayckbourn, der Resnais nach Smoking/No Smoking (1993) erneut für seine filmische Arbeit inspiriert hat. Anstatt alles durch und durch britisch auszustatten, hat der Filmemacher die Handlung diesmal in ein graues, winterliches Paris transferiert und vor dem Schleier eines dichten Dauerschneefalls eine kühle, urbane Traumwelt im gerade zum Leben erwachenden Pariser Stadtviertel um die neue Bibliothèque Nationale entworfen. Resnais benutzt die Statik von wenigen Innenräumen – die meisten davon sind Wohnungen –, um in einer ständig im Tempo variierenden Abfolge von gut 50 Sequenzen seinen Rhythmus zu erzeugen. Wohnungen, Bars oder ein Büro werden betreten oder wieder verlassen, Türen gehen auf und zu, man könnte sich in einer Boulevardkomödie wähnen, würde nicht bei jedem Anflug von Komik eine eisige Brise mitwehen, die jedes Schmunzeln augenblicklich gefrieren lässt. Der Schnee auf den Schultern derjenigen, die von draußen kommen, die Hauben und Schals, in die sie sich hüllen, wenn sie hinaus müssen, verraten etwas von der Kälte, die sie alle umgibt.
Sie sind vielmehr komisch wider Willen – Resnais’ sechs undurchschaubare Wintergestalten, die er großteils mit seinen liebsten Schauspielern (Sabine Azéma, Pierre Arditi, André Dussollier, Lambert Wilson) besetzt hat und vorzugsweise zu zweit im Reigen ihres frostigen Alltags in Szene setzt: Gaëlle und Thierry könnten Vater und Tochter sein und erweisen sich als schrulliges Geschwisterpaar, das viel voreinander zu verbergen hat. Thierry und Charlotte sind seit Jahren als Chef und Sekretärin ein Gespann, in dem sie still und verschämt die Zügel in die Hand genommen hat. Charlotte und Lionel könnten ein Paar werden, wenn da nicht ihr Draht zu Gott im Weg wäre. Lionel und Dan könnten Freunde sein, wenn einer von ihnen so etwas wie Anteilnahme an den Tag legen könnte. Dan und Nicole sind nicht mehr zu retten, aber mit Gaëlle hätte es klappen können, hätte Dan wenigstens ihre Telefonnummer notiert. Alain Resnais hat ein rätselhaftes und unvollständiges Puzzlespiel konstruiert, das dem Zuschauer nur Impulse liefert, um sich in der eigenen Phantasie die möglichen Geschichten hinter den fragilen Lebensskizzen auszumalen. Die Jury beim Filmfestival in Venedig belohnte das filigrane Konstrukt mit Silbernen Löwen für die beste Regie und für Laura Morante (Nicole) als beste Darstellerin.
