Schwerpunkt China – Soldaten des Teufels

Soldaten des Teufels

| Andreas Ungerböck |

Im Dezember 2007 jährt sich zum 70. Mal das Massaker von Nanjing, auch bekannt als „The Rape of Nanjing“. Zeitgerecht häufen sich die Filmprojekte über die Gräueltaten der japanischen Besatzer.

Während des japanisch-chinesischen Krieges (1937 bis 1945) ermordeten die japanischen Besatzungstruppen allein in der Stadt Nanjing (anglisiert: Nanking) rund 300.000 Menschen auf bestialische Art und Weise, mindestens 20.000 chinesische Frauen wurden systematisch vergewaltigt. Bis heute belasten diese Gräuel die Beziehung zwischen den beiden asiatischen Großmächten. 2005 flammten die Ressentiments mit großer Vehemenz wieder auf, als der japanische Premierminister Junichiro Koizumi den Yasukuni-Schrein in Tokyo besuchte – die größte Gedenkstätte für die (japanischen) Opfer des Krieges, aber auch für 14 überführte Kriegsverbrecher. Die fragwürdige Darstellung der historischen Fakten in japanischen Schulbüchern tut ein Übriges.

Außerhalb Asiens wurde über diesen Wahnsinn lange Zeit recht wenig bekannt. 1997 schrieb die chinesisch-amerikanische Autorin Iris Chang ihr wichtiges Buch The Rape of Nanjing. The Forgotten Holocaust of World War II – Chang selbst, deren Großeltern dem Grauen mit knapper Not entkommen waren und die sich lange Zeit mit dem Thema befasst hatte, beging 2004 Selbstmord. Als maßgebliches zeithistorisches Dokument gelten zudem die Aufzeichnungen des damals in Nanjing lebenden NSDAP-Mitglieds John Rabe, der als „der gute Deutsche von Nanjing“ gilt. Indem er über seinem Haus die Hakenkreuzfahne hisste und immer wieder marodierende japanische Soldaten vor den Toren vertrieb, konnte er viele Menschen vor dem sicheren Tod bewahren.

Als Filmthema waren die Ereignisse in Nanjing lange Zeit wenig populär. In Hongkong erschien 1988 der höchst spekulative Film Men Behind the Sun von Mou Tun-fei, der die Vorgänge in einem japanischen KZ und die Brutalität der Sondereinheit 731 schildert. Der Film, zunächst als „Dokument“ gehandelt, geriet schon bald und zu Recht in die „Sicko“-Schmuddelecke, ebenso wie diverse Fortsetzungen und Varianten (darunter, vom selben Regisseur, Black Sun: The Nanking Massacre). Schon die bloße Existenz der Sondereinheit wird übrigens von ultranatio­nalistischen japanischen Historikern geleugnet. 1992 entstand in Kanada der 50-minütige Dokumentarfilm In the Name of the Emperor von Nancy Tong und Christine Choi, in dem eine Vielzahl von japanischen Zeitzeugen, Politikern und Wissenschaftler zu dem Massaker Stellung nehmen. Der Film beeinflusste auch Iris Chang nachhaltig.

Der prominente chinesische Regisseur Wu Ziniu stellte 1995 Nanjing, 1937 fertig, einen Dokumentarfilm, der drei Jahre später auch in Japan zu sehen war. 2001 drehte der japanische Filmemacher Matsui Minoru eine Doku über das Massaker: Riben guizi (Japanese Soldiers of the Devil), in dem ehemalige Soldaten, meist solche, die „nur Befehle ausgeführt haben“, zum Teil ohne jede Reue von ihren Taten, auch in Nanjing, erzählen. Das 160-minütige, sicherlich mutige Werk (man sieht turbulente Szenen, in denen die Filmcrew am Yasukuni-Schrein attackiert wird) hinterlässt so auch einen gewissen schalen Beigeschmack.

Nun, aus Anlass des 70. Jahrestages, scheinen mehrere Filmemacher auf das Thema aufmerksam geworden zu sein. Den Anfang machte der US-Dokumentarfilm Nanking von Bill Guttentag und Dan Sturman (Oscar-Gewinner für die 9/11-Kurzdokumentation Twin Towers, 2003), der im Jänner beim Sundance Film Festival Premiere hatte. Dabei greifen die beiden Regisseure zu einem ebenso bewährten wie fragwürdigen Mittel. Zwar treten auch einige Zeitzeugen auf, zumeist aber werden Briefe und Tagebucheintragungen aus der Zeit von professionellen Schauspielern (darunter Jürgen Prochnow als John Rabe) vorgelesen. Was immer man davon hält, der Effekt jedenfalls war gewaltig – in Sundance wurde der Film trotz seines schwer verdaulichen Themas zum Must-See. In Japan dagegen rüstete die ewig gestrige Rechte umgehend zum Sturm gegen den Film, ein „Machwerk Chinas“.

Die Rechte an Iris Changs Buch haben sich der mittlerweile verstorbene Gerald Green (Autor des TV-Bestsellers Holocaust, 1978) und Regisseur Simon West (Lara Croft) gesichert, von einem angekündigten 38-Millionen-Dollar-Projekt ist allerdings – gottlob? – noch nichts in Sicht. Auch Oliver Stone soll Interesse am Nanjing-Stoff bekundet haben, Konkretes gibt es dazu vorerst nicht. In Kanada entsteht hingegen ein TV-Film namens The Woman Who Couldn‘t Forget: The Iris Chang Story mit Olivia Cheng in der Hauptrolle; gedreht wird zum Teil auch in China.

Der chinesische Regisseur Lu Chuan (Kekili: The Mountain Patrol) beginnt im Mai mit den Dreharbeiten zu Nanjing! Nanjing!, einem, wie Lu es ausdrückt, „wahren chinesischen Kriegs- und Katastrophenfilm“; das winterliche Nanjing soll in der nordöstlichen Provinz Jilin nachgebaut werden, und es soll eine Massenszene im Film geben, die die Ermordung von 40.000 Menschen zeigt. Jackie Chans Freund und Stammregisseur Stanley Tong arbeitet seit fünf Jahren an einem Projekt namens The Diary. Der Film soll die Zeitspanne vom Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges bis zum großen Kriegsverbrecherprozess in Tokyo umfassen. Nanjing Christmas 1937 ist der Titel eines geplanten Films des renommierten Hongkong-Filmautors Yim Ho – auch er ist inspiriert von Iris Changs Buch. Es soll darin um jene Ausländer gehen, die mitgeholfen haben, chinesischen Einwohnern der Stadt das Leben zu retten. Und auch die eher kommerziell orientierten Huayi Brothers in Beijing planen John Rabe, ein Biopic über den ­„guten Deutschen von Nanjing“.