Clint Mansell – Eine neue Quelle der Filmmusik

Eine neue Quelle der Filmmusik

| David Serong |

Kongeniale Partnerschaft: Das Ohr Clint Mansell braucht das Auge Darren Aronofsky – und umgekehrt.

Die Filme von Darren Aronofsky sind unverwechselbar, und unverwechselbar ist auch die Musik, die Clint Mansell dafür schreibt. Ein spannendes Beispiel dafür, wie ein Regisseur und sein Komponist kongenial etwas Großes schaffen können. Dabei ist ihre Zusammenarbeit gerade einmal drei Filme jung.

Clint Mansell, 1963 in Coventry geboren, kam über die Popmusik zum Film, seine Band hieß Pop Will Eat Itself. Sie begann früh, sich mit Einflüssen aus anderen Richtungen der populären Musik wie dem HipHop auseinander zu setzen. So entwickelte sich die Musik von der ursprünglichen Rockmusik hin zu elektronischer Industrial-Musik. Ihr größter kommerzieller Erfolg war 1993 Platz neun der britischen Charts mit „Get the Girl! Kill the Baddies!“ Mansell war Gitarrist und später Sänger der Band. Damals lernte Mansell den Filmemacher Darren Aronofsky kennen.

Aronofsky, 1969 in New York geboren, war gerade dabei, seinen Debütfilm zu realisieren:  (Pi, 1998). Um das Budget zusammenzukratzen, ging er sogar so weit, alle seine Bekannten zu fragen, ob sie nicht mit wenigstens 100 Dollar seine Arbeit unterstützen könnten. Einen kostspieligen Score konnte er natürlich nicht verwirklichen. Aronofsky tat also, was er schon früher getan hatte, er fragte einen Freund. Der Freund war Clint Mansell.

Mansells Band hatte sich 1996 aufgelöst, er selbst war auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Für Pi komponierte er einen elektronischen Score über Computer, Zahlenfolgen, Kopfschmerzen und Muster im menschlichen Leben. Und seine Musik traf präzise die paranoide Grundstimmung eines Mathematikers, der sich inmitten einer Weltverschwörung wähnt, die ihn bis zur Selbstzerstörung treibt.

Für das ambitionierte No-Budget-Debüt erhielt Aronofsky den Regie-Preis beim Sundance Film Festival. Die Musik wurde schnell ein Geheimtipp im Bereich des Techno, wo man sich gerne bei Mansells Werk bediente – so entwickelte seine Musik als Remix-Material abseits des Films ein Eigenleben.

Man war gespannt, was die beiden als Nächstes in Angriff nehmen würden. Die Wahl fiel auf die Adaption von Requiem for a Dream (2000) von Hubert Selby. Dass eine Geschichte um Drogensucht und Entfremdung einen ganz anderen Klang brauchte als Pi, schien klar: hat die Handlung doch mehrere Stimmungsebenen, die ineinander greifen. Mansell benötigte eine instrumental wärmere Note. Man entschied sich für die Zusammenarbeit mit dem Kronos Quartet, einem Streichquartett, das man durch die Interpretation der Werke zeitgenössischer Komponisten kannte. Mit dem Kronos Quartet gelang es Mansell, einen kalten und unbehaglichen Klang zu erzeugen, der aber auch die Sanftheit von Streichermusik annehmen kann, und der die Protagonisten auf dem Weg in die unvermeidliche Katastrophe begleitet.

Dem Team Aronofsky/Mansell war ein Meisterwerk geglückt, dessen schönster Lorbeer die Oscar-Nominierung für Hauptdarstellerin Ellen Burstyn war. Mansells Musik entwickelte wieder ein Eigenleben: diesmal nicht allein durch die Wiederverwendung im Techno, sondern auch völlig zweckentfremdet. In zahlreichen Trailern, aktuell zum Beispiel für den Science Fiction Film Sunshine (Regie: Danny Boyle), kam die schicksalhafte Musik von Requiem for a Dream zum Einsatz.

Es sollte aber sechs Jahre dauern, ehe mit The Fountain (2006) endlich der dritte Film des Duos in die Kinos kam. Ursprünglich direkt im Anschluss an Requiem geplant, schien das Projekt nach dem Ausscheiden des für die männliche Hauptrolle vorgesehenen Brad Pitt zunächst zum Scheitern verurteilt. Erst nach zwei Jahren (in denen Aronofsky unter anderem im Zusammenhang mit Batman Begins genannt wurde) erhielt er erneut grünes Licht für The Fountain.

Mansell war von Anfang an in die Produktion eingebunden und konnte daher auf jede Menge Material zurückgreifen. Er hatte viele Ansätze probiert, unter anderem mit einem Beitrag von David Bowie, dessen Space Oddity den Film mit inspiriert hatte. Letztlich griff er aber auf das Kronos Quartet zurück. Als neue Klangfarbe brachte Mansell die Band Mogwai ein, deren Musik auf der Ausarbeitung von Themen mit Rockinstrumenten basiert. Durch diese Mischung erhält die Musik eine dreckige sowie eine schöne Seite, deren Wechselspiel den wundervollen Spannungsbogen des überaus musikalischen Films The Fountain ausmacht.

Für Darren Aronofsky, der in seinem Werk die Grenzen der menschlichen Seele auslotet, hat Clint Mansell stets die passende Musik gefunden. Doch neben seiner Arbeit für Aronofsky hört man von Mansell wenig. Er scheint durchaus umtriebig zu sein, zum Beispiel fügt sich seine griffige Musik für die flotte Actionkomödie Smokin’ Aces hervorragend in die den Film sonst bestimmende Rockmusik. Zur Vollendung bringt er seinen Stil allerdings nur für Aronofsky: Der Regisseur, ein eher optischer Mensch, hat seine musikalische Entsprechung gefunden. Und umgekehrt braucht das Ohr Mansell anscheinend das Auge Aronofsky.

Als Nächstes will Aronofsky einen psychologischen Thriller mit dem Titel Black Swan drehen. Eines ist ziemlich sicher: Die Musik wird wieder von Clint Mansell kommen. Und Clint wird ziemlich sicher auch diesmal wieder für Freund Darren seine kompositorischen Grenzen transzendieren.