Von der Trickminiatur bis zur Luftgitarrenshow: Die Vienna Independent Shorts 2007 feiern erneut den Kurzfilm in allen Erscheinungsformen.
Nachrichtenmoderator Armin Wolf widmet dem Event regelmäßig seit seiner ZiB3-Zeit einen lustig gemeinten Softnews-Clip am Ende einer faktenlastigen Sendung: Die Luftgitarren-WM eignet sich halt bestens für einen 60-Sekünder, den man wahlweise als Anregung zum beherzten Spontansolo im eigenen Wohnzimmer oder als beschwingtes Betthupferl auffassen kann. Geschmunzelt werden darf dabei jedenfalls.
Dem Thema annähern kann man sich aber auch ausführlicher und nicht allein vom Standpunkt ironischer Distanz. Dann ist man bei Daniel Kula und seinem Film Airness, der den Luftgitarre-Aficionado auch bei alltäglichen Interventionen in der Warteschlange zeigt und „Experten“ zum Phänomen befragt. Geschmunzelt werden darf auch hier, nur wird den Zuschauern die Grimasse nicht vorwitzig ins Gesicht geschnitzt.
In 24-facher Länge eines durchschnittlichen News-Clips noch immer locker ein Kurzdokumentarfilm, begleitet Kula ausgesuchte Würger imaginärer Klampfen von der deutschen Vorausscheidung in Berlin bis zur Endrunde in Finnland. In Interviews wird klar, dass hier nicht nur Spaßterroristen und mehr oder weniger begnadete Selbstdarsteller unterwegs sind (die teilweise beachtlichen Trainingsaufwand in Kauf nehmen), sondern auch Späthippies, die sich von der Idee der freien Liebe, nicht aber von der Idee des Weltfriedens verabschiedet haben: „Make air, not war“ heißt ihr sympathisches Motto. Wer nicht das Zeug zum Rockstar hat, lässt sich hier in seiner „Minute of Fame“ von Gleichgesinnten bejubeln und spart sich das entwürdigende Procedere einer nicht weniger albernen Castingshow, wo letztlich auch Dilettanten antreten.
Lustvoller Formalismus
Ganz und gar nicht dilettantisch nimmt das Festival Vienna Independent Shorts (VIS) in seiner vierten Auflage 230 Kurzfilme und Videos aller Art aus aller Welt ins Sortiment, um vom 15. bis 20. Mai das internationale Kurzfilmschaffen in Wien zu würdigen. Die Bandbreite reicht von der kunstvollen Experimentalminiatur (etwa The International Photon von Nikolaus Jantsch) bis zum Dramatic Feature (z.B. über inzestuöses Begehren und Gewaltaffinität perspektivloser Jugendlicher im Videofilm Melodramat des Polen Filip Marczewski). Tributes widmen sich der vielseitigen US-Amerikanerin Miranda July, die mit ihrem Langfilmerstling Me and You and Everyone We Know weltweit bekannt wurde, und dem österreichischen Alleskönner Virgil Widrich.
Manche Arbeiten, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben, erwecken in ihrem Hang zum lustvollen Formalismus assoziative Korrespondenzen: Der Animation Short Weiss (5 Min.) des Deutschen Florian Grolig macht die unsichtbaren Grenzen einer Trickfigur anhand ihres Schattens sichtbar; Hell-Dunkel-Reflexionen dominieren aber auch die iranische Arbeit A Window Facing the Sun (12 Min.), wo unter dem Motto „in the name of God“ die Gestalt bäuerlicher Nomaden auf ihren Schatten reduziert bleibt, ihr ritueller Bittgesang um rettenden Regen aber umso deutlicher zu Gehör kommt. Bijan Zamanpira, mehrfach als Assistent Bahman Ghobadis tätig, erzählt ohne Worte und doch äußerst beredt von ökologischen Mangelverhältnissen.
Abstrahierung mit einfachen Mitteln betreibt der Koreaner Hur Jung-Chul in Frantic (5 Min.): Durch die doppelte Spiegelung eines Möwenschwarms am Meer entsteht ein Kaleidoskop, gegen dessen ansteigend horrende visuelle Erratik Michael Bays Digital-Remake von Alfred Hitchcocks Klassiker The Birds alt aussehen wird.
Das Paradebeispiel eines sehenswerten „Found“-Footage-Films ist Dubus von Alexei Dmitriev. Hier tanzen die Puppen aus alten Filmklassikern (Casablanca, Some Like it Hot, Sun Valley Serenade, etc.) in Motion Control zu einer lässig-chilligen Elektrojazz-Nummer von Zelany Rashoho. Der Ton macht die Bewegung – Vergleiche mit einem Luftgitarren-Act sind dennoch strikt zurückzuweisen. An der akkuraten Remixtechnik hätte Martin Arnold wohl seine helle Freude.
Exemplarisch für das Spielfilmangebot des VIS-Programms darf die schweizerisch-deutsche Koproduktion Beckenrand (19 Min.) stehen. Geschickt unterläuft die Inszenierung von Michael Koch die Vorurteilsbildung beim Publikum, welche sich erschreckend einfach, mit wenigen pointierten Bildausschnitten, in Gang setzen lässt. Ein Bademeister gerät hier sukzessive unter Pädophilie-Verdacht, um später auf tragische Weise entlastet zu werden.
Die Unschuldsvermutung gilt jedenfalls nicht für die Macher des VIS-Festivals, die vom exzessiven Umgang mit dem Medium Kurzfilm keinesfalls freigesprochen werden können. Eröffnet wird am 15. Mai im Top Kino unter anderem mit Bilder aus dem Tagebuch eines Wartenden, der Präsenzdiener an der burgenländischen Grenze beobachtet (und den heurigen Diagonale-Kurzfilmpreis erhielt), und mit dem diesjährigen Oscar-Preisträger West Bank Story, der den Nahostkonflikt als Romeo-und-Julia-Musical in Szene setzt.
