Johnny Depp geht es in seiner Arbeit nicht lediglich um die Figur des Außenseiters, sondern um den Zusammenhang zwischen Situation und Charakter und wie dies die Wahrnehmung eines Menschen als Außenseiter erst bedingt
Denkt man an Johnny Depp, stellen sich sehr wahrscheinlich Bilder seltsamer Kerle, um nicht zu sagen: gefährlicher Kindsköpfe ein, deren Habitus von dem eines durchschnittlichen Zeitgenossen ungefähr so weit entfernt ist wie die Arktis von der Antarktis.
Da wäre zum Beispiel jener exzentrische Schokoladenfabrikant, der Anna Wintour, die gefürchtete, langjährige Herausgeberin der Vogue, kanalisiert (Charlie and the Chocolate Factory). Oder ein FBI-Agent mit Vorliebe für doofe T-Shirts, der in Mexiko einen Staatsstreich anzettelt und Köche erschießt, wenn sie ihm zu gut kochen (Once Upon a Time in Mexico). Ein schüchterner Buchhalter im großkarierten Anzug, den es in den Wilden Wes-ten verschlägt und der dort unter Anleitung eines spinnerten Indianers zu mythischer Größe aufläuft (Dead Man). Ein Barbier im Blutrausch (Sweeney Todd). Ein irrer Hutmacher (Alice in Wonderland). Ein liederlicher englischer Adeliger (The Libertine). Nicht zu vergessen jenes seltsame Kunstwesen, das an der Stelle der Hände riesige Scheren trägt (Edward Scissorhands). Und ganz zu schweigen vom Schrecken der Sieben Meere, jener Respekt gebietenden Tunte mit den befremdlichen Bewegungsmustern, dem verrückten Piratenkapitän Jack Sparrow (Pirates of the Caribbean).
Allesamt sonderbare Sonderlinge, die nicht nur sonderbar angezogen sind, sondern die sich auch sonderbar benehmen und sonderbare Ansichten vertreten. Ihnen nach zu urteilen scheint Johnny Depp nichts lieber zu tun, als in Großmutters Klamottenkiste auf dem Dachboden zu wühlen, sich mit Blick auf den größtmöglichen Aplomb in Schale zu werfen – und dann die Party aufzumischen. Dass einer wie er – dem die Aufforderung, sich seinem Alter entsprechend zu benehmen, ganz offensichtlich beim einen Ohr hinein und beim anderen wieder hinausgeht – mal fünfzig werden würde, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren, kann man sich ja irgendwie nicht so richtig vorstellen. Und doch zeigt der Blick in den Kalender, dass es am 9. Juni 2013 eben so weit ist: Johnny Depp, Stellvertreter der (sollte es eine solche geben) Göttin der Exzentrik auf Erden, wird fünfzig Jahre alt. Ein halbes Jahrhundert Ruhestörung und Behinderung der öffentlichen Ordnung. Herzlichen Glückwunsch!
Wer jedoch an Johnny Depp lediglich als den „master of disguise“ denkt, vergisst Figuren wie den gebeutelten Jungen Gilbert in What’s Eating Gilbert Grape, den Undercover-Agenten Joseph D. Pistone in Donnie Brasco, den Buchdealer Dean Corso in The Ninth Gate, den Dichter James Matthew Barrie in Finding Neverland, den Gangster John Dillinger in Public Enemies oder den Journalisten Paul Kemp in The Rum Diary. Zeitgenossen also, die zumindest nicht bereits auf den ersten Blick aus der Masse des Durchschnitts herausleuchten wie eine rote Ampel. Dass sie dennoch wie rote Ampeln wirken, liegt an Depps spezifischer Kunst. Die kennt eben zwei Methoden: das Feinziselieren und den groben Pinselstrich. Dass das eine das andere nicht ausschließt, sondern meist Hand in Hand geht, macht Johnny Depp nicht nur zu einem bemerkenswerten Darsteller, sondern zu einem der großen Schauspieler unserer Zeit.
Geboren am 9. Juni 1963 in Owensboro, Kentucky, als jüngstes von vier Kindern wuchs John Christopher Depp II in einfachen Verhältnissen auf. Seine Mutter arbeitete als Kellnerin, sein Vater als Angestellter bei der Stadt. Kurz nach Johnnys siebentem Geburtstag übersiedelte die Familie nach Miramar, einen Arbeitervorort von Miami, Florida. Dort wurde dann derart häufig der Wohnort gewechselt, dass der Junge irgendwann aufhörte, mitzuzählen. 1978 ließen sich die Eltern scheiden, 1979 schmiss Depp kurzerhand die High School. Er hatte den Entschluss gefasst, Rockmusiker zu werden. Gemeinsam mit der Band The Kids brachte er es in Florida zu lokaler Berühmtheit und eröffnete beispielsweise für Talking Heads, B-52‘s, Ramones und Iggy Pop.(*) 1983 gingen The Kids nach Los Angeles, um von dort aus die Konzertbühnen der Welt zu erobern. Ein Traum, der bald in Brotjobs zerplatzte; schließlich aber dazu führte, dass Depp in der Rolle des Glen Lantz – der in Wes Cravens A Nightmare on Elm Street (1984) ein gar schröckliches Ende als an den Plafond spritzende Blutfontäne nimmt – nachhaltigen Eindruck machte. Nach einigen weiteren mehr oder weniger marginalen Rollen (u.a. in Oliver Stones Platoon) beginnt die erste Karriere des Johnny Depp als Teenager-Idol. In der Polizeiserie 21 Jump Street (1987–90) spielt er den undercover an Highschools ermittelnden Detective Tom Hanson, kann sich bald schon vor Zuwendungsbekundungen hysterischer Girls nicht mehr retten und kommt mit der Aufmerksamkeit, die mit seinem Schwarm-Status einhergeht, zunehmend weniger klar. Depp hasst das für ihn kreierte Image, er hasst die Figur, die er spielt, er sträubt und wehrt sich, er kämpft und bricht aus – never to return again!
Es ist eine der glücklichen Fügungen der Filmgeschichte, die Johnny Depp und Tim Burton zu diesem Zeitpunkt aufeinander treffen lässt, die Depp mutig genug sein lässt, sich um die Rolle des Edward Scissorhands zu bemühen, und Burton wiederum risikofreudig genug, den TV-Boy zu besetzen. Wie heißt es so schön: Der Rest ist Geschichte. Die mittlerweile acht Kollaborationen der beiden gehören jedenfalls zu den Highlights ihrer jeweiligen Filmografien.**
In der Folge spielt Depp unter anderem in Filmen von Emir Kusturica (Arizona Dream), John Badham (Nick of Time), Terry Gilliam (Fear and Loathing in Las Vegas), Sally Potter (The Man Who Cried), Julian Schnabel (Before Night Falls) und Ted Demme (Blow). Sein Regiedebüt gibt er 1997 mit The Brave, der einen düsteren Blick auf die desolate Lage der US-amerikanischen Ureinwohner richtet und mit Pauken und Trompeten durchfällt – was Depp ungeheuer schmerzt. Insgesamt wird er zwar als außerordentlich begabter Schauspieler anerkannt und respektiert, doch ein Star ist Johnny Depp nicht. Dazu sind die Projekte, die er auswählt, zu abseitig, die Regisseure, die sie leiten, zu unabhängig und die Figuren, die er gestaltet, zu eigenartig. Depp wird als „patron saint of the lost and lonely“ in eine Schublade gesteckt. Das ficht ihn nicht an, denn er arbeitet an einem Œuvre, das als Ganzes betrachtet tatsächlich einen Sinn ergibt. In einem 2005 mit der Zeitschrift „Empire“ geführten Interview sagt er: „Es gibt ein Thema, zu dem ich hin und wieder zurückkehre: Was beurteilt die Gesellschaft als normal, was als unnormal, wer legt das fest und warum? Es geht dabei auch darum, der Welt nicht zu erlauben, einen mit Müll zu bewerfen; zu versuchen, sich jene Geschenke zu bewahren – Neugier, Faszinationsfähigkeit –, die uns als Kinder gegeben wurden.“
Damit arbeitet Depp gegen den Strom. Er hält sich hartnäckig fern von Hollywood und dessen Eitelkeitsbetrieb, bis er eines Tages beschließt, auch seine Kinder*** sollten ihn mal in einem Film sehen können. Und dann übernimmt er erstmals eine Rolle in einem waschechten Blockbuster, der noch dazu auf einer Vergnügungsfahrt in Floridas Disneyland beruht. Ausgerechnet. Aber irgendwie dann doch nicht wirklich verwunderlich. Depps Captain Jack Sparrow schlägt ein wie eine Bombe. Jetzt kennt ihn jeder. Will ihn jeder. Haben es alle ja schon immer gewusst. Seine über die Maßen erfindungsreiche Darstellung bringt Depp seine erste Oscar-Nominierung ein. Zwei weitere folgen für seine Rollen in Finding Neverland und Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street.
Rückblickend ist es verwunderlich, wie lange Depp um Anerkennung kämpfen, wie lange er sich gegen Festschreibungen und Etikettierungen zur Wehr setzen musste. Die gebetsmühlenartig wiederholte, stark vereinfachende Beschreibung der Depp’schen Charaktere als Spinner, Sonderlinge, weichherzige Exzentriker, weltfremde Träumer oder eben schlicht Außenseiter wird ja weder den Rollen noch ihrem Darsteller gerecht. Sie ist vielmehr Ausdruck des Versuchs, sich mittels griffiger Formulierungen um die Analyse zu drücken. Wohl wissend, dass eine solche Analyse, selbst wenn ihr Gegenstand eine aus dem Instinkt eines Schauspielers geschaffene Kunstfigur ist, notwendigerweise schnell eine gesellschaftskritische Dimension erreichen müsste. Hinter der ängstlichen Vermeidung eines Blicks hinter die Etiketten steckt die Angst vor der dort möglicherweise verborgenen unerfreulichen Erkenntnis, dass das Verhältnis zwischen Normalität und Wahnsinn eigentlich genau umgekehrt sein müsste.
Depp geht es in seiner Arbeit nicht lediglich um die Figur des Außenseiters, sondern um den Zusammenhang zwischen Situation und Charakter und wie dieser Zusammenhang die Wahrnehmung eines Menschen als Außenseiter erst bedingt. Dabei scheut er sich auch nicht, den Kampf mit Erwartungshaltungen und Konformitätsdruck als problematisch und durchaus existenzbedrohend immer wieder zum Thema seiner Rollen zu machen. Die mitunter bis ins klinische Bild der Schizophrenie reichenden Spaltungen, die zahlreiche Depp-Figuren charakterisieren, sind nichts anderes als der Anknüpfungspunkt für den fundamentalen existenziellen Konflikt zwischen Schein und Sein, Sehnsucht und Wirklichkeit, unendlichen Möglichkeiten und konkreter Entscheidung. Indem Johnny Depp immer wieder Figuren spielt, die nicht hinein passen (wollen), in das vorherbestimmte, gesellschaftlich sanktionierte Leben, hält er die Tür in einen (gedanklichen) Freiraum offen, in dem von einer anderen, möglicherweise besseren Welt geträumt werden kann. „Außenseitertum“, wie Depp es gestaltet, ist nicht negativ als „Ausgestoßensein“ zu verstehen, sondern als positiv gewerteter Zustand, der gegen alle Widerstände demonstriert, dass es auch anders geht. Damit verbindet sich zugleich eine moralische Wertung.
In seinen besten Rollen schafft Johnny Depp das Bild einer aus freiem Entschluss gewählten Existenz, die die Kritik am Status quo menschlichen Miteinanders einfach und schlicht in ihrem Da-Sein trägt. Nicht als Vorwurf, sondern als Chance. Die nächste Gelegenheit, eine solche Chance wahrzunehmen, wird The Lone Ranger sein, der nach langjährigem Hin und Her – zu dem Terminkollisionen, monetäre sowie produktionsstrategische Erwägungen, Umbesetzungen und Neufassungen und dann erneut Terminkollisionen gleichermaßen beitrugen – im August 2013 endlich doch noch den Weg in die Kinos finden soll. Basierend auf der gleichnamigen Groschenromanheft-Serie rekapituliert darin der Indianer Tonto (Johnny Depp) die Abenteuer, die er gemeinsam mit dem Titelhelden (gespielt von Armie Hammer) bestanden hat. Das Ganze findet unter der bewährten Leitung von Gore Verbinski – dem Regisseur der ersten drei Pirates-of- the-Caribbean-Filme – statt.
* Seine künstlerische Laufbahn mag nicht den geplanten Verlauf genommen haben; dass Depp in seinem Herzen Musiker geblieben ist, ist in vielen seiner Filme zu spüren, nicht nur, wenn er sich an den Titelpart in Stephen Sondheims sauschwierig zu singendem Musical „Sweeney Todd“ herantraut. Gemeinsam mit Gore Verbinski und Hal Willner produzierte er „Rogues Gallery“ sowie „Son of Rogues Gallery“, zwei außerordentlich hörenswerte Kompilationen von „Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys“, die aus dem umfangreichen Pirates-Merchandising herausragen.
** Vgl. hierzu den ausführlichen Text über die langjährige Zusammen-
arbeit zwischen Burton und Depp in „ray“, Mai 2012.
*** 1998 lernt Depp die französische Musikerin und Schauspielerin
Vanessa Paradis kennen, mit der er bis 2012 liiert ist; die beiden haben zwei Kinder.
