Regisseur Detlev Buck über die Arbeit am Kinderfilm „Hände weg von Mississippi“ und darüber, was seine Töchter davon halten.
Herr Buck, Ferien auf dem Lande und vieles von dem, was man in Hände weg von Mississippi sieht, gab es auch in Ihrer Kindheit, oder?
So kann man das nicht übersetzen. Natürlich versetzt man sich in die eigene Kindheit zurück, um einen persönlichen Zugang zu haben, aber vorgegangen bin ich wie ein Regisseur. Mein Anspruch war nicht nur, einen Kinderfilm zu machen, sondern einen Film zu machen, in den ich mit Kindern reingehe, die dann nicht gelangweilt sind.
Wie sind Sie denn vorgegangen?
Nach der Entscheidung, die Regie zu übernehmen, habe ich angefangen, Literatur zum Kinderfilm zu suchen. Und was musste ich feststellen? Es gibt keine Literatur. Zu jedem Scheißgenre gibt es tausende von Büchern, nur zum Kinderfilm gibt es nichts.
Die für mich wahnsinnig wichtige Frage war: Was bedeutet Angst für Kinder? Damit habe ich mich ewig beschäftigt und mich dann von einem schönen Kinderfilm zum nächsten gehantelt: Von Jean-Loup Huberts Film Am grossen Weg (1987) über Lasse Hallströms Wir Kinder aus Bullerbü (1986) bis hin zu einem Klassiker, nämlich Jacques Tatis Schützenfest (1949). Die habe ich auch an meinen Kindern getestet und dabei gemerkt, dass die ein bisschen „arthousig“ denken, das fand ich gut.
Dann erst habe ich begonnen, am Drehbuch zu arbeiten und mit Mitgliedern des Teams sukzessive und spielerisch persönliche Erinnerungen einzubauen, wie zum Beispiel das Erdbeeren-Klauen auf dem Feld, das man nicht darf, zu dem man aber auch noch Sahne mitnimmt.
Die persönlichen Erinnerungen waren also nicht von Anfang an da?
Ich bin zwar auf dem Land aufgewachsen, aber das ist etwas anderes, als bei seiner Oma Urlaub auf dem Land zu machen. Der Roman beginnt ja damit, dass Emma allein mit dem Bus dort ankommt, tief einatmet und sagt: „Was für eine Luft, hier riecht es so gut.“ Sie macht eine Reise dahin.
Wie lange dreht man an so einem Film?
Acht Wochen, einen Feriensommer lang. Ein Harry Potter dauert da natürlich länger. Der Kameramann, mit dem ich Männerpension gedreht habe, hat jetzt Harry Potter gemacht und war ein ganzes Jahr beim Dreh.
Gab es mit den Kindern Schwierigkeiten auf dem Set?
Mit kleinen Kindern ist es schwer. Wer mal einen echten „Star“ erleben möchte, muss mit einem Dreijährigen drehen. Da treffen dann folgende Nachrichten ein: „Er ist da, wir müssen aber seine Szene zuerst drehen, sonst kriegt er schlechte Laune und macht nicht mehr mit.“ Vor dem zweiten Take fragt er: „Warum muss ich das zwei Mal machen?“ Wenn er für einen weiteren Drehtag wieder kommen soll, heißt es: „Er kommt nicht mehr, das Filmen macht ihm keinen Spaß.“ Das sind echte Stars! Ich glaube nicht, dass Sie ein Interview von ihm kriegen.
Und die nicht mehr ganz so Kleinen?
Die haben uns beim Schneiden nach jedem Drehtag geholfen. Für den Endschnitt brauchten wir dann nur noch vier Tage. Da waren wir schneller als Mr. Eastwood, der hat für Million Dollar Baby, glaube ich, zehn Tage gebraucht.
Was haben Ihre Töchter zum Film gesagt?
Die Älteste hat das Making of gedreht, die jüngeren haben schon beim Rohschnitt ihre Meinung geäußert, und jetzt lieben sie ihn. Klara, die Fünfjährige, hat ihn schon zehn Mal gesehen. Und Emma, die Achtjährige, kuckt auch gern mit. In Harry Potter kann ich mit den beiden ja nicht gehen, das regt sie zu sehr auf, ist zu heavy für sie. Es fehlen Filme wie Bullerbü, finde ich. Filme, in denen die Welt den Kindern gehört und – zumindest in den Grundmauern – alles sicher ist.
Die „Bösen“, Gansmann und Hinnerk, wirken etwas holzgeschnitzt.
Die sind wie Dick und Doof, irgendwie belämmert. Meiner Meinung nach ist das im Leben auch so. Außerdem dürfen die gar nicht zu raffiniert wirken, sonst glauben die Kinder ja nicht, dass man die locker reinlegen kann.
Und die Schönheit des Landlebens wirkt gar verklärt …
Dass ich die Schönheit auf dem Land überstilisiere, mag man mir vorwerfen, aber das interessiert mich überhaupt nicht. Ich will davon erzählen, wie schön und idyllisch ein Kindersommer sein kann.
Worum geht es Ihnen dabei im Kern?
Um die Atmosphäre völliger Freiheit, wie bei Bullerbü. Ich hatte als Kind fünf Haushalte, bei denen ich viertel vor zwölf aufgekreuzt bin und gefragt habe, was es zu Mittag gibt. Und dann habe ich entschieden, wo ich hingehe. Das Erdbeeren-Essen, liegend im Feld, das kannte meine tschechische Kamerafrau Jana Marsik auch. Ein universaler Genuss. Konkret bei dem Film ist natürlich die Frage: Kann Emma das Pferd reiten, wird sie es reiten? Das ist ein großer Moment für ein Mädchen, das ist Brokeback Mountain für kleine Bisexuelle.
