Inland Empire – Der Himmel brennt

Der Himmel brennt

| Karin Schiefer |

Die Pariser Fondation Cartier widmete unter dem Titel „The Air Is on Fire“ dem Maler, Grafiker und Fotografen David Lynch die bisher umfassendste Schau.

Regie führt David Lynch auch, wenn es um seine Malereien geht. Für die Pariser Ausstellung mit dem explosiven Titel The Air Is on Fire stellte er nicht nur seine Exponate, sondern auch das Ausstellungskonzept bereit: In den von Jean Nouvel geschaffenen Räumen der Fondation Cartier hat Lynch auf zwei Ebenen Malereien, Fotografien, Skizzen und Zeichnungen sowie seine frühen experimentellen Filmarbeiten räumlich und akustisch als Gesamtkunstwerk in Szene gesetzt.

Ein Windstoß im Atelier, der einige auf einem seiner Bilder aufgeklebte Elemente in Bewegung versetzte und dabei Geräusche verursachte, brachte Lynch erst auf die Idee, „Bilder in Bewegung“ zu schaffen, sechs Monate später war sein ers-ter vierminütiger Experimentalfilm Six Men Getting Sick (1967) fertig. Selten verkörpert eine Künstlerpersönlichkeit so sehr den Anspruch eines absoluten Künstlers, der über die visuellen Komponenten seines Schaffens hinaus in narrativer, musikalischer und architektonischer Hinsicht eigene Maßstäbe setzt. Die Malerei war seit jeher Lynchs wichtigstes künstlerisches Ausdrucksmittel und ist es bis heute geblieben.

Imposante, mit gelben, roten und blauen Stoffbahnen verhangene Stahlgestänge bilden eine labyrinthartige Struktur, in der er seine großformatigen Malereien und die digital bearbeitete Fotoserie Distorted Nudes präsentiert. Vorhangartige Stoffflächen, die dem Ganzen eine leichte Beweglic­hkeit und einen theatralischen Aspekt verleihen, ein dezent sphärischer, für kurze Momente immer wieder irritierender und beunruhigender Soundteppich bilden den subtilen Untergrund für Lynchs verstörende Bilder, die die vielschichtigen Abgründe seiner Kinobilder zu reglosen Momentaufnahmen komprimieren. Organisches Material oder Fotografien liegen seinen expressiven Bildkompositionen zugrunde, die immer wieder den menschlichen Körper in seiner Fragilität, die Bedrohtheit der Existenz, die rätselhaften Schichten des Bewusstseins evozieren. Der Diptychon Bob sees himself walking towards a formidable abstraction bringt die Sprache seiner Bilder auf den Punkt: Bob im linken Bild, der sich aus der Perspektive eines Fallschirms selbst beobachtet, ist im Bild rechts nur noch als formloser Überrest eines gewaltsamen Todes zu erkennen. Die krude Gewalt seiner Bilder kontrastiert Lynch mit einer ironisierenden Naivität der Darstellung und vor allem mit dem lapidaren Humor seiner Schriftelemente.

Ein formales Gegengewicht zur dunklen Malerei setzen seine Zeichnungen – einsame Innenräume, unwirtliche Landschaften, spontane Assoziationen – festgehalten auf allem, was gerade greifbar war – Servietten, Post-its, Zündholzschachteln, Papier: hunderte weder mit Titel noch Datum versehene, jedoch vom Künstler minutiös aufbewahrte und immer wieder konsultierte Skizzen. Seine Fotografien und Experimentalfilme hat Lynch im Untergeschoß – eine Schicht tiefer liegend – ausgestellt. Düstere, aufgelassene Fabriksgebäude in Philadelphia, halb schmelzende, teils gesichtslose Schneemänner irgendwo in Idaho, erotisierte Assoziationen zum weiblichen Körper, Spiele von Licht und Schatten, Hotelzimmer, scheinbar leer und banal, und dennoch wächst langsam und unterschwellig das Universum Lynchs, in das man einst erstmals über die Leinwand eingetaucht war, zu einem schlüssigen und in seiner unerforschbaren Tiefe faszinierenden Ganzen zusammen.